Dr. V. Love
Dr. V. Love
Die Grenzen der Kundenfreundlichkeit
Lieber Dr. V. Love
Als mir mitten in der Stadt Zürich der Schlauch meines Hinterrades
platzte, hatte ich weder Ersatzschlauch noch Pumpe dabei. Kein Problem,
dachte ich, es gibt ja viele Velomechaniker hier. Ich trug also mein
Velo zum nächsten Fachgeschäft – und erfuhr dort: «Einen Schlauch
bekommen Sie, pumpen müssen sie aber anderswo.» Die Tankstelle sei ja
gleich gegenüber, erklärte mir der junge Verkäufer. Ich zog weiter,
doch der nächste Veloladen konnte mir auch nicht helfen. Schliesslich
«rettete» mich ein älterer Herr im dritten Fachgeschäft mit Schlauch
und geliehener Pumpe.
Was sagen Sie dazu, Herr Doktor? Sind die Velomechaniker dieser Stadt
wirklich so tief gesunken, oder stecken sie derart tief in der Krise,
dass sie es sich nicht mehr leisten können, einem Radler in Not
auszuhelfen?
Mit freundlichen Grüssen,
Peter P., Zürich
Sehr geehrter Herr Prader
Sehen Sie, die Zeiten ändern sich, die Winde des Marktes sind rauer
geworden: Auch im Café kann man ja nicht mehr einfach stundenlang
sitzen und sich auf das Recht auf «das Amtsblatt und ein Glas Wasser»
berufen. Analog dazu können Sie doch nicht einfach in einen Laden
hineintrampen und Ihr Recht auf «einen Schlauch und etwas Luft»
einfordern. Wo kämen wir denn da hin? Es herrscht Mechanikermangel, die
vorhandenen Kräfte müssen sich auf das Lukrative konzentrieren. Hätten
Sie wenigstens zusätzlich zum Schlauch noch ein neues Trikot und einen
Helm gekauft, so hätte die Sache wohl anders ausgesehen. Sie wären vom
Schmarotzer zum Kunden aufgestiegen und wären entsprechend behandelt
worden. Nun mögen Sie einwenden, es gebe doch so etwas wie Solidarität
unter den Radfahrenden. Da haben Sie recht: Solidarität heisst,
einander zu unterstützen. Und das tun Sie am besten, indem Sie den von
allen Seiten – von Tankstellen, Grossverteilern, Herstellern – unter
Druck gesetzten Veloläden jede unnötige Arbeit ersparen.
Der junge Mann im ersten Veloladen hatte recht. Die einzige saubere
Lösung findet sich tatsächlich an der Tankstelle: Veloräder abschrauben
und Autoräder montieren. Die sind viel stabiler, Ihr Schlauch platzt
kaum mehr. Und Sie ersparen den Velohändlern viel Arbeit.
Ihre Fragen an:
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