Dr. V. Love
Dr. V. Love
Angewandte Psychopathie
Lieber Dr. V. Love
Ich bin eine gute Velofahrerin und trage jeden Tag meinen Helm. Ich
achte auch auf ein poppiges Design und fühle mich eigentlich zumeist
ziemlich gut angezogen mit meiner Sicherheits-Kopfbedeckung. Nun aber
habe ich in der «Welt» gelesen, dass Helme scheusslich seien, ein
«ästhetisches Verbrechen». Viele Velofahrer würden aus Sorge um ihre
Frisur keinen Helm mehr tragen. Ist es wirklich so weit gekommen mit
den Velofahrern? Geht Ästhetik über das eigene Leben?
Ihre Helmträgerin
Margarethe D.
Liebe Frau Dorogana
War das Leben jemals wichtiger als die Ästhetik? Das Leben ist so
abstrakt, so unfassbar und manifestiert sich in vielen Formen – wer
will es da als solches schützen? Die Ästhetik hingegen ist etwas
Konkretes, etwas, das man anschauen und geniessen kann. Das Leben kann
man nicht wählen, man muss es durchstehen, obschon man weiss, wie
flüchtig es ist und wie schnell es entschwinden kann. Wie in
Horrorfilmen. Diese zeigen die Lebensnöte von Teenagern und deren
Erlösung durch Psychopathen. Im Film «Scream» tragen diese zum Beispiel
seltsame Masken. Womit wir wieder bei den Velohelmen wären. Denn in der
Helm-Kampagne der bfu kommen auch solche «Scream»-Horrormasken vor, die
sich anschliessend in Velohelme verwandeln.
Was will man uns sagen? Dass Velohelme nur für Psychopathen sind? Dass
eine Velofahrt ohne Helm zum Horrortrip wird? Dass sich Teenager über
Helmträger lustig machen? Oder dass die Helmträger zu schlitzenden
Psychopathen werden?
Sie sehen, die ganze Sache ist höchst komplex. Ich hoffe einfach für
Sie, dass Sie trotz Ihrer Enttäuschung über die Oberflächlichkeit der
Velofahrenden nicht auf die Idee kommen, jemanden zu ermorden.
Geniessen Sie stattdessen den Fahrtwind, der ihnen durch die
Helmschlitze über den Kopf bläst.
Ihre Fragen an:
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