
Die Überlegung ist einfach, einleuchtend und deshalb für einen Trend
gut: Je grösser das Rad, desto leichter lässt sich ein Hindernis
überwinden. Denn das Rad rollt leichter darüber hinweg. Auf diesem
Gedanken basiert die Tendenz zu grösseren Rädern bei Mountainbikes. Und
flugs erfindet die Fahrradindustrie eine neue Radgrösse: 29 Zoll.
Sozusagen als Königsklasse der fetten Reifen neben den sonst bei Bikes
üblichen 26 Zoll oder bei Stadt- und Rennvelo gängigen 28 Zoll.
Eigentliche 29-Zoll-Räder sind es allerdings nicht. Denn die «neue»
Radgrösse basiert auf konventionellen 28-Zoll-Felgen, die mit fetten
Reifen bestückt sind. Mit diesem grösseren Umfang werden sie als
29-Zoll-Räder bezeichnet, vielleicht auch, damit der Eindruck entsteht,
als wäre hier etwas Neues erfunden worden.
Im Gelände mit einem 29-Zöller fällt zuerst nicht viel auf: Unser
Testbike, das Gary Fisher «HiFi Pro 29» fährt, wie ein Bike eben durch
Feld und Wald fährt: Die Federung vorne und hinten bügelt dem Gelände
artig die Rauheit weg, die Schaltung funktioniert schnell, präzise und
mit wenig Kraftaufwand, die Bremsen verzögern bissig, aber
wohldosierbar. Im Steilhang dann das erste Indiz: Durch den grösseren
Raddurchmesser ist die kleinste Untersetzung verloren gegangen, die
hier sonst für niedrigen Puls sorgt. Dann, bei schneller Fahrt auf dem
Waldweg, fühlt es sich so an, als würden die Big-Räder tatsächlich
leichter über Bodenwellen, kleine Absätze und Hindernisse gleiten. Die
Fahrt scheint etwas flüssiger, harmonischer, als liesse sich das
29-Zoll-Bike durch Unebenheiten weniger aus der Ruhe bringen.
Ab in den Wald
Geht es dann aber auf enge, verwinkelte Pfade, wirkt der «Twentyniner»
träger als ein normales Bike, fast schon behäbig. Die Masse der grossen
rotierenden Räder lassen schnelle Richtungswechsel nur unwillig zu, der
konstruktiv bedingte Radstand trägt das Seine dazu bei.
Böse Zungen behaupten, der 29-Zoll-Trend werde heraufbeschworen, weil
beim Mountainbike Federung, Scheibenbremsen und Rahmentechnologie so
weit entwickelt seien, dass sich die Industrie dankbar auf jede neue
Innovation stürze. Techniker halten dem entgegen, dass es mittlerweile
möglich sei, auch grössere Räder so stabil zu bauen, dass sie den
Geländeeinsatz überstehen. Für die Rahmenkonstruktion handeln sich die
Velohersteller damit freilich einige Nachteile ein: Mit den grösseren
Rädern ist es nämlich schwierig, die bewährten Geometrien bei den Bikes
einzuhalten, erst recht bei kleinen Rahmengrössen. Der Federung bleibt
weniger Platz, sodass man sich beim Hinter- wie beim Vorderrad mit zehn
Zentimeter Federweg begnügen muss, was für Biker heutzutage nicht mehr
viel ist. Zudem spricht die Federung durch das höhere Gewicht der
grossen Räder schlechter an, womit ein Teil des 29-Zoll-Effektes
zunichte gemacht wird.
Wir folgern: Der prädestinierte «Twentyniner»-Fahrer ist von mittlerer
bis grosser Statur, meidet schmale verwinkelte Waldwege, begehrt keine
grosse Federung oder steht gar auf rigide Mountainbikes. Ohne die
Cleverness des 29-Zoll-Gedankens schmälern zu wollen: Für einen neuen
Trend ist diese Kundengruppe vielleicht doch etwas klein.

Vollgefederter Aluminiumrahmen, Fox-F29-RLC-29”-Federgabel,
Fox-Float-RP23-Dämpfer, Shimano-XT-27-Gang-Kettenschaltung,
AVID-Juicy-Seven-Scheibenbremse, Bontrager-Rhythm-Elite-Laufräder.
Gewicht: 12,8 kg
Preis: Fr. 4599.– (andere Modelle ab Fr. 2999.–)
Kontakt: www.garyfisher.com, Trek Fahrrad GmbH,
Tel. 044 824 85 00
Info: 29-Zoll-Bikes werden auch von weiteren Herstellern angeboten, zum
Beispiel von Kona, Salsa oder Trek. Unter www.twentyniner.ch gibt es
ein Forum zum Thema.