Szene

Billigstanbieter als «dritte Kraft»

Der Velomarkt Schweiz erfreut sich bester Gesundheit: 2007 wurden im Vergleich zum Vorjahr fast fünf Prozent mehr Fahrräder verkauft, was vor allem der Billigwelle zu verdanken ist. Doch auch der Fachhandel konnte seine Position behaupten – nicht zuletzt dank der boomenden Elektrobikes. Peter Hummel

Das Schweizer Fahrradgewerbe kann frohlocken: Laut den neusten Zahlen des Branchenverbandes Velosuisse wurden 2007 14875 oder 4,9 Prozent mehr Velos verkauft als im Vorjahr – womit erstmals wieder die Umsatzmarke von 300000 Stück überschritten wurde. Diese Zahl wurde allerdings in den Neunzigerjahren regelmässig und deutlich übertroffen. In Tat und Wahrheit widerspiegelt das Plus nicht nur die Marktentwicklung, sondern ist auch das Resultat der korrigierten Statistik, wie Velosuisse-Präsident Gallus Komenda einräumt. Seit der Verband seine jährliche Erhebung anonym durchführt, melden die Mitglieder, aber auch die Sportmärkte und Grossverteiler (Athleticum, Coop, Ochsner und SportXX) realistische, das heisst tiefere Zahlen. Wie viele Velos die Billigdiscounter (Conforama, Jumbo, Otto’s) wirklich verkaufen, bleibt aber unsicher. Dazu kommen noch Zahlen von «Gemischtwarenläden» wie Aldi und Landi, wo sogar die auferstandene Traditionsmarke Cilo zum Schleuderpreis verramscht wird. Jedenfalls bestand bisher eine erhebliche Diskrepanz von mehreren Zehntausend Velos zwischen den gemeldeten Verkaufszahlen und der Zollstatistik.

Chinaschwemme lanciert Billigstmarkt
Aufschlussreich sind die Einfuhrzahlen für die beiden wichtigsten Ursprungsländer: Während Taiwan die Importe in die Schweiz bis 2005 anführte, lag 2006 erstmals China vorne und lieferte letztes Jahr mit 1310000 Velos schon fast doppelt so viele wie Taiwan mit 72000. Direkt gegenläufig entwickeln sich die Preise: Bei den Chinaprodukten sank der durchschnittliche Stückpreis weiter auf 139 Franken, Velos aus Taiwan kosten inzwischen durchschnittlich 511 Franken. Velosuisse nimmt an, dass gegen 60000 Billigstbikes Made in China 2007 von Discountmärkten zu Preisen ab 199 Franken auf den Markt geworfen wurden – mehr als von den Grossverteilern. Diese Billigsträder werden zwar (noch) nicht als eigene Kategorie ausgewiesen, aber sie werden in der Statistik berücksichtigt. Neben Fachhandel und Sportmärkten sind die Discounter zu einer «dritten Kraft» geworden. Gleichzeitig wird aber auch für den Fachhandel ein Zuwachs ausgewiesen. Dies ist vor allem den zunehmend erfolgreicheren Direktvermarktern mit Fachqualität zuzuschreibe, also Firmen wie Simpel, Stöckli und Thömus.
Genauer betrachten muss man die Marktzahlen bei der Aufteilung in die beiden Segmente «Sportvelos ohne Ausrüstung» und «Alltagsvelos mit Ausrüstung»: Fakt ist, dass es sich bei fast der Hälfte der 142000 Mountainbikes um Einsteigermodelle unter 1000 Franken handelt – grösstenteils wohl um Schülervelos, die vom Händler strassenkonform nachgerüstet werden. Schätzungen zufolge dürfte ein Drittel der als «ohne Ausrüstung» erfassten Mountainbikes trotzdem «ausgerüstet» die Geschäfte verlassen. Damit wird aber die Citybike-Kategorie wichtiger als jene der Mountainbikes. Besser wäre also, man würde heute von «Mobilitätsvelos» reden.

Fachhandel ist am Renner interessiert
Der Fachhandel mag sich freuen: Nach einem Rückgang im Vorjahr konnte er seinen stückmässigen Anteil um 0,2 Prozent erhöhen, beim neu erhobenen Wert sind es plus 0,3 Prozent. Insgesamt besetzt der Fachhandel einen Marktanteil von 85,7 Prozent. Gemäss Gallus Komenda ist diese europaweit einsam hohe Marke nicht ungefährlich: «Der Markt polarisiert immer mehr, die Schere tut sich auch in unserer Branche immer weiter auf. Nachdem viele Händler schon vor längerer Zeit die Einsteigerklasse aufgegeben haben, lassen sie sich nun dazu verleiten, auch die untere Mittelklasse kampflos den zunehmend up-market-orientierten qualifizierten Grossverteilern zu überlassen». Immerhin konnten die Detaillisten letztes Jahr den Durchschnittspreis um 15 auf stolze 1488 Franken steigern. Dieser Wert kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der durchschnittliche Händler mit einem Absatz von deutlich weniger als 200 Velos jährlich nur dank des Werkstattgeschäfts überleben kann. Dies bestätigt auch die neuste Zahl aus dem sogenannten Sekundärbereich: Mit 360 Mio. Franken Umsatz erreicht das Segment Service, Ersatzteile, Zubehör und Bekleidung fast den Umsatz aus dem Verkauf von Neuvelos.
Rund doppelt so hoch wie der durchschnittliche Preis bei Standard-Fahrrädern beim Fachhändler liegt der erzielte Preis bei den Rennvelos. Diese zählen damit zu den wichtigsten Umsatzträgern, auch wenn die Stückzahlen auf relativ bescheidenem, allerdings konstantem Niveau verharren. Was das Rennvelo für den Händler besonders interessant macht, ist die gute Marge sowie die weitgehende Exklusivität – in diesem beratungsintensiven Segment vermögen preisaggressive Grossverteiler nicht mitzuhalten.

 
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