
Auf den ersten Blick sieht das Zürcher Kanzleiareal vor dem Kino Xenix
aus wie an jedem Freitagabend: Ein junges Publikum geniesst den
Feierabend bei einem Bier, hier und dort macht ein Joint die Runde.
Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass viele der Anwesenden
Velokäppis tragen und die Fahrräder neben dem Eingang schöner sind als
sonst. Der Schriftzug am Seiteneingang macht alles klar: Hier findet
das internationale Bicycle Film Festival (BFF) statt.
Die Limmatstadt gesellt sich als 17. Mitglied zur rasch wachsenden
Schar der Festival-Orte (velojournal berichtete in der Ausgabe 6/07).
Lokaler Organisator ist der 24-jährige Zürcher Grafiker und ehemalige
Velokurier Pascal Alexander. Bereits vor drei Jahren machten er und der
umtriebige Gründer des Festivals, Brendt Barbur, erste Pläne für ein
BFF in Zürich. Diese scheiterten jedoch vorerst am Zeitmangel der
durchs Band freiwilligen Mitarbeitenden. Heuer waren die Umstände
günstiger – das Festival steht. Und auch die anfänglich zurückhaltenden
Sponsoren konnten an Bord geholt werden.
Ungetrübte Vorfreude
Zentraler Partner in Zürich ist das Alternativkino Xenix, das
Ticketverkauf und Einlass übernahm. Am Freitagabend wurde die Kasse vom
grossen Andrang in letzter Minute etwas überrascht. So begannen die
Filme mit Verspätung. Die erwartungsvolle Vorfreude konnte dies aber
nicht trüben, und für das Festival waren die allesamt gut besuchten bis
ausverkauften Vorstellungen ein Erfolg. Brendt Barbur deklarierte in
seiner Ansprache zur Festivaleröffnung gar stolz, dass ein bisschen
Chaos Tradition hat am Bicycle Film Festival: «This is classic BFF –
we always start late!»
Das sehr gemischte Publikum – von Velokurierinnen über Männer in
Anzügen bis zum Vater mit Tochter – bekam den für das BFF typischen Mix
zu sehen: An beiden Abenden wurden Kurzfilmprogramme und einige längere
Streifen gezeigt. Darunter ein Dokumentarfilm über das Radrennen
Paris–Roubaix, ein Spielfilm über die Fahrradgang Spoke Club, animierte
Kurzfilme rund um das Velo und die intelligenten Spielereien der
Neistat Brothers. Auch Lucas Brunelles suizidal angehauchte
Stadtrundfahrten durften nicht fehlen. In Zürich dominierten
englischsprachige, vor allem US-amerikanische Filme, doch einige
europäische Filme waren ebenfalls im Programm. Sogar ein Schweizer
Beitrag, «Virtuous Night Section», war zu sehen.
Begrenzte Mittel
Am Festival kam die Frage auf, ob für die längeren Filme nicht
Übersetzungen nötig gewesen wären. Pascal Alexander weist in diesem
Zusammenhang auf die begrenzten Mittel des Festivals hin. Er glaubt,
dass der Grossteil des Publikums den Filmen gut folgen konnte. Das
Problem könnte jedoch leicht durch eine englische Untertitelung
entschärft werden.
Visuelle Velokultur
Vor allem erstmalige Besucher hatten die Gelegenheit, am Bicycle Film
Festival eine vielseitige und starke visuelle Velokultur zu entdecken.
Jene, die das BFF bereits kannten, werden viele Filme schon gesehen
haben. Dies ist kein Zufall, denn das Festival zeigt an neuen Orten
immer zuerst seine «Klassiker». Immer gehören auch die Anlässe dazu,
die dem Festival seinen unverkennbaren Charakter verleihen. So war in
Zürich an zwei Ausstellungen Fahrradkunst zu sehen – Fotografien,
Installationen und Bilder. Kunst auf dem Rad bot jedoch vor allem das
European Bike Polo Open. In der Fabrikhalle des Hauptsponsors Freitag
traten Mannschaften aus ganz Europa zum Poloturnier auf dem Velo an:
Dabei versuchen Dreierteams auf ihren Fixed Gears, ihren
Starrlaufvelos, mit Stöcken einen Plastikball ins Tor zu schiessen. Bei
dieser Veranstaltung sind Balance, Geschicklichkeit und Treffsicherheit
entscheidend für den Sieg. Dass aber beim Bike Polo nicht Siegen,
sondern der Spass im Vordergrund steht, zeigte sich an
verkehrsberuhigten Ecken im Umkreis des Festivals: Immer wieder
stellten kleine Gruppen von Polo-Fans improvisierte Felder auf und
veranstalteten spontane Miniturniere.
Das Bicycle Film Festival ist in Zürich erfolgreich gestartet und hat
kleine Farbtupfer im Zürcher Strassenbild hinterlassen. Der Erfolg
beruht wohl auch darauf, dass der Anlass neben der Velokurier-Szene
auch ein breiteres filminteressiertes Publikum anzusprechen weiss. Die
Chancen, dass es nächstes Jahr zu einer Zweitauflage kommt, stehen also
gut.
Die
Erstausgabe des Bicycle Film Festival Zürich war ein voller Erfolg:
Über 600 Personen sahen die in sechs Programmen gezeigten 38 Filme im
Kino Xenix. Neben vielen Kurzfilmen zeigte das Festival heuer vier
längere, bis auf eine Ausnahme dokumentarische Werke. Der Film «Road to
Roubaix» sucht mit starken Bildern, den Mythos des Rennens
Paris–Roubaix einzufangen. Dies gelingt nur begrenzt, da den oft
belanglosen, unkommentierten Aussagen der heutigen Radprofis zu viel
Raum gewährt wird. «Pedal», der Film des New Yorker Filmers und
Fotografen Peter Sutherland, dokumentiert auf packende Weise das Leben
der Fahrradkuriere im Big Apple. Gleichzeitig waren Sutherlands Bilder
in der Galerie La Perla an der Zürcher Langstrasse zu sehen. Dieser
Schwerpunkt stellte auch in Zürich klar, dass das Epizentrum des
Festivals nach wie vor in den USA liegt: 31 der 38 gezeigten Filme
kamen vom nordamerikanischen Kontinent.
Ob das Bicycle Film Festival Zürich 2009 wieder stattfindet, wird laut Organisator Pascal Alexander entschieden, wenn die Endabrechnung vorliegt.