Film
Depressionen, Euphorie, Weltrekord!
1993 stand die Radsportwelt kopf. Ein nahezu unbekannter schottischer Rennfahrer stellte mit seinem selbst konstruierten Velo einen neuen Stundenweltrekord auf. Die Geschichte dieser Rekordjagd ist nun auch auf DVD zu sehen. Bruno Angeli
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Ein eingeschworenes Team: Obree und
(die fiktive Figur) Malky |
Graeme Obree auf Rekordjagd |
Die Geschichte eines Nobodys, der den seit neun Jahren bestehenden
Stundenweltrekord von Radstar Francesco Moser – einem
Strassenweltmeister und Giro- d’Italia-Sieger – bricht, bietet bereits
genügend Stoff für eine Verfilmung. Dieser Streifen ist nun auf DVD
erschienen. «The Flying Scotsman» schildert aber nicht nur die
Geschichte dieser ausserordentlichen sportlichen Leistung, sondern
porträtiert realitätsnah den Menschen, der hinter dieser Leistung
steckt.
Graeme Obree (von Schauspieler Johnny Lee Miller verkörpert) ist keine
simple Sportmaschine, sondern ein sensibler Mensch, der unter schweren
Depressionen leidet und mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat.
Kommt hinzu, dass der Radsport-Weltverband UCI keine grosse Freude am
innovativen Freigeist Obree hat. Weder seine Radkonstruktion noch die
ungewöhnliche Sitzposition werden als regelkonform eingestuft. Doch
Obree lässt sich nicht unterkriegen, tritt immer wieder an und
protestiert auf seine Weise: Während eines Anlasses stellt er den
verdutzten Funktionären, die immer etwas an seinen Rennvelos
auszusetzen haben, seine neuste Konstruktion vor: ein Rennrad mit
montierten Kinderstützrädern! Beleidigt ziehen sich die UCI-Funktionäre
zurück.
Schneller als alle anderen
Obree wächst in der schottischen Provinz auf. Hier verbringt er eine
ungemütliche Kindheit. Er bezieht von einer Gruppe Jugendlicher immer
wieder Prügel. Sein Vater gibt ihm den Rat: «Wenn die Lage aussichtslos
ist, musst du schneller sein als die anderen und sehen, dass du weg
kommst.» Um dem Sohnemann einen kleinen Vorteil zu verschaffen, liefert
er ihm technische Unterstützung: Graeme bekommt zu Weihnachten ein
Rennrad geschenkt. Seine Widersacher werden ihn nicht mehr zu fassen
bekommen, die Schläge bleiben nun aus. Fortan radelt er allen davon,
die Leidenschaft zum Rennvelo ist entfacht. Er fährt Radrennen und
betreibt als Erwachsener ein kleines Fahrradfachgeschäft. Doch das
Velobusiness läuft schlecht. Sein Fahrradladen muss für immer die
Rollläden runterlassen.
Der inzwischen verheiratete Obree ist gezwungen, als Velokurier sein
Geld zu verdienen. Während einer gemeinsamen Tour mit seinem Kumpel
Malky (Billy Boyd) probiert Obree eine neue, aerodynamische
Körperhaltung aus. Er verstellt den Lenker und zieht seine Arme an. Mit
dieser radikalen und gewöhnungsbedürftigen Position ist er merklich
schneller. In ihm reift der Gedanke, einen neuen Stundenweltrekord
aufzustellen. Doch es gibt dazu kein Rennrad, das seinen Vorstellungen
entspricht. Er wird es sich selber bauen müssen. Unterstützt wird er
dabei vom Priester Baxter (Brian Cox). Dieser stellt ihm seine
Werkstatt zur Verfügung. Jetzt fehlt nur noch ein geeignetes Tretlager.
Zur Verwunderung seiner Lebensgefährtin zerlegt Obree kurzerhand die
Waschmaschine. Dort drin findet sich das geeignete Lager.
Bald darauf im Velodrom von Hamar, Norwegen: Obree startet zu seinem
Rekordversuch – und scheitert. Am nächsten Tag steigt er erneut auf
sein Rad, das er liebevoll «Old Faithful» nennt. Dieser erneute Anlauf
wird von Erfolg gekrönt. Der Schotte legt in einer Stunde 51,596
Kilometer zurück!
Doch der Rekord hält nicht lange. Sechs Tage später setzt ein gewisser
Chris Boardman in Bordeaux eine neue Marke: 52,270 Kilometer. Obschon
ihn starke Depressionen quälen, kämpft sich Obree wieder heran, und wir
erfahren im weiteren Verlauf des Films, wie seine Rekordjagd in die
nächste Runde geht.
The Flying Scotsman – Die DVD
Originaltitel: The Flying Scotsman, DEU/UK 2006
Regie: Douglas Mackinnon
Drehbuch: John Brown, Declan Hughes, Simon Rose
Schauspieler: Johnny Lee Miller, Laura Fraser, Brian Cox, Billy Boyd
Kamera: Gavin Finney
Schnitt: Colin Monie
Produktion: Peter Broughan, Peter Gallagher, Sara Gilles, Damita Nikapoto