Szene

Im wilden Osten

Die Ostschweiz gilt als Eldorado für Velotouristen. Für Alltagsvelofahrende ist sie ein härteres Pflaster: Die wirtschaftliche Entwicklung drängt diese an den Rand. Doch eine junge Sektion der Pro Velo verschafft sich langsam Gehör, nicht zuletzt durch ungewöhnliche Allianzen. Ivo Mijnssen

Der Kanton St. Gallen präsentiert sich zuweilen richtig idyllisch. Wiesen säumen Wälder, und vor pittoresken Bauernhäusern weiden Kühe. Velorouten mit Panorama führen über Kieswege und machen den Familienausflug zum Genuss. «Attraktive touristische Radrouten gibt es im Kanton St. Gallen schon», erklärt Daniel Schöbi, Vorstandsmitglied der 2005 gegründeten Pro Velo St. Gallen. Der Bund verpflichte den Kanton dazu, eine Fachstelle für Rad- und Wanderwege zu unterhalten. Eine vergleichbare Stelle für die Förderung des Langsamverkehrs bleibe aber ein frommer Wunsch, moniert die Pro Velo. Wie die Realität im alltäglichen Berufsverkehr aussieht, zeigt eine Tour von Gossau nach St. Gallen.

Die Veloampel bleibt rot
Die Agglomeration St. Gallen boomt. Neue Shoppingzentren schiessen wie Pilze aus dem Boden, der Himmel ist voller Kranhälse. «Gossau und St. Gallen wachsen zusammen», konstatiert Schöbi. «Und doch», wirft der PR-Verantwortliche Michael Städler ein, «ist das Velo nicht Teil des Verkehrskonzepts.»
Die Hauptstrasse von Gossau nach St. Gallen führt vorwiegend durch Industriegebiet: Die Ostschweizer Verteilzentren von Migros, Coop und Spar sowie Grossmetzgereien liegen an der Hauptstrasse. Ein kaum abreissender Lastwagenstrom ergiesst sich über die Verbindungsachse, links brummt die Autobahn.
Das Problem auf dieser Strecke ist nicht so sehr das Fehlen von Radwegen, als vielmehr deren scheinbar zufällige Streckenführung. Unvermittelt taucht ein Veloweg auf der Hauptstrasse auf, ebenso plötzlich verschwindet er wieder. «Das hat einfach niemand durchdacht», kommentiert Städler. Das neue Fussballstadion in St. Gallen Winkeln ist ein treffendes Beispiel für den verkehrspolitischen Wildwuchs in dieser Agglomeration. Der Rohbau der grössten Baustelle der Ostschweiz macht einen massigen und kalten Eindruck. Im Sockel der Sportarena entstehen Läden, angedockt ist eine riesige Ikea, ganz in der Nähe noch ein Baumarkt. Auf allen vier Seiten ist der Bau von Schnellstrassen gesäumt, daneben befinden sich verschiedene Sportanlagen. Laut Michael Städler müssen Kinder und Jugendliche heute einen grossen Umweg fahren, wenn sie sicher mit dem Velo von Winkeln auf die Sportplätze kommen wollen. Das Stadion hat zwar eine eigene Autobahnausfahrt, jedoch weder eine sichere Velozufahrt noch genügend Velo­abstellplätze.
Die Stadt habe damals einen Planer mit einer Expertise beauftragt. «Dieser hat verschiedene Massnahmen zur Velo-Erschliessung des Stadions vorgeschlagen», weiss Städler. Doch am Ende habe die Bauherrschaft praktisch nichts umgesetzt. Vor dem Stadion steht eine einsame Veloampel, die ein sicheres Überqueren der Hauptstrasse ermöglichen soll. Sie bleibt allerdings rot. «Das ist irgendwie symptomatisch für das Velo im Kanton St. Gallen», bemerkt Städler trocken.
«Wir beackern einen harten Boden», hakt Daniel de Stefani nach. Aber zumindest werde die Organisation heute wahrgenommen. Und es ergeben sich unerwartete Koalitionen: So tritt die Pro Velo St. Gallen zusammen mit dem Touring Club Schweiz für sichere Schulwege ein. «Wir haben da keine Berührungsängste», sagt De Stefani. So kommt der TCS etwa für Einrichtung und Miete eines Verkehrsgartens in der Messe St. Gallen auf, den die Pro Velo kostenlos für ihre Velokurse benutzen darf. Mit dem TCS, dem Verkehrsclub und der Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr publizierte die Pro Velo ausserdem eine gemeinsame Stellungnahme zum Agglomerationsprogramm des Kantons. Das Programm ignoriere zwar den Langsamverkehr weitgehend und sei deshalb abzulehnen, findet Michael Städler. Und doch biete es Chancen: «Es hat zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung in Ver­­kehrsfragen geführt.» So habe der Kanton kürzlich beschlossen, eine Schwachstellenanalyse des kantonalen Radverkehrsnetzes durchzuführen.

Grenzübergreifende Kooperation
De Stefani, Städler und Schöbi glauben, dass sich im Kanton St. Gallen einiges erreichen lässt. Die Pro Velo sei aber im Moment mit ihren 150 Mitgliedern noch zu klein, um wirklich politischen Druck zu erzeugen, gibt Städler zu bedenken. Deshalb wünscht er sich eine stärkere regionale Zusammenarbeit mit anderen Pro-Velo-Sektionen der Ostschweiz, aber auch grenzüberschreitend: «In Vorarlberg und in der Region Konstanz gibt es sehr innovative Projekte.» St. Gallen sei mit diesen Regionen besser vergleichbar als mit Zürich oder Bern.

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