
Das Schweizer Fahrradgewerbe kann frohlocken: Laut den neusten Zahlen
des Branchenverbandes Velosuisse wurden 2007 14875 oder 4,9 Prozent
mehr Velos verkauft als im Vorjahr – womit erstmals wieder die
Umsatzmarke von 300000 Stück überschritten wurde. Diese Zahl wurde
allerdings in den Neunzigerjahren regelmässig und deutlich übertroffen.
In Tat und Wahrheit widerspiegelt das Plus nicht nur die
Marktentwicklung, sondern ist auch das Resultat der korrigierten
Statistik, wie Velosuisse-Präsident Gallus Komenda einräumt. Seit der
Verband seine jährliche Erhebung anonym durchführt, melden die
Mitglieder, aber auch die Sportmärkte und Grossverteiler (Athleticum,
Coop, Ochsner und SportXX) realistische, das heisst tiefere Zahlen. Wie
viele Velos die Billigdiscounter (Conforama, Jumbo, Otto’s) wirklich
verkaufen, bleibt aber unsicher. Dazu kommen noch Zahlen von
«Gemischtwarenläden» wie Aldi und Landi, wo sogar die auferstandene
Traditionsmarke Cilo zum Schleuderpreis verramscht wird. Jedenfalls
bestand bisher eine erhebliche Diskrepanz von mehreren Zehntausend
Velos zwischen den gemeldeten Verkaufszahlen und der Zollstatistik.
Chinaschwemme lanciert Billigstmarkt
Aufschlussreich sind die Einfuhrzahlen für die beiden wichtigsten
Ursprungsländer: Während Taiwan die Importe in die Schweiz bis 2005
anführte, lag 2006 erstmals China vorne und lieferte letztes Jahr mit
1310000 Velos schon fast doppelt so viele wie Taiwan mit 72000. Direkt
gegenläufig entwickeln sich die Preise: Bei den Chinaprodukten sank der
durchschnittliche Stückpreis weiter auf 139 Franken, Velos aus Taiwan
kosten inzwischen durchschnittlich 511 Franken. Velosuisse nimmt an,
dass gegen 60000 Billigstbikes Made in China 2007 von Discountmärkten
zu Preisen ab 199 Franken auf den Markt geworfen wurden – mehr als von
den Grossverteilern. Diese Billigsträder werden zwar (noch) nicht als
eigene Kategorie ausgewiesen, aber sie werden in der Statistik
berücksichtigt. Neben Fachhandel und Sportmärkten sind die Discounter
zu einer «dritten Kraft» geworden. Gleichzeitig wird aber auch für den
Fachhandel ein Zuwachs ausgewiesen. Dies ist vor allem den zunehmend
erfolgreicheren Direktvermarktern mit Fachqualität zuzuschreibe, also
Firmen wie Simpel, Stöckli und Thömus.
Genauer betrachten muss man die Marktzahlen bei der Aufteilung in die
beiden Segmente «Sportvelos ohne Ausrüstung» und «Alltagsvelos mit
Ausrüstung»: Fakt ist, dass es sich bei fast der Hälfte der 142000
Mountainbikes um Einsteigermodelle unter 1000 Franken handelt –
grösstenteils wohl um Schülervelos, die vom Händler strassenkonform
nachgerüstet werden. Schätzungen zufolge dürfte ein Drittel der als
«ohne Ausrüstung» erfassten Mountainbikes trotzdem «ausgerüstet» die
Geschäfte verlassen. Damit wird aber die Citybike-Kategorie wichtiger
als jene der Mountainbikes. Besser wäre also, man würde heute von
«Mobilitätsvelos» reden.
Fachhandel ist am Renner interessiert
Der Fachhandel mag sich freuen: Nach einem Rückgang im Vorjahr konnte
er seinen stückmässigen Anteil um 0,2 Prozent erhöhen, beim neu
erhobenen Wert sind es plus 0,3 Prozent. Insgesamt besetzt der
Fachhandel einen Marktanteil von 85,7 Prozent. Gemäss Gallus Komenda
ist diese europaweit einsam hohe Marke nicht ungefährlich: «Der Markt
polarisiert immer mehr, die Schere tut sich auch in unserer Branche
immer weiter auf. Nachdem viele Händler schon vor längerer Zeit die
Einsteigerklasse aufgegeben haben, lassen sie sich nun dazu verleiten,
auch die untere Mittelklasse kampflos den zunehmend
up-market-orientierten qualifizierten Grossverteilern zu überlassen».
Immerhin konnten die Detaillisten letztes Jahr den Durchschnittspreis
um 15 auf stolze 1488 Franken steigern. Dieser Wert kann aber nicht
darüber hinwegtäuschen, dass der durchschnittliche Händler mit einem
Absatz von deutlich weniger als 200 Velos jährlich nur dank des
Werkstattgeschäfts überleben kann. Dies bestätigt auch die neuste Zahl
aus dem sogenannten Sekundärbereich: Mit 360 Mio. Franken Umsatz
erreicht das Segment Service, Ersatzteile, Zubehör und Bekleidung fast
den Umsatz aus dem Verkauf von Neuvelos.
Rund doppelt so hoch wie der durchschnittliche Preis bei
Standard-Fahrrädern beim Fachhändler liegt der erzielte Preis bei den
Rennvelos. Diese zählen damit zu den wichtigsten Umsatzträgern, auch
wenn die Stückzahlen auf relativ bescheidenem, allerdings konstantem
Niveau verharren. Was das Rennvelo für den Händler besonders
interessant macht, ist die gute Marge sowie die weitgehende
Exklusivität – in diesem beratungsintensiven Segment vermögen
preisaggressive Grossverteiler nicht mitzuhalten.