Kultur

Chrampfer und Traumtänzer

Die gegensätzlichen Velo-Idole Ferdy Kübler und Hugo Koblet inszeniert das Berner Stadttheater im verstörenden Stück «Hugos schöner Schatten» von Gerhard Meister. Dres Balmer
Es ist vier Uhr morgens. Es regnet. Ferdy Kübler (dargestellt von Ernst C. Sigrist) wälzt sich im Bett. Er möchte über den Klausenpass radeln, sein Arzt aber hat es ihm verboten. Ferdy, der nicht mehr einschlafen kann, platzt fast. Also steigt er aufs Rad, fährt, wie schon hundertmal, im Regen über den Klausen, «immer den Klausen hinauf und immer den Klausen hinunter». Dann trifft er seinen Freund und Rivalen Hugo Koblet (Diego Valsecchi). Der erzählt ihm, welche Strecke er gefahren ist: Von Zürich über den Albula, durchs Bergell, über den Splügen nach Thusis, die Surselva hinauf, dann über den Oberalp und Andermatt wieder nach Hause. Da staunt Ferdy und beginnt, Höhenmeter nachzurechnen. Hugo fügt lachend bei, er habe die Tour mit einer schönen Frau gemacht – im Auto, in seinem Studebaker.
Hugo Koblet und Ferdy Kübler stehen für zwei gegensätzliche Charaktere: Ferdy der Solide, Hugo der Traumtänzer. Beide verbinden die Erfolge als Velofahrer. Eine vielversprechende Ausgangslage für ein Theaterstück. Gerhard Meister hat es geschrieben, Katharina Ramser auf der riesigen schwarzen Bühne des Stadttheaters Bern inszeniert. Durch das zweieinhalbstündige Drama zieht sich – manchmal schleppend – das Leitmotiv von Ferdys Golfspiel, das er in reiferem Alter entdeckt hat. Er kommt nicht zurecht mit dem Abschlag, sein Golflehrer (Sebastian Edtbauer) ermahnt ihn, locker zu bleiben, tief zu atmen und Pausen einzulegen. Ferdy protestiert: Pause machen, das hat er nie gekannt, nur gekrampft hat er immer.

Zwei Prinzipien, verschiedene Ebenen
Die Berner Vidmarhalle ist ausverkauft, im gebannten Publikum sitzen angegraute Gümeler mit Velofahrer-Käppi und allerlei cyclistische Prominenz. Drei Theater-Pedaleure mühen sich am Pass ab. Zwischen den Atemstössen reden sie über Sinn und Unsinn von Velorennen. Die Velos sind zwar aufgebockt, doch die Domestiken (Daniel Frei, Jonathan Loosli und Stefano Wenk – sie sollten die Beine rasieren!) agieren so synchron, dass der Zuschauer glaubt, er leide selber am Susten. Ein Rennfahrer nach dem anderen bricht ein. Da kommt von hinten Hugo Koblet angeradelt, überholt sie leicht wie ein Schmetterling, zieht gar seinen Kamm hervor und richtet die Frisur.
Die verschiedenen Ebenen des Prinzips Hugo und des Prinzips Ferdy werden – auch zeitlich – ineinandergeschoben. Der Schweizer Bünzli-Mief ums Jahr 1950, als die beiden «Ks» im Zenit ihres Ruhms stehen, bildet den Hintergrund der Handlung. Es entstehen zwei Fan-Lager: Hugo, der Apoll von Aussersihl, feiert mit den Seinen bis am nächsten Morgen. Ferdy, der Chrampfer, verabschiedet sich um zehn, weil er morgen früh auf den Klausen radeln muss. Die Szene vom Empfang, den die Dorfvereine ihrem Ferdy bereiten, gehört zum Besten, was man gegenwärtig im Theater sehen kann.
Ferdy bereitet die Zeit nach dem Radrennsport vor. Hugo hat damit Mühe, denn – so sagt er – ausser radeln kann er nichts. Die Ärzte haben sein Herz beschädigt, sein Stern sinkt. Doch bei den Frauen ist der Pédaleur de charme immer noch beliebt, und sie geniessen das Leben. Eine Party wird zu einem Hugo-Requiem zu Lebzeiten, seine Freundin (Alice Röttger) mutiert zum Todesengel. Die Szene lässt den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Hugo, halb verlumpt, ist jetzt Inhaber einer Tankstelle. Ferdy kommt vorbei im Mercedes, tankt für 19 Franken 50, gibt eine Zwanzigernote und sagt gönnerisch, es sei schon in Ordnung. Hugo stellt sich vor, wie es wäre, im Alfa mit 140 Sachen in den Kirschbaum zu rasen – was dann auch geschieht. Und was macht Ferdy? Er übt fleissig Golf, macht aber nur langsame Fortschritt. Da kommt Hugo, elegant in weisser Schale, aus dem Jenseits auf den Golfplatz, auf dem Ferdy sich abmüht. «Lass mich mal versuchen», bittet er, der noch nie einen Golfschläger in Händen hatte. Hugo holt aus und landet einen Meisterschuss.

Weitere Aufführungen: 1. April, 2. und 27. Mai, 14. Juni 2009. Tickets: 031 329 52 52,
www.stadttheaterbern.ch

Image Image
Junger Ferdy. Schöner Hugo.

Abo
Kein Flash-Player installiert.

Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum