Schwerpunkt

Mobilität für alle – oder Crash?

Steigende Nachfrage nach Mobilität und Treibstoffverknappung sind brennende Themen unserer Zeit. An einer internationalen Tagung der Akademie der Technischen Wissenschaften wurde über Lösungen debattiert. Pete Mijnssen

Um es vorwegzunehmen: Neue, bahnbrechende Erkenntnisse zur Mobilität nach dem Ölzeitalter brachte auch diese Zusammenkunft von rund 200 Personen aus der internationalen Forschung, Wirtschaft und Politik nicht. Wie die globale Verkehrszunahme mit neuen, effizienten Systemen, bzw. eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen vor dem Hintergrund der maximalen Ölfördermenge (Oil Peak) aussehen wird, ist innerhalb der Fachwelt auch nach dem Treffen in Yverdon-les-Bains ungeklärt.
Der Glaube an die Technik ist bei der Schwei­zerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) selbstredend noch immer vorhanden. Als Motto wurde denn auch eine Aussage des amerikanischen Physikers Gerald O’ Neill zitiert, der betont, dass «die Geschwindigkeit des technischen Wandels unterschätzt und der gesellschaftliche Wandel überschätzt» würde. Tatsächlich werden die Fakten immer dramatischer, auch wenn einige Referenten aus Wissenschaft, Politik und Industrie dies kleinredeten. So konstatierte z.B. Max Friedli, Direktor des Bundesamts für Verkehr, in der nächsten Legislaturperiode(!) würden sich punkto Energieversorgung noch keine Probleme stellen. Dem hielt Ernst Reinhardt, Verfasser einer neuen Studie (siehe unten), entgegen, dass die maximale Erdölfördermenge innnerhalb weniger als einer Generation erreicht sei. Da ist es wenig tröstlich, dass unser Erdölzeitalter mit seinen 150 Jahren ein Klacks in der Erdgeschichte ist. Was danach kommt, ist gegenwärtig noch offen.

Die 30-Prozent-Frage
Überall stellt sich zurzeit die 30-Prozent-Frage: Wie kann der prognostizierte Mehrverkehr, der einen Anstieg des Energiebedarfs um 30 Prozent mit sich bringt, mit den gleich hohen Reduktionszielen vereinbart werden? Der Widerspruch blieb ungelöst, und es wurde darauf hingewiesen, dass die Probleme des wachsenden Energiebedarfs, der zur Neige gehenden Vorräte und der geforderten CO2-Reduktion nur von Politik, Industrie, Wissenschaft und Konsumenten gemeinsam gelöst werden können. Dazu kommen die sich zuspitzende Gefahren der Energiekriege, in denen wir uns – so der Historiker Daniele Ganser – spätestens seit der Irak-Invasion befinden.

Abgabe würde Erdölschock abfedern
Dennoch haben in der Schweiz die Investitionen in die öffentlichen Verkehrssysteme Vorbildcharakter. Sorgen bereitet vor allem der wachsende Freizeitverkehr, der in naher Zukunft die Hälfte aller Fahrten – die meisten davon motorisiert – ausmachen wird. Die gut vernetzte Schweiz böte sich raumplanerisch als ideales Umfeld an, um von der Erdölabhängigkeit wegzukommen und der zu  Krise auszuweichen. Diese Vorbildfunktion ist aber durch den immer noch zu billigen Treibstoff und die Wohlstandsansprüche gefährdet. Abhilfe könnte die geplante CO2-Abgabe schaffen – zumindest würde sie den Schock nach der Erdölkrise mindern. Diese Entscheidung hat der Bundesrat aber aufgeschoben.

Nachgefragt

Ernst Reinhardtvelojournal: Wo liegen die Chancen für den Langsamverkehr in den Verkehrsszenarien?
Ernst Reinhardt: Das Wichtigste ist der Erhalt der Qualität der Siedlungsräume. An internationalen Standards gemessen, ist das in der Schweiz vielerorts der Fall. Dort müssen optimale Rahmenbedingungen für den Langsamverkehr geschaffen werden. Zudem braucht es die permanente Investition in die Köpfe. Diese Art von Mobilität muss gefördert werden, analog den Diskussionen um den öffentlichen Verkehr in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Solche «Task-Force»-Anstrengungen zahlen sich jetzt aus. Beim Langsamverkehr ist zudem viel generationsübergreifendes Potenzial vorhanden.

Punkto Taskforce scheint aber vieles im Argen zu liegen – beispielsweise fährt die Jugend heute weniger Velo als früher.
Mir scheint, dass wir immer mehr zu einer Gesellschaft von Konsumenten werden und der Bürgersinn zunehmend abhanden kommt. Ich meine diese «Subito!»-Haltung. Andererseits bringen diese Veränderungen auch unterschiedliche
Einschätzungen. So sieht die Jugend gemäss neusten Erkenntnissen vielen Entwicklungen anscheinend optimistischer entgegen als die ältere Generation. Auch profitieren beide Generationen deutlich besser voneinander, als oft behauptet wird. Aber beide fahren auch mehr und länger Auto.

Was empfehlen Sie der Velo-Lobby?
Wichtig ist die permanente Promotion der Förderungsanliegen, auch unter Einbezug der Verbündeten aus den Fussgängerorganisationen. Gehen und Velofahren – beides bedeutet Bewegung, und das ist die wichtigste Gesundheitsmassnahme. Das gute Beispiel muss ständig gezeigt werden.

Dann lohnt es sich, dranzubleiben?
Aber sicher!

Ernst Reinhardt war Leiter des Mobilitätsbereiches von Energie 2000 und EnergieSchweiz, unter anderem mit den Schwerpunkten CarSharing und Eco-Drive. Seine aktuelle Publikation befasst sich mit dem Thema «Erdölknappheit
und Mobilität in der Schweiz».

www.satw.ch/aktuell/publikationen/schriften/hintergrund.pdf
Abo
© 2011 velojournalImpressum