Test

Modischer Stauraum

Was den Frauen ihre geliebte Handtasche, ist dem Velofahrer und der Velofahrerin die Lenkertasche. velojournal hat sich verschiedene Taschen genauer angeschaut und erklärt, worauf es bei der Auswahl ankommt. Marius Graber

Die wichtigsten Dinge hat man gerne in Griffnähe. Das ist auch beim Velofahren so. Statt umständlich im Rucksack oder in Velotaschen zu kramen, bietet sich eine Lenkertasche für die wichtigsten Utensilien an. Braucht man etwas, muss nicht erst abgestiegen werden, um Zugriff zu bekommen. Je nachdem erreicht man das Wichtigste sogar während der Fahrt. Gerade für den Fotoapparat ist das praktisch, damit das schöne Sujet nicht längst verschwunden ist, wenn man endlich die Kamera gezückt hat. Aber auch Portemonnaie, Handy, Kugelschreiber, Sonnenbrille, eine kleine Zwischenverpflegung, eine Karte oder ein Reiseführer sind in der Lenkertasche schnell griffbereit. Lenkertaschen eignen sich auch zum Mitführen von Ausweisen, Pässen, Tickets und Ähnlichem, bleiben sie doch während der Fahrt immer im Blickfeld. Steigt man ab, können sie einfach vom Rad genommen und mit einem Schulterriemen bequem getragen werden.

Langes Wühlen entfällt
So praktisch die Lage der Tasche am Lenker auch ist – zu üppig sollte man sie nicht bepacken. Hängt viel Gewicht über dem Vorderrad, wird das Fahrverhalten negativ beeinflusst: Der Lenker neigt dann dazu, auf die eine oder andere Seite zu schwenken und muss dementsprechend fester im Griff gehalten werden. Daher ist eine grosse Tasche nicht in jedem Fall besser. Sie verführt dazu, Unnötiges einzupacken. Kommt hinzu, dass heute nicht mehr so viel Platz benötigt wird, denn die Alltagsdinge werden kleiner und kleiner: Kam vor ein paar Jahren noch eine grosse Spiegelreflexkamera inklusive verschiedener Objektive mit auf die Tour, begnügen sich mittlerweile viele mit einer kompakten Digitalkamera, welche nur noch einen Bruchteil des Platzes benötigt. Daher bietet auch die kleinste Tasche in unserer Auswahl, die Ortlieb «Ultimate 5 compact», schon ausreichend Platz für die wichtigsten Dinge.
Doch Platz alleine ist nicht alles: Die Taschen unterscheiden sich stark in ihrer Aufteilung und der Menge an Zusatzfächern. Sehr gut gefallen haben diesbezüglich die Modelle von Vaude und Abus: Mit den klug konzipierten Aussen- und Innentaschen findet sich für jeden Ausrüstungsgegenstand ein geeigneter Platz. Langes Wühlen entfällt.

Nur kein Wasser reinlassen
Angesichts der wertvollen Fracht ist es bei den Lenkertaschen besonders wichtig, dass auch bei anhaltendem Regen oder einem Wolkenbruch kein Wasser eindringt. Diesbezüglich können die Modelle in zwei Gruppen eingeteilt werden: einerseits jene Taschen, deren wasserdichtes Material nicht genäht, sondern verschweisst ist. In der velojournal-Auswahl sind die Tasche von Agu sowie die beiden Ortlieb-Taschen nach diesem Muster gefertigt. Auf der anderen Seite stehen jene Taschen, die durch eine zusätzliche Regenhaube, die bei Bedarf über die Tasche gestülpt wird, wetterfest gemacht werden. Diese Taschen sind genäht und können dadurch sehr einfach mit Aussen- und Innentaschen versehen werden, die das Handling vereinfachen – so lange es nicht regnet. Bei Regen werden die Fächer samt Karte durch die Hülle überdeckt. Einzig die Regenhüllen von Arkel und Abus waren diesbezüglich perfekt: Sie haben ein Sichtfenster eingearbeitet, damit man auch bei Regen auf die Karte sieht. Wer Regenfahrten oder zumindest regenreiche Gegenden liebt, wird mit einer verschweissten Tasche besser fahren. Mitunter auch deshalb, weil sich diese bei Regen noch genau so gut bedienen lässt wie bei Sonnenschein.

Halterungen
Da in der Lenkertasche üblicherweise das Wichtigste und oft auch Wertvollste verstaut wird, ist es von Vorteil, wenn die Teile einfach und schnell vom Velo genommen und danach wieder sicher fixiert werden können. Hierfür sind alle Modelle mit einem Halter versehen, der am Velo fixiert wird und mit einem Klickverschluss ausgerüstet ist. Bei den meisten Taschen ist dies das Haltesystem der deutschen Firma Klickfix. Dieses hat sich über Jahre bewährt, funktioniert sehr einfach und ist fast schon zum Standard geworden, sodass sich darauf auch anderes Accessoires und eine grosse Auswahl an Körben montiert lassen. Sogar die Ortlieb-Taschen passen hier drauf.
Einen ganz eigenen Weg geht Basil. Dieser Halter wird nicht am Lenker, sondern am Lenkervorbauschaft befestigt, sofern ein solcher vorhanden ist – was zum Beispiel bei Mountainbikes mit dem Ahead-System nicht der Fall ist. In diesem Fall muss ein spezieller Adapter gekauft werden. Auf den Basil-Halter wiederum passen die Basil-Lenkerkörbe, sodass in den Ferien die Tasche, im
Alltag aber der Korb verwendet werden kann. Arkel hat ebenfalls ein eigenes Befestigungssystem, welches in der Montage sehr flexibel ist, sodass es an alle erdenklichen Lenkerformen montiert werden kann.
Gerade die Montage bietet manchmal Probleme: Für schmale Rennlenker sind die Taschen oft etwas breit, bei Multipositionslenkern kommen sie mit dem Lenkerrohr ins Gehege, was mit einer Adapterverlängerung gelöst werden kann. Allerdings kommt die Tasche damit noch weiter von der Lenkachse weg, wodurch sich das Fahrverhalten verschlechtert.

Neu auch mit GPS-Fach
Sehr praktisch sind die Kartenfächer, die auf dem Taschendeckel fixiert werden können. So hat man die Karte während der Fahrt immer im Auge und muss nicht in den Taschen wühlen, wenn der Weg verworren wird. In regenreichen Gebieten ist natürlich auch hier die wasserdichte Version von Vorteil, wenn auch das Ein- und Auspacken der Karte etwas mühsamer ist. Gefallen hat diesbezüglich das Modell von Abus: Neben dem Kartenfach hat es im Deckel ein Fensterchen und ein Fach für ein GPS-Gerät eingearbeitet, damit dieses bestens im Blick bleibt. Auch Ortlieb hat auf die GPS-Technik reagiert und bietet zur «Ultimate M» als Zubehör eine anknöpfbare, wasserdichte GPS- oder Kartentasche an.

Fazit
Die Lenkertaschen sind mit all diesen technischen Finessen, die ihnen auch einen deutlichen Outdoor-Touch verleihen, klar auf Touren ausgelegt. Obwohl: Auch im Alltag wäre eine kleine Tasche, die praktisch am Velo angebracht werden kann, ganz praktisch. Hierfür ist aber eine modischere Optik gefragt. Diesen Schritt schaffen die Ortlieb «Ultimate 5 compact» und das umfangreiche Sortiment von Zwei. Mit dem Verzicht auf Aussentaschen und Kartenfach sind sie auf der Tour etwas weniger funktionell, gehen dafür im Ausgang als modisch astreine Handtasche durch und erobern sich so vielleicht bei vielen Frauen einen Platz unter den Lieblingshandtaschen.

 
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