
Von den 6 Milliarden hat die Bundesversammlung (National- und
Ständerat) bereits 2,6 Milliarden Franken für 23 dringende und baureife
Projekte zur Verbesserung der Verkehrsinfrastrukturen in Städten und
Agglomerationen freigegeben (siehe auch vj 1/07). Die bekanntesten
Projekte: die bereits realisierte Lausanner Métro M2 und das im Bau
befindliche Tram Bern-West. Die restlichen 3,4 Milliarden Franken
kommen nun weiteren Agglomerationen und Projekten zugute. Dafür hatten
die Kantone dem Bund ihre «Agglomerationsprogramme» über die zukünftige
Siedlungsentwicklung mit den Verkehrsinfrastrukturen abzustimmen. Der
öffentliche Verkehr, der motorisierte Individualverkehr und der
Langsamverkehr mussten kombiniert werden. Einzelne Projekte,
beispielsweise im Kanton St. Gallen, wurden aufgrund nicht
eingehaltener Vorgaben zurückgewiesen.
Kantone bezahlen Löwenanteil
Die Finanzen sind hauptsächlich für die fünf wichtigsten
Agglomerationen – Zürich, Basel, Genf, Bern und Lausanne-Morges –
vorgesehen, wo der grösste Investitionsbedarf in
Verkehrsinfrastrukturen besteht. In einer ersten Tranche sind Beiträge
von 1,5 Milliarden, in einer zweiten 1,15 Milliarden vorgesehen. Für
den Langsamverkehr (Velo-, Fusswege) will sich der Bund bei den
dringlichen Massnahmen mit knapp 174 Millionen beteiligen. Hinzu kommen
Investitionen in ÖV-Schnittstellen wie Velostationen, wo ca. 16
Millionen geplant sind. Der Bund bezahlt rund 40 Prozent der
Gesamtkosten. Die Hauptinvestitionen haben also Kantone und Städte zu
tragen.
Testfall Bern
Im Fall der Agglomeration Bern wurden die Massnahmen durch den Bund
aufgrund ihres relativ geringen Finanzbedarfes und ihres hohen
Wirkungspotenzials mehrheitlich positiv bewertet. Damit ist nun der
Kanton an der Reihe, der für die Restfinanzierung aufzukommen hat. Laut
Oskar Balsiger, Leiter des Ressorts Verkehrsplanung des Kantons Bern,
fängt die Arbeit damit erst richtig an: Für die meisten der zahlreichen
LV-Massnahmen bestehen nämlich erst Projektideen auf Stufe Richtplan.
Das heisst, in den nächsten zwei bis fünf Jahren müssen diese über die
Planungsstufen Konzept?/?Machbarkeit (z.B. mit Wettbewerben), Vor- und
Bauprojekt zu Ausführungsprojekten konkretisiert werden. Ganz zu
schweigen von den geplanten Massnahmen zugunsten des Langsamverkehrs,
die eine veränderte Aufteilung respektive Nutzung des Strassenraumes
bedingen. «Diese Auswirkungen auf die anderen Verkehrsträger und den
Städtebau können nicht isoliert geplant und umgesetzt werden», sagt
Balsiger.
Aufgrund des engen Zeitplans müssen die Arbeiten unverzüglich
aufgenommen werden. Dennoch wird ein Teil der als unterstützungswürdig
bezeichneten Massnahmen im Planungsprozess aufgrund von Widerständen
und Konflikten nicht zur Baureife gebracht werden. Das hat mit
bekannten Verzögerungsfaktoren zu tun: zeitraubende Mitwirkungs- und
Auflageverfahren, nicht sichergestellte Finanzierung der vom Bund
ungedeckten Kosten auf Stufen Kanton und Gemeinden, Einsprachen und
Interessensabwägungen. Für eine optimale Abwicklung müssten gemäss
Balsiger Kantone und Gemeinden in den nächsten Monaten und Jahren
erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen für die Bearbeitung
und Umsetzung der LV-Massnahmen bereitstellen. Grosse Bedeutung sollen
die Anliegen und die Sicherheit des Veloverkehrs in der Planung und
Umsetzung der umfangreichen Massnahmen innerhalb der
Agglomerationsprogramme erhalten.
Fragen über Fragen
Oskar Balsiger hat die oben erwähnten Schwierigkeiten als eine Reihe
von auftauchenden Fragen und Problemen aufgezählt. Einer der
zentralsten Aspekte für den Langsamverkehr wird die Qualität der
Planungen sein. Wie garantiert man diese, wenn keine Fachstelle
besteht, bzw. die Fachleute in den Planungs- und Baudepartementen nicht
genügend sensibilisiert sind? Fragen über Fragen, die in den nächsten
Wochen und Monaten stellvertretend auch für andere Kantone speditiv
beantwortet werden müssen. An den Antworten und den Resultaten wird
sich zeigen, ob die Aggloprogramme die Qualitätsvorgaben für eine
Integration aller Verkehrträger erfüllen können, oder ob es sich – wie
vielerorts befürchtet – dabei um eine weitere Strassenbauschlacht
handelt.