Politik

Mehr Velosicherheit – ohne Helmpflicht

Statistiken haben ihre Tücken. Auch die Unfallstatistiken, die Politikerinnen und Politiker zitieren, um zu beweisen, dass ein Velohelmobligatorium sinnvoll sei. Die Pro Velo sieht es – bekanntlich – etwas anders. Sie fordert: Mehr Sicherheit Ja, aber ohne Helmobligatorium.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und das Programm «Via Secura» des Bundes fordern immer wieder die Velohelmpflicht. Drei Dutzend Velounfallopfer pro Jahr könnten mit Helm überleben, 1500 Schädel-Hirn-Verletzungen könnten vermieden werden, wenn alle (statt nur die heute gezählten 40 Prozent) Velofahrenden einen Helm tragen würden.
Pro Velo hat andere Zahlen. Zum einen starben laut Unfallstatistik in den letzten Jahren pro Jahr weniger als drei Dutzend Velofahrende bei Unfällen – die Hälfte ausserorts. Am meisten betroffen sind dabei Velofahrende über 65. Nur ein Kind starb 2007 auf dem Velo. Ausserorts nimmt die Unfallzahl und Unfallschwere wegen strengerer Verkehrsvorschriften tendenziell ab. Noch mehr entschärfte Situationen und tiefere Tempi brächten den Velofahrenden deshalb weit mehr Sicherheit als das Helmobligatorium. Die Tempo-30-Zonen beweisen das: Dort stirbt kaum je einE VelofahrerIn bei einem Unfall.

Wenig Schutz bei schweren Unfällen 
Sich auf den Schutz des Kopfes zu beschränken, führe ebenfalls nicht zum angestrebten Ziel, sagt Pro Velo weiter. Aus niederländischen Detailstatistiken weiss man, dass 40 Prozent der Velo-Opfer an anderen als an Kopfverletzungen starben, vor allem bei den tückischen Lastwagen-, Bus- und Tramunfällen ist dies der Fall. Diese Opfer kann leider auch ein Helm nicht retten.
Auch zur BfU-Zahl von 1500 Schädel-Hirn-Verletzten gibt es offene Fragen. Die hohe Zahl lässt sich aus der Unfallstatistik nicht direkt ableiten. Im Weiteren weist Pro Velo darauf hin, dass keine aktuelle Studie die alten, leider immer wiederholten Behauptungen stütze, der Helm könne bis 85 Prozent der Kopfverletzungen verhindern. velojournal hatte zuletzt in der Ausgabe 3/2006 von der «gefälschten Studie» berichtet. Neuere, ebenfalls niederländische Studien gehen leider nur von einer Schutzwirkung von 10 bis 20 Prozent aus. Vor allem gegen die 5 bis 10 Prozent schweren Kopfverletzungen nützen die Kunststoffhelme wenig.

Helm vermittelt trügerische Sicherheit
Helme lassen Velofahrende, Erwachsene, Kinder und Eltern mit der trügerischen Sicherheit eines besseren Schutzes zurück. Oft tragen aber gerade Kinder den Helm in den Nacken geschoben – ein Sturz mit einem solchen Helm ist wegen eines möglichen Genickbruchs oft gefährlicher als ein Sturz ohne Helm. Ein Obligatorium, auch bloss eines für Kinder, würde zu noch mehr schlecht angepassten und falsch getragenen Helmen führen. Und noch ein tragischer Vergleich: Als Autoinsassen sterben heute viel mehr Kinder als auf dem Velo.
Praktische Erfahrungen und eine Studie aus England zeigen auch, dass AutolenkerInnen gegenüber Velofahrenden mit Helm noch rücksichtloser sind und diese mit noch weniger Abstand überholen. Auch AutolenkerInnen verführt der Velohelm also zu einer falschen Sicherheitsannahme.

Weitere Infos:
Weitere Berichte zum diskutierten Helm­obligatorium in velojournal 1/2004, 5/2004, 5/2005, 3/2006, 5/2006.

Mehr Sicherheit ohne Obligatorium

  • Die Wirkung eines Velohelmobligatoriums wird masslos überschätzt.
  • Ein Helm schützt nur, wenn er gut passt. Zu lose oder im Nacken sitzende Helme können zu schlimmen Verletzungen führen.
  • Helme sind keine Lebensversicherung. Die Kampagnen lenken von anderen Gefahren ab.
  • VelofahrerInnen und Eltern wiegen sich mit Helm in falscher Sicherheit. AutofahrerInnen nehmen auf «behelmte» Velofahrende noch weniger Rücksicht.
  • Aggressive und angstschürende Helmkampagnen halten vom Velofahren ab. Die verbleibenden Velofahrenden sind dann noch stärker gefährdet, und das Unfallgeschehen wird sich verlagern. Weniger Velofahren bedeutet ausserdem weniger Volksgesundheit.
  • Die Velo-Sicherheitskampagnen dürfen sich nicht aufs Helmtragen beschränken. Nötig sind mehr Tempo-30-Zonen, Hauptstrassenberuhigungen, sichere Querungen, keine Ablenkung am Steuer (namentlich durch ein Handy), Einhaltung der Geschwindigkeitsvorschriften, Unterfahrschutz, Spiegel und Kameras an Lkws und sicherere Fronten der Geländewagen.
  • Verantwortlich für die Unfälle sind in aller Regel nicht die Velofahrenden, sondern unachtsame motorisierte VerkehrsteilnehmerInnen.
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