Szene
Visionen im Emmental
Das Emmental wird gemeinhin als abgelegen, politisch konservativ und behäbig wahrgenommen. Und doch macht hier eine aktive Pro Velo mit innovativen Projekten von sich reden. Diese gehen über die reine Veloförderung hinaus. Ivo Mijnssen
Ländlich ist das Emmental – und hügelig. Felder und typische
Bauernhäuser säumen die Bahnlinie, aber auch immer mehr gesichtslose
Agglomerationsgürtel. Letztere werden umso zahlreicher, je näher Bern
rückt. Die Wohnlage ist attraktiv – im Grünen und doch gut erschlossen:
75 Prozent der EmmentalerInnen leben in gut erreichbarer Fuss- und
Velodistanz vom nächsten Bahnhof, viele von ihnen pendeln.
Theophil Bucher, der langjährige Präsident von Pro Velo Emmental, ist
einer von ihnen. Er lebt in Burgdorf und pendelt regelmässig nach Bern
– oft per Velo: «Ich brauche kaum länger für meinen Heimweg als einige
meiner Kollegen, die per Bus aus einem Berner Vorort kommen.» Er sieht
ein enormes Potenzial für das Fahrrad in dieser Region. Burgdorf ist
das Epizentrum der Veloförderung im Emmental: Dort wurde 1982 die IG
Velo Burgdorf gegründet, dort wurde das Projekt einer «Fussgänger- und
Velomodellstadt» (siehe velojournal 3/07) samt Velostation umgesetzt,
dort leben die meisten der 448 Mitglieder von Pro Velo Emmental.
Regionaler Velorichtplan
Die Umbenennung von «Burgdorf» in «Emmental» erfolgte 2007 mit dem
Anspruch, als regionale Organisation wahrgenommen zu werden und das
lokale Denken zu überwinden. Theophil Bucher hält dieses für ein
grosses Problem, gerade in der Planung: «Im Emmental baut jede Gemeinde
ihre eigenen Velowege, die mal rechts und mal links der Eisenbahn
entlangführen oder 500 Meter vor der Gemeindegrenze enden.» Deshalb
setze sich Pro Velo für einen regionalen Velorichtplan und für sichere
Verbindungen in der gesamten Region ein.
Für Bucher ist Veloförderung aber mehr. Um den Anspruch auf eine
nachhaltige Verkehrsplanung zu unterstreichen, haben Pro-Velo-nahe
Kreise im Rahmen des Projektes «emmental bewegt» eine Reihe von
Massnahmen ausgearbeitet. Neben Burgdorf werden sie vor allem in
Langnau und Trubschachen umgesetzt: Mit Hilfe eines Bundeskredits von
350000 Franken wurden ein breites Elektrovelo-Angebot eingeführt,
Mobilitätsberatung und Velokurse etabliert, das Angebot des
öffentlichen Verkehrs ausgebaut und ein Velo-Hauslieferdienst in
Langnau aufgebaut. Dank Förderprogramm dürfte Trubschachen inzwischen
die Gemeinde mit der höchsten E-Bike-Dichte der Schweiz sein.
Hauslieferdienst breit akzeptiert
«Das Konzept des Velo-Hauslieferdienstes ist bestechend einfach»,
erklärt der stellvertretende Betriebsleiter Andreas Wymann: In den
meisten lokalen Geschäften können sich die Kunden ihre Einkäufe für
drei Franken per Elektrovelo und Anhänger nach Hause liefern lassen.
Oder sie lösen gleich eine Jahreskarte und nehmen den Dienst zum
Pauschalpreis in Anspruch. Die Fahrer sind Sozialhilfebezüger, die sich
durch ihre Arbeit einen Zusatzverdienst sichern und die Chance
bekommen, wieder einen festen Job zu finden. Für diese Leistung erhält
das Projekt eine Abgeltung von den Gemeinden.
«Das Projekt ist ein grosser Erfolg», so Wymann. Im Vergleich zu den
25000 jährlichen Lieferungen des ebenfalls von Pro Velo geleiteten
Hauslieferdienstes in Burgdorf muten die 5500 Fahrten in Langnau zwar
noch bescheiden an. Doch das Vorbildprojekt von Burgdorf läuft auch
schon seit zwölf Jahren. Der neue Hauslieferdienst Langnau wächst
schnell: Von anfänglich gut 200 monatlichen Lieferungen stieg die Zahl
auf über 600. Innerhalb des letzten Jahres wurden laut Wymann fast zehn
Prozent aller Haushalte beliefert. Dies weist auf die grosse Akzeptanz
in der 9000 EinwohnerInnen zählenden Gemeinde hin.
Dem war nicht von Beginn weg so. Viele misstrauten diesem Projekt der
«Grünen und Linken» und zögerten, «dubiosen Figuren» ihre Einkäufe
anzuvertrauen. Die Gemeinde lehnte zuerst eine Beteiligung am Projekt
ab, sodass der Lieferdienst auf Einsatzkräfte aus den Nachbargemeinden
angewiesen war. Doch inzwischen hat der Langnauer Gemeinderat aus
eigener Initiative nachgezogen. Andreas Wymann kommentiert schmunzelnd:
«Die Emmentaler sind zwar etwas behäbig, aber wenn sie dann etwas
packt, dann packt es sie.» Man sei hier durchaus bereit, sich von einer
guten Idee überzeugen zu lassen.
Nachhaltige Entwicklungen
Kundinnen, Leitende und Fahrer verweisen regelmässig auf den sozialen
Mehrwert des Projektes. Die umweltschonende Wirkung des Service ist
weniger offensichtlich. Doch eine Erhebung vor einigen Jahren in
Burgdorf zeigte, dass dort der Hauslieferdienst massgeblich dazu
beitrug, dass 21 Prozent der Einkäufe zu Fuss oder mit dem Velo
getätigt wurden, weit mehr als in vergleichbaren Orten. Für Theophil
Bucher sind sowohl soziale als auch ökologische Aspekte wichtig: «Beide
sind Teil einer nachhaltigen Entwicklung. Und diese wollen wir im
Emmental fördern.»