Politik

Auf zwei Rädern ins Stadion

Die Euro 08 steht vor der Tür – und mit ihr viel zusätzlicher Verkehr. Wie man ihn bewältigen könnte, zeigte vor zwei Jahren Berlin mit einem umfassenden Veloförderungsprogramm. Leider haben die Schweizer EM-Städte den zugespielten Steilpass kaum verwertet. Ivo Mijnssen

Drei Wochen Euro 08 stehen bevor. Die besten Fussballmannschaften Europas gastieren in Zürich, Basel, Bern und Genf, und die Fans sind mit dabei. Emotionen, Menschenmassen und gute Geschäfte sind garantiert – aber auch das Verkehrschaos. Allein die SBB setzen fast 4000 Extrazüge ein, in den «Host Cities» fahren zusätzliche Trams und Busse. Die Fans sind aufgerufen, mit dem ÖV, und nicht mit dem eigenen Auto anzureisen. Jedes Matchticket gilt gleichzeitig während 36 Stunden als Generalabonnement.
Vom Velo als Verkehrsmittel – mindestens für heimische Matchbesucher oder zur Fahrt in die speziell eingerichteten Fanmeilen – sprechen die Organisatoren allerdings kaum. Anders war das vor zwei Jahren in Berlin. Damals hatte dort der Senat die Kampagne «Berlin steigt um» lanciert und auf die Förderung des Langsamverkehrs gesetzt. Mehr noch: Die Berliner nahmen die Weltmeisterschaft zum Anlass, das Umsteigen aufs Fahrrad längerfristig zu fördern und den Anteil der Velofahrten von zehn auf fünfzehn Prozent zu erhöhen. Fahrrad-Stadtpläne und Postkarten wurden verteilt und bewachte Velostationen eingerichtet. Die Aktionen hatten Erfolg: 12000 Menschen nutzten die Abstellplätze (vgl. velojournal 3/06). Diesen Steilpass aus Berlin haben die Schweizer Städte nicht verwertet. Zwar hat Pro Velo ein Merkblatt verfasst und einen Mix aus Infrastrukturmassnahmen und Sensibilisierungskampagnen gefordert, die konkreten Aktionen sowie die Planungen bleiben aber den «Host Cities» und den Regionalverbänden von Pro Velo überlassen. Die Resultate sind unterschiedlich: Während in Zürich das Tiefbauamt das Heft in der Hand hält, spielen in Bern und Basel die Pro Velo den aktiven Part. So hat der Präsident von Pro Velo Bern, SP-Politiker Stefan Jordi, den Einbezug der Zweiräder in den städtischen Verkehrplan für die Euro 08 durchgesetzt: «In Bern sahen die Behörden ursprünglich keinen Handlungsbedarf, man setzte wegen der kompakten Grösse der Stadt vor allem auf Fusswege», so Jordi. Doch Pro Velo hat erreicht, dass die Auto- und ÖV-freie Fanmeile zwischen Innenstadt und Stadion für das Velo geöffnet wurde. Ausserdem richtet die Stadt im Zentrum vor den Fanmeilen und den «Public Viewing»-Gebieten 1400 zusätzliche Veloparkplätze ein. Die Stadt verfügt allerdings über keine mobilen Abstellanlagen. Die Parkplätze bleiben im Gegensatz zuBerlin unbewacht.
Da haben es die Basler Fans besser: Dort errichtet Pro Velo im Auftrag des Baudepartements eine bewachte Velostation bei der Grossleinwand am Rhein. Eine solche Leinwand wird es auch am Bürkliplatz in der Zürcher Innenstadt geben. Mathias Camenzind von der Velofachstelle im Zürcher Tiefbauamt wollte ursprünglich 1000 zusätzliche Abstellplätze in der Innenstadt einrichten. «Real werden es knapp 600 sein», weiss er und erklärt dies mit logistischen Problemen. Ideal gelegene mobile Ständer müssten jeweils am frühen Morgen, wenn die Bellerivestrasse wieder für den Verkehr geöffnet wird, weggeschafft sein. Dieser Aufwand wäre zu gross. Andererseits stehen rund um das Letzigrund-Stadion zusätzliche 300 Veloplätze zur Verfügung.

Pro Velo Basel lanciert Kampagne
Weniger gut sieht die Situation beim Basler St.- Jakob-Stadion aus: Zusätzliche Veloparkplätze werden dort nicht eingerichtet. Zwar ist der verkehrsfreie Perimeter um den Spielort wie in allen anderen Städten «velodurchlässig», doch die beiden wichtigen Velorouten, die sich vor dem Stadion kreuzen, bleiben an den Spieltagen während zehn Stunden gesperrt, da sie durch den «inneren Sicherheitsbereich» führen, zu dem man nur mit Tickets Zutritt hat. Die Pro Velo beider Basel lanciert deshalb im Rahmen der Velowoche eine Informationskampagne: Mit Flyer und Plakaten werden die Velofahrenden informiert, wie sie sich während der Euro 08 am besten in der Stadt bewegen. In Zürich wird eine klare Signalisation dafür sorgen, dass AlltagsvelofahrerInnen trotz Fussball-Ausnahmezustand ans Ziel kommen.

Mehrverkehr ohne Velo-Einbezug
An keinem der drei deutschschweizer Austragungsorte gibt es Konzepte dazu, wie der zu erwartende Mehrverkehr teilweise mit Velos bewältigt werden könnte. Der Berner Pro Velo-Präsident Stefan Jordi erklärt, man habe sich überlegt, die auf den Campingplätzen am Stadtrand übernach­tenden Fans zur Velonutzung zu animieren, doch «dieses Vorhaben schien uns am Ende eine Nummer zu gross». Kathrin Schweizer von Pro Velo beider Basel ist skeptisch, ob auswärtige Gäste überhaupt zum Umsteigen motiviert werden könnten. Ausserdem gebe es in Basel «keine Infrastruktur mit Mietvelos, auf die wir zurückgreifen könnten». In Zürich gibt es zwar die Mietflotte von «Züri rollt», doch für die Euro wird die Organisation nur gerade 40 zusätzliche Velos beschaffen und 200 statt 160 Fahrräder vermieten. Mehr liege nicht drin, der Ertrag rechtfertige noch mehr Aufwand nicht. Die Stadt Zürich setzt – wie die anderen «Host Cities» – zum Transport der von auswärts angereisten Fans vor allem auf den öffentlichen Verkehr.
Immerhin hat Camenzind erreicht, dass das Velo in der städtischen Euro-08-Kampagne explizit erwähnt wird. Damit wird – über Internet und die lokalen Radiosender – die Bevölkerung zum Umsteigen animiert. Das Velo wird hier neben dem ÖV als eine weitere Transportmöglichkeit genannt.
Grundsätzlich sind sich die Velolobbyisten einig, dass das Velo während der EM das ideale Fortbewegungsmittel wäre. Es sind – siehe Berlin – auch Konzepte bekannt, welche die Benutzung fördern würden. Warum diese nur zum Teil umgesetzt werden, hat verschiedene Gründe. Die Pro Velo-Organisationen in Basel und Zürich geben zu, dass sie die Vorlaufzeit für die Umsetzung grösserer Projekte unterschätzt hätten. Schade.

Chance verpasst

Es bleibt der Eindruck, dass nur mit stärkerem politischen Willen seitens der Behörden und mit besserer Vorbereitung auf Seiten von Pro Velo mehr hätte erreicht werden können. Wunder erwartet niemand. Zürich oder Bern mit ihren drei und Basel mit seinen sechs Spieltagen sind nicht Berlin, das während dreier Wochen begeisterte Gastgeberin der Weltmeisterschaft war. Auch in Berlin hatten die Massnahmen allerdings nicht alle Verkehrsprobleme lösen können, wie man beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) zugibt. Und doch wurde die Chance ergriffen, die WM als Initialzündung zu nutzen, um die Rolle des Velos im Stadtverkehr zu stärken: Seither ist der Anteil des Radverkehrs um weitere zwei Prozent gestiegen. In der Schweiz scheint man diese Chance nicht nutzen zu wollen.
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