Kultur

Schweizerreise auf Auf- und Abwegen

Eine Veloreise durch die Schweiz verspricht das neue Buch «querpass» von Dres Balmer. Ein sportlicher Kollege verfolgt die Route vom Toggenburg ins Pays-d’Enhaut vor dem geistigen Auge und vergleicht sie mit dem Gedruckten und eigenen Erfahrungen. Hanspeter Guggenbühl
«Mit dem Velo vom Bodensee zum Genfersee». Bei diesem Untertitel denken Gümmeler an die 300 Kilometer lange Eintages-Klassik, die arschflach und sitzbeschwerdefördernd von Romanshorn nach Lausanne führt. Bergziegen hingegen fixieren die Silbe «Pass» und träumen von glorreichen Zweitausendern wie Oberalp, Furka oder Susten, die sich ja auch irgendwo zwischen Boden- und Genfersee erheben.
Dres Balmer aber, der Autor von «querpass», erfüllt keine der beiden Vorstellungen. Er wählte den Mittelweg zwischen Alpen und Mittelland. Dieser führt oft stotzig hinauf und steil hinab, bleibt aber stets unter der Schwelle von 2000 Metern über Meer. Balmer bevorzugt wenig bekannte und deshalb verkehrsarme Passstrassen. Obwohl er die Voralpen quert, fährt er – linguistisch widersprüchlich formuliert – «von Hinterland zu Hinterland». Zuerst vom Bodensee ins Toggenburg, zuletzt vom Saanenland an den Genfersee. Und dazwischen aufs Rütli, sozusagen ins patriotische Herz der Schweiz. Zu bezwingen sind Eintausender zwischen Ruppenpass im Osten und Col de la Croix im Westen.
Die Reise endet am Ostufer des Lac Léman. Das Ziel aber ist stets der Weg. Der Führer teilt ihn auf in sechs Etappen, ergänzt mit verschiedenen weniger schweisstreibenden Alternativrouten. Ambitionierte Tourenfahrende mögen die rund 500 Kilometer lange Hauptroute mit ihren 11000 Höhenmetern in sechs Tagen bewältigen. Doch damit verpassen sie vieles, was am Rande des Weges liegt: zum Beispiel die Museen, die der Autor besuchte und beschreibt. Den Untergrund, den das Hölloch im Schwyzer Muotathal erschliesst. Oder die lokale Geschichte – und viele Geschichten, die man sich hinter den voralpinen Bergen erzählt. Wer alles sehen und erleben will, was der 176-seitige Reiseführer beschreibt, braucht mindestens einen Monat Ferien. Allerdings können sich Radfahrerinnen und -fahrer auch mit Teilstücken dieser ebenso abwegigen wie faszinierenden Veloreise durch die Schweiz begnügen.?

Philosophiestunde auf dem Rad
Wenn er unterwegs die Landschaft in sich aufsaugt, kommt Balmer zuweilen ins Philosophieren. Etwa auf der Fahrt über den «Ruppen». Dann entstehen Sätze wie diese: «Das St. Galler Rheintal hat etwas Flüchtiges, Ausuferndes. Darum gedeiht das Fernweh hier so gut. Anders ist das Appenzellerland. Es ist etwas in sich Geschlossenes, in sich Ruhendes. Vielleicht kann hier Fernweh gar nicht aufkommen, weil sich ringsum so hübsche runde, grüne Hügel erheben, welche die Sehnsucht auf einen selbst zurück werfen. So wird aus dem Appenzellerland eine sesshafte Welt, die sich selber genügt.» Nach dieser Passage steigt der radelnde Reporter vom Rad und folgt virtuell den langen Spaziergängen, die der 1956 verstorbene Schriftsteller Robert Walser von der Psychiatrischen Klinik Herisau aus mit seinem Vormund Carl Seelig unternommen hat. Solche Einschübe findet man auch in andern Etappen.
Dres Balmer ist ein Schriftsteller, der sein Brot als Journalist verdient, bevorzugt auf dem Velo. In seinen Reiseführern verbindet er Belletristisches mit Routenbeschrieb, Philosophisches mit praktischen Tipps. Tritt er in die Pedale, so dreht sein Kopf mit, und der Geist lässt den geplagten Körper hinter sich zurück. Die Vorder Höhi zum Beispiel, eine Militärstrasse, die das Toggenburg mit Amden verbindet, ist unheimlich steil. Der Aufstieg treibt den Schweiss aus den Poren und den Schmerz in die Beine. Das weiss der Rezensent aus eigener leidvoller Erfahrung. Doch Balmer spürte es offensichtlich nicht, denn er schreibt hier: «Die Auffahrt ist ein Morgenfest in würziger Luft, das Radeln ganz mühelos.»

Auch für Velomuffel?lesenswert
Velofahren ist an sich etwas Eintöniges. Der Mensch tritt, die Kurbel dreht, 90 Mal in der Minute, 5400 Mal pro Stunde, über 100000 Mal auf dem Weg vom Boden- zum Genfersee. Spätestens nach den ersten Seiten, so würde man meinen, müsste dem Reporter das Vokabular ausgehen. Doch Balmer versteht es immer wieder, die Vielfalt der erfahrenen Wege und Landschaften, die Geschichten am Wegrand und die Reisen der Gedanken in neue Worte und Bilder zu kleiden. «querpass» ist ein informativer und unterhaltender Führer durch ein wenig bekanntes Stück Schweiz – lesenswert selbst für jene, die zu Hause bleiben.

Dres Balmer: «querpass – Mit dem Velo
vom Bodensee zum Genfersee», 176 Seiten, Fr. 34.90, Herausgeber: Verlag velojournal, erschienen im Werd-Verlag, 2009.
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