Film
Radikales Porträt einer Metropole
In «Cyclo» wird dem Titelhelden sein Arbeitsgerät, ein Velo-Taxi, gestohlen. Die Parallele zu Vittorio de Sicas «Ladri di Biciclette» bildet aber nur den Anfang des Films. Danach wird er immer surrealer. Bruno Angeli
1995 filmte der damals 30-jährige Regisseur und Drehbuchautor Tran Anh Hung vor Ort in Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon) den Thriller «Cyclo». Mit über 100 SchauspielerInnenn und 8000 StatistInnen drehte er den Streifen in vier Monaten vor achtzig verschiedenen Kulissen in Vietnam, Hongkong, Frankreich und den Philippinen ab.
In den chaotischen Strassen von Ho-Chi-Minh-Stadt ist ein junger Mann im hart umkämpften und von Clans beherrschten Markt der Rikschafahrer unterwegs. Er nennt sich «Cyclo» und verdient sich mit dem Personen- und Warentransport per Muskelkraft seinen Lebensunterhalt. In einem unbeaufsichtigten Moment wird sein Arbeitsgerät gestohlen. Zu allem Übel wird er auch noch verprügelt. Cyclo, von Laienschauspieler Le Van Loc dargestellt, würde gerne die Tradition des Rikschafahrens, das er von seinem verstorbenen Vater übernommen hat, fortführen. Er hofft, mit Hilfe seiner Chefin (Nhu Quynh Nguyen) seinen Beruf wieder aufnehmen zu können. Diese ist aber zu beschäftigt und delegiert «das Problem» ihrem Mitarbeiter, dem «Poeten» (Tony Leung Chiu-Wai). Dieser arbeitet in einer mafiaähnlichen Organisation als Zuhälter und Killer. Er schnappt sich Cyclos ältere Schwester (Tran Nu Yên-Khê) und lässt sie als Prostituierte arbeiten. Cyclo findet derweil immer mehr Gefallen an der Welt des Verbrechens, die ihm einen vermeintlich leichten Ausweg aus der Armut zu versprechen scheint. Ob er da wieder herausfinden wird?
Wirklichkeit und Traum vermischen sich«Cyclo» erinnert an den neorealistischen Film «Ladri di Biciclette». Allerdings nur zu Beginn. Danach wird er immer surrealer. Tran Anh Hung dazu in einem Interview, das er der «Neuen Zürcher Zeitung» 1996 gab: «Am Anfang sollte der Film realistisch eingefärbt sein, dann aber nicht auf dem sozialen Niveau stehen bleiben. Ich wollte eine spirituelle Ebene erreichen mit der Initiation dieses jungen Mannes, der die Bande zu seinem Vater erneuern wird; da spielt der Ahnenkult hinein. Für mich heisst der Lebensauftrag, den Ideen der Vorfahren treu zu bleiben, um das Erbe, die Idee der Güte, an die Kinder weiterzugeben.»
Die Denkweise und die Absichten des Regisseurs werden in jenem Interview den Zuschauern nähergebracht. So seine Replik auf die Bemerkung, dass er sich für ein komplexes Erzählgebilde entschieden habe, das mit Ellipsen, Metaphern, Farbsymbolik, mit dem Einschub von Gedichten arbeite und viel Mitdenken erfordere: «Dass ich den Erzählfaden zerreisse, statt ihn des besseren Verständnisses wegen zu verdichten, dass ich ambivalent erzähle, Wirklichkeit und Traum vermische, dass es auch eine religiöse Dimension gibt, all das trägt dazu bei, dass man den Film sehr unterschiedlich auffassen kann. Zum Beispiel die Gangster, die meinen Protagonisten zusammenschlagen. Es gibt eigentlich keinen Grund für diesen Gewaltausbruch, sie hätten seine Rikscha einfach so klauen können. Aber nein, einer kommt extra zurück, um ihn zu schlagen. Da gibt es etwas, was mich mit den Filmen von Robert Bresson verbindet. Es ist der Augenblick, wo uns das Böse berührt. Und vielleicht ist es nicht unbedingt das Böse, sondern Gott, der unsere Schulter berührt und uns einen Weg zeigt, der einen Zugang zum Spirituellen eröffnet. So ist dieser Film zu verstehen.»
«Cyclo» ist ein anspruchsvoller Film, keine leichte Kost. Einige Szenen sind gewalttätig, andere verstörend. Die Bilder, eingefangen von Kameramann Benoît Delhomme, sind von einer berauschenden Intensität. Die Altersbeschränkung von sechzehn Jahren ist also berechtigt.
Die DVD
Titel: «Cyclo», Frankreich/Vietnam 1995
Originaltitel: «Xich lo»
Regie: Tran Anh Hung
Drehbuch: Tran Anh Hung, Trung Binh Nguyen
Darsteller:
Le Van Loc, Tony Leung Chiu-Wai, Tran Nu Yên-Khê, Nhu Quynh Nguyen,
Hoang Phuc Nguyen, Ngo Vu Quang Hal, Tuyet Ngan Nguyen, Doan Viet Ha,
Bjuhoang Huy, Vo Vinh Phuc, Le Kinh Huy, Pham Ngoc Lieu, Le Tuan Anh
und andere
Kamera: Benoît Delhomme, Laurence Trémolet
Schnitt: Nicole Dedieu, Claude Ronzeau
Musik: Tôn-Thât Tiêt
Altersfreigabe: ab 16 Jahren