
Lieber Dr. V. Love
Kürzlich hat mich eine Meldung aus Chur aufgerüttelt: Dort sind mehrere
Fälle bekannt geworden, in denen Velofahrende nach einem Selbstunfall
zu einer Geldbusse von mehreren hundert Franken verurteilt wurden. So
rutschte etwa eines der Unfallopfer auf Glatteis aus und bekam im
Spital Besuch von der Polizei. Dies auf Basis einer Gesetzesgrundlage
über das «Beherrschen des Fahrzeugs». Doch das Beste an dieser Sache:
Der Richter, der die Bussen verhängt hat, ist Pro-Velo-Mitglied. Was
heisst das nun für mich? Die prämierte Velostadt Chur meiden? Und was
heisst das für die Pro Velo? Ich bin ratlos …
Marco D.S., Sargans
Lieber Herr De Santo
Man merkt, dass Sie aus dem zivilisierten Flachland stammen. Im
Grenzgebiet zu den wilden Alpenvölkern muss etwas härter durchgegriffen
werden. Da muss die Zivilisation erst noch Einzug halten. Das ist
grundsätzlich ziemlich ähnlich wie in – sagen wir mal – Afghanistan: Da
müssen Rechtsstaat und Demokratie erst noch mit dem Schwert eingeführt
werden. Doch so weit geht in Chur niemand. Der gute Richter Caviezel
hält sich bloss ans Gesetz. Und da in bergigen Grenzregionen der Staat
generell schwach ist und die Sitten rau sind, muss er eben während der
schwierigen Übergangszeit etwas härter durchgreifen. Im Nachhinein
werden ihm die Bündner Radfahrenden dafür dankbar sein. Denn einer
Tatsache müssen sie sich bewusst sein: Das Radlervolk ist eine
Population mit erhöhtem Risikopotenzial. Alkoholismus,
Kleinkriminalität sowie Hooliganismus sind hier überproportional
ausgeprägt. Gerade die Mountainbiker stehen besonders im Ruf,
notorische Querulanten zu sein.
In einer radfreundlichen Stadt inmitten einer bergigen Grenzregion
multipliziert sich der Risikofaktor, und als Pro-Velo-Mitglied weiss
das Richter Caviezel natürlich. Sein Vorgehen mag radikal sein, aber es
ist radikal progressiv. Ein integrierter Ansatz zur gesellschaftlichen
Risikobekämpfung im Rahmen des Rechtsstaats. Ich kann der
internationalen Gemeinschaft nur raten, Caviezels Methoden bei der
globalen Terrorbekämpfung anzuwenden. Auch in Afghanistan liessen sich
mit seinem rauen Charme die Herzen der Bergvölker gewinnen.
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