
SlowUp setzte sich im Frühling das Ziel, eine halbe Million Menschen zu bewegen. Ist das gelungen?
Daniel Leupi: Aufgrund der Wetterverhältnisse blicken wir auf
eine eher durchzogene Saison zurück. Das betrifft vor allem die Anlässe
am Greyerzersee und am Albula. Unsere Anlässe finden eben im Freien
statt. Durchschnittlich 30000 Teilnehmende verteilt auf 14 Anlässe, das
ergibt rund 400000 Leute. Damit sind wir sehr zufrieden.
Was sind die weiteren Pläne?
Leupi: Wir stossen an Grenzen. Schon heute organisieren wir an
den 22 Wochenenden im Sommerhalbjahr 14 Events. Bis in drei Jahren
sollen es 18 SlowUps sein: Nächstes Jahr wird eine Veranstaltung im
Jura dazu kommen, dann Solothurn und Schwyz. Viel mehr geht dann nicht
mehr, auch wegen der Sponsoren. Aber es gibt immer wieder Regionen, die
sich für SlowUps interessieren.
Wird es im Jura dann einen eher sportlichen SlowUp à la Albula geben?
Leupi: Nein, gar nicht! Die Strecke verläuft im Talkessel von
Delémont und ist relativ flach. In der Region Schaffhausen-Hegau oder
in Genf gibt es anspruchsvollere Strecken. Nicht zuletzt sind die
SlowUps mit Ausnahme am Albulapass so konzipiert, dass die Strecken
durch viele Dörfer führen – das passt besser zum Volksfestcharakter.
Wächst das Bewegungs- und Gesundheitsbewusstein bei den SlowUp-Teilnehmenden über die Jahre?
Leupi: Unsere Erhebungen vom letzten Jahr zeigen, dass jeder
SlowUp ein Stammpublikum hat. Eine zweite Gruppe, rund ein Drittel,
kommt jedes Jahr neu. Innerhalb des Stammpublikums gibt es zirka zehn
Prozent «Angefressene», die jedes Jahr an verschiedenen Anlässen
teilnehmen. Dieser Mix führt zum bewährten Volksfestcharakter. Aber wie
sich das Bewegungsbewusstsein ausserhalb der Anlässe auswirkt, können
wir nicht beurteilen.
Positioniert sich Freipass am anderen Ende der Skala – je höher, desto besser?
Simon Bischof: Ja, bei uns beginnt der Spass ab 400 Höhenmetern.
Wie viele Anlässe hat Freipass dieses Jahr organisiert?
Bischof: Es waren zwei. Ein «Frühlingseinrollen» auf dem Zugerberg und dann der Susten-Freipass (siehe auch vj 5/08).
Damit ist Freipass aber weit entfernt vom erklärten Ziel, jedes Wochenende einen autofreien Anlass auf einem Pass durchzuführen.
Bischof: Das ist natürlich ein längerfristiges Ziel, aber wir
arbeiten daran. Der Anlass auf dem Sustenpass war der erste, bei dem
wir federführend waren. Am Lukmanier, vorletztes Jahr, organisierte die
Gemeinde Medels den Anlass, und letztes Jahr konnten wir auf dem Furka
einen tollen Tag mit dem Verein Alpeninitiative durchführen. Dieses
Jahr hatten wir ein enormes Medienecho.
Der Anlass am Susten war mit 1500 Passfahrenden ein Erfolg,
aber im Vorfeld war es ja auf Berner Seite zu Unstimmigkeiten gekommen.
Was war da los?
Bischof: Der Kanton Uri war dem Anlass gegenüber von Anfang an
sehr positiv eingestellt. Leider war das auf Berner Seite nicht
gleichermassen der Fall: Der Widerstand der Gemeinde Innertkirchen
führte dazu, dass die Tourismusorganisation Haslital, die den
Kraftwerken Oberhasli (KWO) nahesteht, nicht mitmachte. Als sich dann
noch der Grimselverein als Sponsor engagierte, war der Streit vollends
entbrannt.
Euer Verein Freipass geriet zwischen die Fronten der
Befürworter der höheren Grimselstaumauer (KWO) und der Gegner
(Grimselverein).
Bischof: Genau – obwohl wir uns als politisch neutrale
Institution verstehen. Das Volksfest konnte deshalb nur in einem
begrenztem Rahmen stattfinden.
Wie sieht die Bilanz nun aus?
Bischof: Leider konnte noch keine Auswertung mit allen
Beteiligten erfolgen. Innertkirchen ist aber auch nach dem Anlass gegen
eine Neuauflage. Und solange so starke Opposition da ist, will auch
Haslital Tourismus, indirekt also die KWO, nicht mitmachen. Und wir
wollen hier im Übrigen auch nicht mehr. Wir müssten auf Berner Seite
von mehr als nur der Gemeinde Gadmen unterstützt werden.
Wird dieser Anlass also aufgrund politischer Reibereien nicht so schnell wieder stattfinden oder gar einmalig bleiben?
Bischof: Ja. Die Konstellationen müssten sich ändern. Vielleicht übernimmt ja das Alpenbrevet den Anlass.
Warum springt SlowUp nicht in diese Bresche und hilft Freipass?
Leupi: Leider muss ich bei der Beurteilung Simon Bischof recht
geben: Wenn lokal die Situation «verchachelt»ist, ist es schwierig.
SlowUp kennt ähnliche Situationen aus eigener Erfahrung, am Zürichsee.
Dort ist die Verbindung zwischen Zürich und Meilen wegen des Vetos von
Herrliberg auch blockiert. Da muss Gras darüber wachsen. Wegen solcher
Aspekte, aber auch wegen der Warteliste und weil wir auf ein
«niederschwelliges Angebot» setzen, wird es einen SlowUp Susten
vorerst eher nicht geben. Freipass ist für uns aber eine willkommene
Ergänzung, auf die wir gerne hinweisen. Persönlich würde ich einen
Freipass-Anlass 2009 sehr begrüssen, sei es am Susten, sei es am Furka.
Bischof: Freipass wird nächstes Jahr den Anlass am Furka
durchführen. Das neue Gästezentrum Obergoms hat uns angefragt. Wenn
möglich wollen wir künftig den Freipass dort mindestens dreimal in den
folgenden Jahren durchführen. Ziel ist es, daraus einen festen Termin
zu machen. SlowUp ist für uns dabei ein Vorbild.
Ein Organisator muss also – vor allem, wenn er von aussen kommt
– den Stein ins Rollen bringen, ohne dabei zu stark anzuecken. Wie lief
das denn beim SlowUp Albula ab?
Bischof: Den Stein ins Rollen brachte Freipass!
Leupi: Und die Region Bergün entschloss sich dann, daraus einen SlowUp zu entwickeln.
Wie sind die Zahlen am Albula?
Leupi: In früheren Jahren waren es immer um die 4000 Personen,
dieses Jahr wegen des Wetters weniger. Es gibt sicher noch Potenzial,
doch bei maximal 8000 Teilnehmenden wird es dann ungemütlich. Nadelöhr
am Albula ist die Zufahrt per Bahn. Andere Grossanlässe sind extrem
sportlich und kompetitiv, wie zum Beispiel das autofreie Stilfserjoch
mit 10000 bis 12000 Personen. Dort spielt der öffentliche Verkehr als
Zubringer aber nur noch eine kleine Rolle.
Bischof: Ich finde eine Beteiligung von 3000 bis 6000 Leuten für eine Passüberqerung genug.
Wie viel Prozent kommen an eure Anlässe mit dem öffentlichen Verkehr?
Leupi: Das ist von Anlass zu Anlass sehr verschieden: Im
Durchschnitt der SlowUps kommen 52 Prozent direkt mit Velos und Skates,
22 Prozent mit dem öffentlichen Verkehr und 26 Prozent mit dem Auto.
Bischof: Am Susten kamen etwa 90 Prozent mit dem öV.
Leupi: Es gibt auch klare Grenzen: Die SBB haben heute gar
nicht mehr genug Kapazitäten für die Velomitnahme im Fernverkehr. Etwas
anders sieht es mit regionalen Anbietern und S-Bahnen an.
Im Vorfeld des Susten-Freipasses wurde das Bild vom geizigen,
«riegelfressenden» Velofahrenden bemüht. Was sind eure Erfahrungen?
Bischof: Das ist ein Klischee, auch wenn es die
«Riegelfresser» natürlich gibt. Die Mehrheit der Tourenfahrer geht
ausführlich essen und übernachtet in einem regionalen Hotel oder in
einer Pension.
Leupi: Veloland-Untersuchungen zeigen, dass Velotouristen
sicher kein Arme-Leute-Publikum sind. Das gilt insbesondere für
Personen im gesetzteren Alter. Diese Leute gönnen sich gerne etwas und
steigen mindestens in einem Drei- wenn nicht sogar in einem
Vierstern-Hotel ab. Für uns ist diese Polemik Schnee von gestern –
schade, wenn eine solche Meinung einen Anlass verhindert.
Welches Budget hatte Freipass für den Sustenpass?
Bischof: Es belief sich auf 15000 Franken. Davon waren 10000
von Sponsoren und Mitgliederbeiträgen gedeckt, der Rest wurde privat
vom Vorstand eingeschossen. Am liebsten wäre uns ein finanzieller
Rahmen, der ohne Sponsoring auskommt.
Wie sieht das bei den SlowUps aus?
Leupi: Wir brauchen und haben Sponsoren. Das Budget beläuft
sich pro SlowUp auf 100000 bis 200000 Franken. Dazu kommen
Gratisleistungen der Gemeinden. Die nationale Geschäftsführung besteht
nur aus einer 70-Prozent-Stelle, mit der wir eine der grössten
Event-Serien der Schweiz koordinieren und weiterentwickeln. Verglichen
mit einer «normalen» Sportagentur ist das viel Leistung für wenig Geld.
Besten Dank für das Gespräch.
Simon Bischof (links), Jahrgang 1962, ist Präsident des
Vereins Freipass. Er lebt als selbständiger Klavierlehrer und Arrangeur
in Basel. |
Daniel Leupi (rechts), Jahrgang 1965, ist Verkehrsökonom und
Projektleiter von SlowUp. Er ist Mitinhaber des Velobüros Olten und
lebt in Zürich. |