
Die von Bob Bigelow gegründete Firma BMC (Bike Manufacturing Company)
gibt es in ihrer Urform zwar schon seit 1986 und unter dem heute
bekannten Kürzel seit 1994. Die zweite Geburtsstunde schlug allerdings
2001, als Phonak-Besitzer Andy Rihs, drei Jahre nach seinem Einstieg,
die Firma ganz übernahm. Im Jahr darauf trat das BMC-ausgerüstete
Phonak-Team in den Profiradsport ein. Dadurch stiegen Bekanntheit und
Verkäufe sprunghaft an. Trotz der Dopingskandale um Tyler Hamilton und
den vermeintlichen Tour-de-France-Gewinner Floyd Landis nahm der
Exportanteil der Produktion innert sechs Jahren von null auf über
sechzig Prozent zu. Heute werden BMC-Velos und -Rahmenkits in über zwei
Dutzend Ländern vertrieben.
Mit dem grossen Rennsportengagement handelte sich BMC freilich ein
Problem ein: Die Einsteiger- und Mittelklasssegmente wurden
vernachlässigt, und den angestammten Schweizer Händlern wurde kein
volles Sortiment mehr geboten. Dafür setzte das Modellduo Harry und
Sally neue Massstäbe für leichte Stadträder, und das Alpenchallenge
gilt als Wegbereiter für eine ganz neue Generation von Crossrädern.
Lifestyle gesucht – aber kaum gefunden
Vor zwei Jahren strukturierte Andy Rihs die Firma um: Unter dem neuen
Dach der ISH (International Sport Holding AG) wurden fortan
Entwicklung, Einkauf, Produktion und Administration in der SMT (Swiss
Manufacturing Technology) zusammengefasst. Die BMC Trading AG fungierte
nur noch als Marketing- und Vertriebsgesellschaft für Fahrräder unter
dem Label BMC. Für den Relaunch einer neuen Stadtradkollektion sollte
eine neue Marke kreiert werden. Doch nachdem der Handel zwei Saisons
lang vergeblich darauf gewartet hatte, kam es diesen Sommer zu einem
Strategiewechsel. ISH-CEO Andreas Georgiadis an der Eurobike: «Statt
selber eine Lifestyle-Linie zu entwickeln, haben wir beschlossen, eine
Marke zu kaufen.» Nach wochenlangen Gerüchten wurde Ende Oktober der
Name offiziell bekannt gemacht: Bergamont. Die ISH hat an der Hamburger
Firma die Mehrheit erworben, Insider gehen von zwei Dritteln aus. Andy
Rihs spricht von einer idealen Ergänzung der beiden Firmen. Bergamont
ist in der Tat gut aufgestellt und verkauft nach eigenen Angaben 70000
Velos, vor allem City- und Trekkingräder.
Den Vollsortimenter als «Lifestyle»-Marke zu bezeichnen, ist allerdings
eher Wunschdenken; ein Singlespeedmodell und einige Dirtbiker machen
noch kein Trendlabel aus; für Branchenkenner hätte das schon eine MTB
Cycletech in der Schweiz oder Riese und Müller in Deutschland sein
müssen.
Künftige Vertriebswege noch offen
Es ist fraglich, ob die Schweizer BMC-Händler willens sind, die zwar
preiswerten, aber nicht sehr prestigiösen Bergamont-Bikes in ihr
Sortiment aufzunehmen. Bisher vertreibt die Firma Swiss Sport Motion in
Buochs mit drei Angestellten bei 70 Händlern 3000 Bergamont-Bikes. BMC
kommt mit doppelt so vielen Händlern auf rund 9000 Stück (nach eigenen
Angaben insgesamt 23000). Nächstes Jahr bleibt angesichts der
abgeschlossenen Vororder und Vertriebsverträge alles noch beim Alten.
Während in der Schweiz für 2010 gemäss Andreas Georgiadis eine
Eingliederung des Bergamont-Vertriebs in den BMC-Verkauf angedacht ist
(allenfalls mit einem Co-Branding, wie dies Trek mit Diamant/Villiger
macht), sei die künftige Strategie in Deutschland noch offen.
Bergamont soll schwarze Zahlen bringen
Trotz dieser Anlaufzeit sollen rasch vereinfachte Abläufe erzielt
werden. Dazu gehören Zolleinsparungen sowie Synergien in Entwicklung,
Produktion und Einkauf, welche die Ertragskraft stärken. Dies dürfte
der wichtigste Grund für diese Akquisition sein: Während Bergamont sehr
profitabel ist, schrieb BMC im Jahrzehnt seit Andy Rihs’ Engagement oft
rote Zahlen. Bis heute dürfte der Patron rund dreissig Millionen
Franken eingeschossen haben – was dem gegenwärtigen Jahresumsatz
entspricht. Viel Geld wurde in letzter Zeit in das ambitiöse Projekt
Black Box investiert – die weltweit erste automatische
Carbonrahmenproduktion in Grenchen, die nächsten Frühling den
Serienbetrieb aufnehmen soll.