Test

Packen wirs!

Transportvelos verbinden das Praktische des Velos mit der Transportkapazität eines kleinen Minivans und werden so für Familien, Gewerbebetriebe und Institutionen zum praktischen Helfer im Alltag. velojournal hat vier aktuelle Modelle bepackt und gefahren. Marius Graber
Dauernd muss etwas transportiert werden: Heu und Stroh für die Haustiere, eine Pultplatte für das neue Büro, Getränkeharasse, ein grosser Blumentopf und Gartenerde. Lauter Dinge, die für das normale Velo zu gross und zu sperrig sind, vom Gewicht her aber per Pedal noch gut zu verschieben sind. Natürlich benötigen solche Transporte Kraft, doch das Transportvelo ist praktisch. Man stellt es direkt vor den Laden und fährt locker durchs Stadtgewühl. Dank offener Ladeflächen sind auch sperrige Sachen leicht zu verladen.
Die meisten Tansportvelos lassen sich mit Sitzen, Gurten und Regendächern für Kinder-Shuttle-Dienste ausrüsten und bilden so eine Alternative zum Anhänger.
Der Vorteil: Die vorne sitzenden Kinder sind im Blickfeld der Eltern, und Eltern und Kinder können sogar unterwegs miteinander plaudern. Je nach Modell könnten eigentlich drei oder vier Kinder transportiert werden – dies erlaubt das Gesetz allerdings nicht. Cargobikes sind auch für Gewerbebetriebe und Institutionen ideal: Sie wirken sympathisch und können auch mal durch die Fussgängerzone geschoben werden. Alle im Betrieb – ob mit oder ohne Führerschein – können damit Transporte erledigen. Das haben in Zürich einige Hauswartsdienste entdeckt, aber auch der Flughafen Kloten, wo Werkzeuge und Ersatzteile von Hangar zu Hangar mit dem Cargobike transportiert werden. Lastenräder werden auch als Promotionsfahrzeuge eingesetzt.

Verschiedene Typen
Grundsätzlich kann man die Transportvelos in verschiedene Typen unterteilen: in zwei- und dreirädrige Fahrzeuge, solche mit der Ladefläche vor oder hinter dem Fahrer oder der Fahrerin. Ob zwei oder drei Räder, ist meist die erste Grundsatzfrage. Die zweirädrigen Fahrzeuge haben geringere Gepäckflächen, bleiben dafür schmal und kommen müheloser durch den Verkehr. Sie fahren sich gleich oder sehr ähnlich wie ein normales Velo. Dreirädrige Modelle haben eine grössere Ladefläche, stehen sicher und können einfacher be- und entladen werden. Doch sie brauchen mehr Platz auf der Strasse und unterm Veloständer. Das Fahrverhalten ist deutlich anders. Vor allem kann man mit drei Rädern nicht in die Kurve liegen. Damit kommen nicht alle Velofahrenden gleich gut zurecht. Am besten, man probiert es aus.

Frischer Auftritt von Yuba und Bakfiets
Als zweirädriges Fahrzeug mit der Ladefläche vor dem Fahrer gibt es das traditionelle holländische Bakfiets (Bäckerrad), die englische Version davon heisst Long John. Die beiden haben sich mit ihren robusten Stahlrahmen seit Jahren bewährt. Die modernere Aluminiumausführung ist das Bullitt aus Dänemark, mit MTB-Schalt- und Bremstechnik. Die Ladefläche vorne liegt sehr tief, das hält den Schwerpunkt niedrig. Das Transportgut ist immer im Blick des Fahrers. Das Vorderrad wird hier indirekt gelenkt, denn es ist weit vorgeschoben. Dies erfordert etwas Erfahrung und eine sichere Hand, insbesondere in engen Kurven, beim Manövrieren und auf schlechtem Untergrund.
Einspurig, aber mit der Ladefläche hinter dem Fahrer, ist das Modell Yuba konstruiert. Es verfügt über einen grossen Gepäckträger und zwei tiefliegende seitliche Gepäckflächen. Ihm fehlt zwar die grosse Gepäckfläche, die das Bakfiets so praktisch macht, dafür ist Yuba vielseitig einsetzbar: Seitlich können zwei grosse Kisten montiert werden. Eine Tischplatte lässt sich hier senkrecht stehend befestigen, ein Kanu oder Surfbrett längs zum Velo. Trotz seiner Länge und auch bei einseitiger Beladung fährt sich das Yuba neutral und weist unter den getesteten Lastvelos das beste Fahrverhalten auf. Auf ebener Strecke vergisst man schnell, welche Last man befördert. In der gleichen Bauweise bietet der US-Kulthersteller Surly sein «Big Dummy» an. Mit dem X-Tracycle-Nachrüstkit kann auch ein «gewöhnliches» Velo zum Lastenmodell umgerüstet werden.

Geschichtsträchtiges Christiania
Bei den Dreiradfahrzeugen dominieren die Frontlader. Der Klassiker ist das Christiania-Bike: Mitte der Achtzigerjahre im «Freistaat Christiania» in Kopenhagen entwickelt, weist das Fahrzeug nicht nur eine interessante Geschichte auf. In ihm steckt auch jede Menge Erfahrung. Es ist in diversen Ausführungen, mit verschiedensten Aufbauten oder auch nur als Rahmen erhältlich, falls an die Transportfläche besondere Anforderungen gestellt werden. Denkbar ist hier fast alles – vom Glacestand über eine Werkzeugkiste bis zur Hundebox. Die grosse Ladefläche zwischen den beiden Vorderrädern lässt vieles zu, auch an Gewicht. Da das Velo auf drei Rädern jederzeit sicher steht, kann es auch einfach be- und entladen werden. Der sichere Stand lässt auch sehr langsame Fahrten zu, und das Warten an der Ampel wird schon fast gemütlich. Neben Christiania stellen unter anderem auch Bakfiets, Nihola, GustavW, Monark und andere Firmen Cargobikes in dieser Konstruktionsweise her.

Der Zusatzmotor bringts
Cargobikes werden heute vorwiegend in Holland und Dänemark eingesetzt. Entsprechend dominieren die Achtgang-Nabenschaltungen und Rollerbrakes. Diese Systeme sind zwar wartungsarm und im ebenen Gelände absolut ausreichend. Mit dem Zusatzgewicht von Fahrzeug und Last spürt man jedoch mit fast schon seismografischer Genauigkeit jede Steigung. Im Schweizer Gelände sind deshalb ein grosses Schaltspektrum und kräftige Bremsen nötig. Hier ist das Bullitt mit hydraulischen Scheibenbremsen und MTB-Kettenschaltung im Vorteil. Und natürlich die E-Bike-Version des Bakfietsvelo und Christiania mit ihren kräftigen Elektromotoren: Selbst starke Steigungen sind damit locker zu meistern. Ohne Motor wäre dies nur schon aufgrund des Velogewichts Schwerstarbeit – beladen erst recht. Das Angebot an Zusatzmotoren für Lastenvelos ist inzwischen gross, und die Motoren machen Transporte auch mit normalen Kräften einfach. Durchaus denkbar, dass dank Elektrounterstützung die Transportvelo nun viel häufiger auf den Schweizer Strassen anzutreffen sein werden. Denn etwas zu transportieren gibt es immer. Wenn nicht für den eigenen Haushalt, so bestimmt für die lieben Nachbarn: «Du, du hast doch jetzt so ein praktisches Velo …»

Nachrüst-Kit / Pickup-Bike
Das Xtracyle-Kit macht aus jedem Velo ein Cargobike. Zum Transportieren von extragrossen Gütern kann das Xtracycle mit dem «Wideloader» und dem «Longloader» ergänzt werden. Das Xtracycle kostet ca. 750 Franken.
Infos: USED GmbH, 0049 5431 90899980

In velojournal 5/06 berichteten wir über das Schweizer Transportvelo Pickup-Bike. Es wird mit der Shimano
8-Gang-Nabenschaltung und Rollerbrakes angeboten, neu ist es zudem mit dem Bionx-Elektro-Antrieb erhältlich.
Infos: Pickup-Bike, 056 622 98 39, www.pickup-bike.ch

Das Smike, das Velo mit dem Seitenwagen für den Transport von Erwachsenen, welches velojournal ebenfalls in der Ausgabe 5/06 vorgestellt hat, wird in der Schweiz mittlerweile nicht mehr angeboten, da es die Strassenzulassung nicht erhalten hat.

Mehr dazu im Web unter:
www.velojournal.ch/archiv/2006/ausgabe-5-2006/neue-velos-braucht-das-land.html
www.xtracycle.com / www.used-hq.com
 
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