
Im «Supermarkt der Mobilität», den die Schweiz darstellt (eine der
höchsten Fahrzeugdichten Europas, bestausgebauter ÖV etc.), ist es gar
nicht so einfach, zu Bewegung zu kommen. Das zeigt unser
Schwerpunktthema eindrücklich. Zwar nehmen die zu Fuss zurückgelegten
Wege wieder leicht zu, aber das Velo scheint bei der Jugend zunehmend
in Vergessenheit zu geraten. Wie aber lebt es sich in Familien, die ein
velofreundliches Umfeld bieten? Wie schaffen sie Bewegungsanreize und
bringen ihre Kinder dazu, auf das Velo zu steigen?
Vorbilder gesucht
Besonders wichtig ist es, mit gutem Beispiel voranzugehen: Eltern, die
Angst vor dem Velofahren haben, geben ein schlechtes Vorbild für ihre
Kinder ab. Dabei spielt das Velo (neben dem Erkunden zu Fuss) für das
Erlernen der Autonomie eine zentrale Rolle. Diese wird heute immer mehr
eingeschränkt, zum Beispiel wenn Kinder mit dem Auto zur Schule
gefahren werden. Damit die Kinder ihr Umfeld auch wirklich ausloten
können, ist von den Eltern nach anfänglichem Begleiten auch Vertrauen
in die Autonomie gefordert, es bräuchte wieder einen obligatorischen
Velounterricht für alle. An den meisten öffentlichen Schulen ist dieser
nur noch fakultativ und im Lehrplan vieler privater Schulen gar nicht
mehr vorgesehen. Gerade in diesen Institutionen wäre es aber besonders
wichtig, andere Mobilitätsformen als den Autotransport zu fördern. Auch
die zahlreichen Sport- und Freizeitaktivitäten von Kindern und
Jugendlichen verleiten zu einer «bequemen» Mobilität. Dazu gehört auch
der öffentliche Verkehr.
Veloaktivität unterstützen
Ein anderes Erziehungskonzept verfolgen Marius Graber, Technikredaktor
von velojournal, in Kriens, und dessen Partnerin. Die velobegeisterten
Eltern sind im Alltag fast ausschliesslich mit dem Fahrrad unterwegs
und ermuntern ihre beiden Töchter dazu, das Velo für ihre
selbszständigen Aktivitäten zu nutzen. Die Familie wohnt am Stadtrand
von Luzern und kann auf ein gut ausgebautes Busangebot zurückgreifen.
Lena und Nora (12 und 9 Jahre alt) steht immer das Velo bzw. Kickboard
zur Verfügung. Damit fahren sie zu Chorproben, zum Schwimmen oder in
die Stadt. Den kurzen Schulweg nehmen sie unter die Füsse, denn die
Schule verbietet die Velonutzung unter einem Kilometer. Und: Im
autolosen Haushalt müssen die Kinder das Busbillett für ihre
Freizeitaktivitäten aus dem Taschengeld bezahlen. Das finden die beiden
zwar manchmal etwas «blöd», aber die ältere Lena gibt freimütig zu,
dass es ihr oft auch gelingt, ihre Kolleginnen zu einer Velofahrt zu
animieren. Dann können sie das gesparte Busbillet in Heftli und andere
begehrte Taschengeld-Objekte investieren.
Als Vater von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen weiss der Schreibende,
dass die Pubertät im Allgemeinen, aber auch im Mobilitätsverhalten ein
besonders harter Brocken ist. Da kommt immer irgendwann der Wunsch nach
einem Mofa oder Töff auf, Velofahren ist generell nur noch blöd, das
Helmtragen sowieso. Und die Zeiten, da man sich freimütig und stolz mit
dem Trailerbike oder Tandem zur Schule fahren liess, sind dann
endgültig vorbei. Style und Coolness sind angesagt. Coolness ist dann
auch von den Eltern verlangt: ruhig bleiben. Das musste sich kürzlich
auch ein Journalistenkollege sagen, der ein Porträt über eine
«Velofamilie» mit halbwüchsigen Kindern machte. Als die Reportage mit
Bild in einer Tageszeitung erscheinen sollte, kam ein Njet von den
beiden Teenagern. Man wollte sich mit den «ökologischen» Eltern nicht
vor den KollegInnen blamieren. Auch dem Lebensstil der Generation
«Familienharmonie», wie er bei vielen Babyboomern herrscht, werden
manchmal Grenzen gesetzt ...
Rituale und Leistungsanpassung
Von diesen Diskussionen unangetastet blieb bei uns das
Sommerferienritual mit Velo und Zelt. Und die Veloausflüge wurden dem
Bewegungsdrang der Jungen angepasst, damit keine Langeweile aufkam.
Noch heute sind gemeinsame Velotouren abseits des hektischen Alltags
ein wichtiger Anlass in der Jahresagenda. Mein jüngerer Sohn fährt
inzwischen beim Velotraining mit. Meistens vorne, versteht sich.