
Am 7. Juli rieb man sich in Zürich die Augen. Der Kantonsrat hatte
soeben mit 112 zu 46 Stimmen einen Gegenvorschlag zur
Pro-Velo-Initiative «für mehr Veloverkehr im Kanton Zürich» angenommen.
Zwanzig Millionen will der Kanton in den nächsten zehn Jahren für eine
kantonsweit koordinierte Veloförderung ausgeben. Die Bau- und die
Verkehrsgesetzgebung sollen so angepasst werden, dass die Anliegen der
Radfahrenden mehr Gewicht erhalten. Durch planerische, bauliche und
kommunikative Massnahmen muss der Veloanteil im Verkehr in den nächsten
Jahren angehoben werden – so steht es nun im Gesetz.
Autorin des Gegenvorschlages ist die Volkswirtschaftsdirektion unter
der Leitung von SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer. Trotzdem stimmte die
SVP-Fraktion gegen die Vorlage. Sie unterstützte zwar den Rahmenkredit,
wandte sich aber gegen die verlangte Erhöhung des Veloanteils. Pro Velo
Zürich hat als Reaktion auf den Ratsbeschluss den Rückzug der
Initiative angekündigt und verzichtet damit auf die konkrete
Forderung, den Veloanteil auf fünfzehn Prozent anzuheben. Der
Ratsmehrheit war diese Zahl zu utopisch.
Pro-Velo-Zürich-Geschäftsführer Dave Durner ist überzeugt, dass die
Initiative ihr Ziel – politischen Druck zu erzeugen – erreicht hat. Er
hält die gesetzliche Verankerung eines höheren Veloanteils für ein
wichtiges Argument im Umsetzungsprozess. Der Gegenvorschlag – so
erwartet Durner – lege nun die Basis für ein Umdenken in der
Bevölkerung und in der kantonalen Verwaltung: «Das Velo muss endlich
als gleichberechtigtes Verkehrsmittel behandelt werden.» In der Planung
komme es heute oft zuletzt und zu kurz.
Pro Velo Zürich fordert deshalb, dass ein Teil des Rahmenkredits für
die Einrichtung einer kantonalen Koordinationsstelle für Velofragen
verwendet wird. Auch ein Gremium mit Vertretern aller Ämter könnte zu
einem ganzheitlicheren Ansatz in der kantonalen Veloförderung
beitragen. Für Velowege und -signalisation stehen in Zürich bereits
heute jährlich zwölf Millionen Franken zur Verfügung.
Ob und inwiefern Pro Velo Zürich an der Umsetzung des Gegenvorschlages
beteiligt sein wird, ist unklar. «Wir sind an einer Zusammenarbeit
interessiert», hält Dave Durner fest. Pro Velo Zürich unterstützt den
Gegenvorschlag so, wie er nun beim Regierungsrat liegt. Sollte er aber
verwässert werden, behält sie sich die Reaktivierung ihrer Initiative
vor. Man werde die weiteren Entwicklungen genau beobachten.
Verwässerung in Luzern
Der Kanton Luzern zeigt, dass die Gefahr einer Verwässerung durchaus
besteht. In den Neunzigerjahren war dort die Initiative «Velozärn»
lanciert worden. 1999 beschloss der Grosse Rat ein Gesetz, das die
Errichtung eines kantonalen, zusammenhängenden Radwegnetzes bis 2014
vorsah. Heute ist die Umsetzung ins Stocken geraten und das Ziel in
weite Ferne gerückt. Der Krienser Veloladen Velociped hat deshalb
zusammen mit Pro Velo Luzern und dem VCS eine neue Initiative lanciert.
«Es muss auf politischer Ebene etwas geschehen», fordert Cyrill Wiget
vom Initiativkomitee. «Mehr fürs Velo» erhebt ähnliche Forderungen wie
die Zürcher Initiative und will eine Verdoppelung des heutigen
Veloanteils auf fünfzehn Prozent. Die Unterschriftensammlung laufe sehr
gut. «Velociped» garantiert die notwendigen Finanzen – als Geschenk an
die Kunden im Jubiläumsjahr des Ladens.
Die Luzerner InitiantInnen attestieren dem Kanton zwar den Willen zur
Veloförderung. Der Gegenvorschlag von 1999 kam der Initiative sehr
nahe. Doch Wiget konstatiert: «Man bezieht das Velo dort in die Planung
ein, wo es einfach ist, und nicht dort, wo es nötig ist.» Sobald es zu
Interessenkonflikten zwischen Auto und Velo komme, gewähre man dem
motorisierten Verkehr den Vortritt. Die neue Initiative soll dafür
sorgen, dass wieder aktiver für das Velo lobbyiert wird.