Sport

Radsport in den Genen

Bis heute ist Thomas Frischknecht der Inbegriff des Mountainbikers und nicht nur hierzulande einer der populärsten Velofahrer. Nun will der Zürcher nach über zwanzig Jahren aktivem Radsport zwar nicht ganz aufhören, aber kürzertreten. Martin Platter

Als Sohn des seinerzeit berühmten Radquerfahrers Peter Frischknecht, der sich in den Siebzigerjahren epische Duelle mit Albert Zweifel lieferte (und dabei meistens Zweiter wurde), war Thomas Frischknecht prädestiniert, ebenfalls eine Radsportkarriere einzuschlagen. Er wäre allerdings nicht der Erste gewesen, der an der Vorgabe des Vaters scheitert. Deshalb ist es zu einfach, die Popularität des Juniors Frischknecht nur auf die familiäre Herkunft zurückzuführen. Es waren mehrere Faktoren, die «Frischi» ungeachtet seiner Abstammung zugute kamen: Beharrlichkeit, sportliche wie private Vielseitigkeit, Fleiss, Bodenständigkeit, Glück, eine gewisse Schlitzohrigkeit und ein gerüttelt Mass an Intelligenz liessen ihn stets die richtige Distanz zum Sport wahren. Seine Familie – er ist verheiratet und Vater dreier Kinder – bot ihm den nötigen Rückhalt, auch wenn sich die gewünschten sportlichen Ergebnisse einmal nicht einstellten.
Eine Zeit lang schien der Feldbacher wie sein Vater auf zweite Plätze oder Ausscheiden wegen technischer Defekte abonniert. Das war ein gefundenes Fressen für die Medien. «Frischi» brachte es 1994 beispielsweise fertig, am Vorabend des WM-Starts in Vail, Colorado, bei der Rückfahrt von der Teamsitzung mit einem anderen Biker zusammenzustossen und sich das Schlüsselbein zu brechen. Die Rückkehr an den Unfallort, Jahre später, war dafür umso fulminanter. 2001 «trocknete» er am gleichen Ort auf der letzten Runde noch den Erzrivalen Christoph Sauser ab und wurde zum vierten Mal in seiner Karriere WM-Zweiter. Doch als brillanter Kommunikator schaffte es Frischknecht sogar in diesen Phasen, Nähe zum Publikum herzustellen, das sich nach bekanntem Verhaltensmuster zuweilen lieber mit dem «ewigen Zweiten» als mit dem Sieger identifiziert. Das macht ihn zum echten Champion, der nie aufgibt und sich zurück an die Spitze kämpft.
Frischknecht hatte das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Er war nicht nur Bikepionier, sondern gewann auch Rennen auf der Strasse und stürzte sich mit Freude ins Nachtleben auf dem Holzoval des Zürcher Sechstagerennens. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um Missstände im Sport ging. Unmissverständlich bekannte er sich als Antidoping-Hardliner, denn er war ein gebranntes Kind. Die erste Goldmedaille an Cross-Country-Welttitelkämpfen hatte er bereits 1996 im australischen Outback von Cairns gewonnen. Doch erst im April 2000 wurden ihm Regenbogentrikot und Edelmetall vom damaligen Sieger Jérôme Chiotti überreicht, der sich während der Nachwehen zum Festina-Skandal als Epo-Kosument selber beim Radweltverband denunzierte.

Radsporttalent als Türöffner
Mit einer tüchtigen Portion Talent gesegnet, wagte sich «Frischi» an die ersten Radquers, die er souverän gewann. 1988 wurde er sogar Junioren-Weltmeister. Der Erfolg war aber nicht das Resultat eines hyperaktiven Vaters, der nach seinem Rücktritt vehement den Sohn antrieb. Vielmehr verstand es Peter Frischknecht, mit seinem Vorbild und seiner zurückhaltenden Art beim Sohn das Interesse am Rennsport zu wecken. Der frühe Erfolg liess «Frischi» im gleichen Tempo reifen, in dem er seine Rennen bestritt. Wie es sich für einen Teenager gehört, wollte er sich aus dem Schatten des Vaters lösen, nicht Zeit seines Lebens mit ihm verglichen werden. «Frischi» wollte nach Amerika, eigentlich nur, um Englisch zu lernen, wie er heute sagt. Zuerst galt es aber, die Lehre als Hochbauzeichner abzuschliessen.
In den USA stellte sich bald heraus, dass Thomas Frischknecht auch ohne seinen bekannten Vater und ohne Radquer bestehen kann. Dort wurden 1990 Querfeldeinrennen schon seit Längerem mit Mountainbikes gefahren, jenen neuartigen Velos mit den dicken, grobstolligen Reifen und den kleinen Gängen. «Frischi» war das nur recht. Hauptsache pedalen, möglichst feste. So fest, dass er bereits beim zweiten Start in der Rennserie der National Offroad Bike Association (NORBA) Zweiter hinter Ned Overend wurde. Dito an der ersten offiziellen WM, die 1990 in Durango stattfand. Das beeindruckte nicht nur seine Mitstreiter, sondern auch Tom Ritchey, dem Frischknecht bereits auf seinen Europatrips als begnadeter Radquerfahrer aufgefallen war. Er nahm Frischknecht unter Vertrag.

Erfolge wie kein Zweiter
In den achtzehn Jahren als Bikeprofi gewann der heute 38-jährige Zürcher fast alles, was man im Bike­sport gewinnen kann: 17 Prüfungen im Weltcup (plus eine im Radquer), drei Gesamtwertungen. Von Weltmeisterschaften brachte er drei goldene, vier silberne und zwei bronzene Medaillen nach Hause. Nur bei der olympischen Crosscountry-Premiere in Atlanta reichte es 1996 nicht ganz an die Spitze, sondern nur für Rang zwei. Daneben wurde Frischknecht einmal Europameister und gewann nicht weniger als elf(!) Schweizermeister-Titel. Dazu kommen Etappensiege am Innerschweizer GP Tell sowie an der damaligen Tessiner Rundfahrt. Frischknecht war 1996 überdies Mitglied des olympischen Strassenteams, aus dem Pascal Richard als Olympiasieger hervorging. Es erstaunt deshalb nicht, dass Frischknecht bis heute der bekannteste Schweizer Biker und Radquerfahrer in der Öffentlichkeit ist.

Leben nach dem Spitzensport
Noch während seiner Aktivzeit bereitete sich Frischknecht intensiv auf die Phase nach dem Spitzensport vor. Er bewirtschaftet einen Weinberg in der Toskana und intensivierte die Zusammenarbeit mit seinen Ausrüstern Scott und Ritchey, die nun weitergeht. Daneben ist er Manager im neuen Scott-MTB-Team, das aus dem Nachlass der Swiss­power-Mannschaft hervorgegangen ist, für die er seit 2002 gefahren war. An der Seite von Europameister Florian Vogel und dem Olympia-Dritten Nino Schurter wird er somit weiter die Rennplätze dieser Welt bereisen und der Szene treu bleiben. «Ganz aufhören werde ich mit dem Bike- und Radsport nicht», sagt «Frischi» denn auch. «Ich muss aber nicht mehr, ich darf. Das ist der Unterschied zum bisherigen Leben als Profi.»
Zwei Radquers hat er diesen Herbst noch auf Wettkampfniveau bestritten, da ihn letzte Saison eine Verletzung an der Abschiedstour gehindert hatte. Frischknecht zeigte letztmals seine grosse Klasse: In Steinmaur mit dem Sieg; in Hittnau, wo er 1986 sein erstes Rennen als Anfänger bestritten und sogleich gewonnen hatte, wurde er Vierter. Ähnlich wie sein Sohn Andri, inzwischen 14 Jahre alt und bereits die dritte Generation Frischknecht, die ins Renngeschehen eingreift.

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