
Als Sohn des seinerzeit berühmten Radquerfahrers Peter Frischknecht,
der sich in den Siebzigerjahren epische Duelle mit Albert Zweifel
lieferte (und dabei meistens Zweiter wurde), war Thomas Frischknecht
prädestiniert, ebenfalls eine Radsportkarriere einzuschlagen. Er wäre
allerdings nicht der Erste gewesen, der an der Vorgabe des Vaters
scheitert. Deshalb ist es zu einfach, die Popularität des Juniors
Frischknecht nur auf die familiäre Herkunft zurückzuführen. Es waren
mehrere Faktoren, die «Frischi» ungeachtet seiner Abstammung zugute
kamen: Beharrlichkeit, sportliche wie private Vielseitigkeit, Fleiss,
Bodenständigkeit, Glück, eine gewisse Schlitzohrigkeit und ein
gerüttelt Mass an Intelligenz liessen ihn stets die richtige Distanz
zum Sport wahren. Seine Familie – er ist verheiratet und Vater dreier
Kinder – bot ihm den nötigen Rückhalt, auch wenn sich die gewünschten
sportlichen Ergebnisse einmal nicht einstellten.
Eine Zeit lang schien der Feldbacher wie sein Vater auf zweite Plätze
oder Ausscheiden wegen technischer Defekte abonniert. Das war ein
gefundenes Fressen für die Medien. «Frischi» brachte es 1994
beispielsweise fertig, am Vorabend des WM-Starts in Vail, Colorado, bei
der Rückfahrt von der Teamsitzung mit einem anderen Biker
zusammenzustossen und sich das Schlüsselbein zu brechen. Die Rückkehr
an den Unfallort, Jahre später, war dafür umso fulminanter. 2001
«trocknete» er am gleichen Ort auf der letzten Runde noch den
Erzrivalen Christoph Sauser ab und wurde zum vierten Mal in seiner
Karriere WM-Zweiter. Doch als brillanter Kommunikator schaffte es
Frischknecht sogar in diesen Phasen, Nähe zum Publikum herzustellen,
das sich nach bekanntem Verhaltensmuster zuweilen lieber mit dem
«ewigen Zweiten» als mit dem Sieger identifiziert. Das macht ihn zum
echten Champion, der nie aufgibt und sich zurück an die Spitze kämpft.
Frischknecht hatte das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
Er war nicht nur Bikepionier, sondern gewann auch Rennen auf der
Strasse und stürzte sich mit Freude ins Nachtleben auf dem Holzoval des
Zürcher Sechstagerennens. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um
Missstände im Sport ging. Unmissverständlich bekannte er sich als
Antidoping-Hardliner, denn er war ein gebranntes Kind. Die erste
Goldmedaille an Cross-Country-Welttitelkämpfen hatte er bereits 1996 im
australischen Outback von Cairns gewonnen. Doch erst im April 2000
wurden ihm Regenbogentrikot und Edelmetall vom damaligen Sieger Jérôme
Chiotti überreicht, der sich während der Nachwehen zum Festina-Skandal
als Epo-Kosument selber beim Radweltverband denunzierte.
Radsporttalent als Türöffner
Mit einer tüchtigen Portion Talent gesegnet, wagte sich «Frischi» an
die ersten Radquers, die er souverän gewann. 1988 wurde er sogar
Junioren-Weltmeister. Der Erfolg war aber nicht das Resultat eines
hyperaktiven Vaters, der nach seinem Rücktritt vehement den Sohn
antrieb. Vielmehr verstand es Peter Frischknecht, mit seinem Vorbild
und seiner zurückhaltenden Art beim Sohn das Interesse am Rennsport zu
wecken. Der frühe Erfolg liess «Frischi» im gleichen Tempo reifen, in
dem er seine Rennen bestritt. Wie es sich für einen Teenager gehört,
wollte er sich aus dem Schatten des Vaters lösen, nicht Zeit seines
Lebens mit ihm verglichen werden. «Frischi» wollte nach Amerika,
eigentlich nur, um Englisch zu lernen, wie er heute sagt. Zuerst galt
es aber, die Lehre als Hochbauzeichner abzuschliessen.
In den USA stellte sich bald heraus, dass Thomas Frischknecht auch ohne
seinen bekannten Vater und ohne Radquer bestehen kann. Dort wurden 1990
Querfeldeinrennen schon seit Längerem mit Mountainbikes gefahren, jenen
neuartigen Velos mit den dicken, grobstolligen Reifen und den kleinen
Gängen. «Frischi» war das nur recht. Hauptsache pedalen, möglichst
feste. So fest, dass er bereits beim zweiten Start in der Rennserie der
National Offroad Bike Association (NORBA) Zweiter hinter Ned Overend
wurde. Dito an der ersten offiziellen WM, die 1990 in Durango
stattfand. Das beeindruckte nicht nur seine Mitstreiter, sondern auch
Tom Ritchey, dem Frischknecht bereits auf seinen Europatrips als
begnadeter Radquerfahrer aufgefallen war. Er nahm Frischknecht unter
Vertrag.
Erfolge wie kein Zweiter
In den achtzehn Jahren als Bikeprofi gewann der heute 38-jährige
Zürcher fast alles, was man im Bikesport gewinnen kann: 17 Prüfungen
im Weltcup (plus eine im Radquer), drei Gesamtwertungen. Von
Weltmeisterschaften brachte er drei goldene, vier silberne und zwei
bronzene Medaillen nach Hause. Nur bei der olympischen
Crosscountry-Premiere in Atlanta reichte es 1996 nicht ganz an die
Spitze, sondern nur für Rang zwei. Daneben wurde Frischknecht einmal
Europameister und gewann nicht weniger als elf(!)
Schweizermeister-Titel. Dazu kommen Etappensiege am Innerschweizer GP
Tell sowie an der damaligen Tessiner Rundfahrt. Frischknecht war 1996
überdies Mitglied des olympischen Strassenteams, aus dem Pascal Richard
als Olympiasieger hervorging. Es erstaunt deshalb nicht, dass
Frischknecht bis heute der bekannteste Schweizer Biker und
Radquerfahrer in der Öffentlichkeit ist.
Leben nach dem Spitzensport
Noch während seiner Aktivzeit bereitete sich Frischknecht intensiv auf
die Phase nach dem Spitzensport vor. Er bewirtschaftet einen Weinberg
in der Toskana und intensivierte die Zusammenarbeit mit seinen
Ausrüstern Scott und Ritchey, die nun weitergeht. Daneben ist er
Manager im neuen Scott-MTB-Team, das aus dem Nachlass der
Swisspower-Mannschaft hervorgegangen ist, für die er seit 2002
gefahren war. An der Seite von Europameister Florian Vogel und dem
Olympia-Dritten Nino Schurter wird er somit weiter die Rennplätze
dieser Welt bereisen und der Szene treu bleiben. «Ganz aufhören werde
ich mit dem Bike- und Radsport nicht», sagt «Frischi» denn auch. «Ich
muss aber nicht mehr, ich darf. Das ist der Unterschied zum bisherigen
Leben als Profi.»
Zwei Radquers hat er diesen Herbst noch auf Wettkampfniveau bestritten,
da ihn letzte Saison eine Verletzung an der Abschiedstour gehindert
hatte. Frischknecht zeigte letztmals seine grosse Klasse: In Steinmaur
mit dem Sieg; in Hittnau, wo er 1986 sein erstes Rennen als Anfänger
bestritten und sogleich gewonnen hatte, wurde er Vierter. Ähnlich wie
sein Sohn Andri, inzwischen 14 Jahre alt und bereits die dritte
Generation Frischknecht, die ins Renngeschehen eingreift.