Kultur

Bewegte Bilder aus der Welt der Bikes

Von New York aus hat es den Weg über Tokio, Milano und Wien nach Zürich gefunden: das Bicycle Film Festival. Und auch hierzulande ist der Brückenschlag zwischen Kurierszene und einem breiteren Publikum gelungen. Ivo Mijnssen

 Auf den ersten Blick sieht das Zürcher Kanzleiareal vor dem Kino Xenix aus wie an jedem Freitagabend: Ein junges Publikum geniesst den Feierabend bei einem Bier, hier und dort macht ein Joint die Runde. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass viele der Anwesenden Velokäppis tragen und die Fahrräder neben dem Eingang schöner sind als sonst. Der Schriftzug am Seiteneingang macht alles klar: Hier findet das internationale Bicycle Film Festival (BFF) statt.
Die Limmatstadt gesellt sich als 17. Mitglied zur rasch wachsenden Schar der Festival-Orte (velojournal berichtete in der Ausgabe 6/07). Lokaler Organisator ist der 24-jährige Zürcher Grafiker und ehemalige Velokurier Pascal Alexander. Bereits vor drei Jahren machten er und der umtriebige Gründer des Festivals, Brendt Barbur, erste Pläne für ein BFF in Zürich. Diese scheiterten jedoch vorerst am Zeitmangel der durchs Band freiwilligen Mitarbeitenden. Heuer waren die Umstände günstiger – das Festival steht. Und auch die anfänglich zurückhaltenden Sponsoren konnten an Bord geholt werden.

Ungetrübte Vorfreude
Zentraler Partner in Zürich ist das Alternativkino Xenix, das Ticketverkauf und Einlass übernahm. Am Freitagabend wurde die Kasse vom grossen Andrang in letzter Minute etwas überrascht. So begannen die Filme mit Verspätung. Die erwartungsvolle Vorfreude konnte dies aber nicht trüben, und für das Festival waren die allesamt gut besuchten bis ausverkauften Vorstellungen ein Erfolg. Brendt Barbur deklarierte in seiner Ansprache zur Festivaleröffnung gar stolz, dass ein bisschen Chaos Tradition hat am Bicycle Film Fes­­tival: «This is classic BFF – we always start late!»
Das sehr gemischte Publikum – von Velokurie­rinnen über Männer in Anzügen bis zum Vater mit Tochter – bekam den für das BFF typischen Mix zu sehen: An beiden Abenden wurden Kurzfilmprogramme und einige längere Streifen gezeigt. Darunter ein Dokumentarfilm über das Radrennen Paris–Roubaix, ein Spielfilm über die Fahrradgang Spoke Club, animierte Kurzfilme rund um das Velo und die intelligenten Spielereien der Neistat Brothers. Auch Lucas Brunelles suizidal angehauchte Stadtrundfahrten durften nicht fehlen. In Zürich dominierten englischsprachige, vor allem US-amerikanische Filme, doch einige europäische Filme waren ebenfalls im Programm. Sogar ein Schweizer Beitrag, «Virtuous Night Section», war zu sehen.

Begrenzte Mittel
Am Festival kam die Frage auf, ob für die längeren Filme nicht Übersetzungen nötig gewesen wären. Pascal Alexander weist in diesem Zusammenhang auf die begrenzten Mittel des Festivals hin. Er glaubt, dass der Grossteil des Publikums den Filmen gut folgen konnte. Das Problem könnte jedoch leicht durch eine englische Untertitelung entschärft werden.

Visuelle Velokultur
Vor allem erstmalige Besucher hatten die Gelegenheit, am Bicycle Film Festival eine vielseitige und starke visuelle Velokultur zu entdecken. Jene, die das BFF bereits kannten, werden viele Filme schon gesehen haben. Dies ist kein Zufall, denn das Festival zeigt an neuen Orten immer zuerst seine «Klassiker». Immer gehören auch die Anlässe dazu, die dem Festival seinen unverkennbaren Charakter verleihen. So war in Zürich an zwei Ausstellungen Fahrradkunst zu sehen – Fotografien, Installationen und Bilder. Kunst auf dem Rad bot jedoch vor allem das European Bike Polo Open. In der Fabrikhalle des Hauptsponsors Freitag traten Mannschaften aus ganz Europa zum Polo­turnier auf dem Velo an: Dabei versuchen Dreierteams auf ihren Fixed Gears, ihren Starrlaufvelos, mit Stöcken einen Plastikball ins Tor zu schiessen. Bei dieser Veranstaltung sind Balance, Geschicklichkeit und Treffsicherheit entscheidend für den Sieg. Dass aber beim Bike Polo nicht Siegen, sondern der Spass im Vordergrund steht, zeigte sich an verkehrsberuhigten Ecken im Umkreis des Festivals: Immer wieder stellten kleine Gruppen von Polo-Fans improvisierte Felder auf und veranstalteten spontane Miniturniere.
Das Bicycle Film Festival ist in Zürich erfolgreich gestartet und hat kleine Farbtupfer im Zürcher Strassenbild hinterlassen. Der Erfolg beruht wohl auch darauf, dass der Anlass neben der Velokurier-Szene auch ein breiteres filminteressiertes Publikum anzusprechen weiss. Die Chancen, dass es nächstes Jahr zu einer Zweitauflage kommt, stehen also gut.

Bicycle Film Festival

ImageDie Erstausgabe des Bicycle Film Festival Zürich war ein voller Erfolg: Über 600 Personen sahen die in sechs Programmen gezeigten 38 Filme im Kino Xenix. Neben vielen Kurzfilmen zeigte das Festival heuer vier längere, bis auf eine Ausnahme dokumentarische Werke. Der Film «Road to Roubaix» sucht mit starken Bildern, den Mythos des Rennens Paris–Roubaix einzufangen. Dies gelingt nur begrenzt, da den oft belanglosen, unkommentierten Aussagen der heutigen Radprofis zu viel Raum gewährt wird. «Pedal», der Film des New Yorker Filmers und Fotogra­fen Peter Sutherland, dokumentiert auf packende Weise das Leben der Fahrradkuriere im Big Apple. Gleichzeitig waren Sutherlands Bilder in der Galerie La Perla an der Zürcher Langstrasse zu sehen. Dieser Schwerpunkt stellte auch in Zürich klar, dass das Epizentrum des Festivals nach wie vor in den USA liegt: 31 der 38 gezeigten Filme kamen vom nordamerikanischen Kontinent.

 

Ob das Bicycle Film Festival Zürich 2009 wieder stattfindet, wird laut Organisator Pascal Alexander entschieden, wenn die Endabrechnung vorliegt. 

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