
Das Cannondale «On» ist keck in der Erscheinung. Es ist faltbar, die
Räder sind nur noch einseitig befestigt, und von der Kette ist gar
nichts mehr zu sehen. Für den Hersteller ein «revolutionärer
Quantensprung in Sachen städtischer Mobilität». Das Konzept stammt aus
einem Projekt der Elisava Design School in Barcelona, der Antrieb mit
der einseitig befestigten Getriebenabe wurde in Kooperation mit dem
Komponentenhersteller Sram entwickelt. Dafür nahm man sich nur gerade
drei Monate Zeit, um die ersten zwei Prototypen rechtzeitig auf die
Herbstmessen fahrtüchtig hinzubekommen.
Ästhetisch ist der Quantensprung gelungen. Die avantgardistische Optik
wird von der einseitigen Hinterradschwinge geprägt, welche gleichzeitig
als geschlossener Kettenkasten dient. Damit verschwindet die
Antriebskette samt allen Zahnrädern komplett aus dem Sichtfeld. Der
Rahmen ist aus Aluminium gefertigt, für die Gabel und den Ausleger für
die Sattelbefestigung kommt Carbon zum Einsatz.
Als zentrales Merkmal sieht Cannondale die Faltbarkeit: Damit lasse
sich das Urbanbike gut verstauen und mit anderen Verkehrsmitteln
kombinieren. Der Klappmechanismus in der Mitte des Rahmens ist zugleich
das Schloss der Citybikes. Um ein flaches Faltpaket zu erreichen, ist
nicht nur das Hinterrad, sondern auch das Vorderrad einseitig
befestigt. Das Bauprinzip der einarmigen Gabel ist bei
Cannondale-Mountainbikes schon seit einigen Jahren im Einsatz. Die
Beleuchtung ist elegant in den Lenkervorbau und den Sattel integriert.
Unspektakuläre Testfahrt
Verglichen mit der neuen Optik, ist die Fahrt mit dem «On» weniger
spektakulär. Eigentlich fährt es sich so gut wie andere sportliche
Stadtvelos auch. Die einarmige Federgabel irritiert optisch, beim
Fahren merkt man von der Asymmetrie aber nichts. Dafür von der
Federung: Kleine und grosse Schläge werden angenehm herausgefiltert,
wogegen die Schläge des Hinterrades ungemildert auf des Fahrers Po
treffen. Die beiden eigens für das Rad modifizierten Scheibenbremsen
von Avid verzögern zuverlässig, wie man es sich von dieser Bremstechnik
gewöhnt ist. Der aus Carbon gefertigte Bremshebel gefiel dem Tester
weniger wegen der Optik, sondern wegen der angenehm warmen Haptik auf
der Fahrt durch den kalten Morgen. Als wäre sie nicht da, ist von der
Kette nicht nur nichts zu sehen, sondern auch nichts zu hören. Mit der
Sram-9-Gang-Nabenschaltung fand sich auf der Stadtrundfahrt jederzeit
der richtige Gang, für längere Steigungen mit Gepäck fehlen aber die
ganz leichten Übersetzungen. Leider waren am Testmodell der
Faltmechanismus in der Mitte des Rahmens wie auch der Klappmechanismus
am Sattelausleger noch nicht eingebaut. Gerne hätten wir auch getestet,
wie sich das Rad falten lässt.
Lieferbar in zwei Jahren
In zwei Jahren soll eine Kleinserie des «On» erhältlich sein. Es wird
aber – so Cannondale – «sehr, sehr teuer». Im Klartext heisst dies wohl
über 10000 Franken. Die amerikanischen Hersteller stellen sich das «On»
als Ferrari unter den Stadtvelos vor, für Leute, die das Besondere
wollen und das nötige Kleingeld dafür haben. Einige technische
Innovationen möchte Cannondale auf andere Fahrradtypen übertragen, zum
Beispiel die einseitige Hinterradaufhängung auf die Mountainbikes. Noch
unklar ist, welche Errungenschaften des «On» wir an bezahlbaren
Stadtvelos wiederfinden werden.
Alltagsausrüstung fehlt
Angesichts der «Quantensprünge» mag es etwas kleinlich wirken, soll
aber nicht unerwähnt bleiben: Dem Urbanbike der Zukunft wurden weder
Schutzbleche noch Ständer oder Gepäckträger vergönnt. So bleiben zwar
die Hosen dank der gekapselten Kette tipptopp sauber, dafür sind nach
der Testfahrt auf regennassen Strassen Gesicht und Jacke vollgespritzt.
Das Abstellen des Velos vor dem Kiosk erweist sich als ebenso
unpraktisch wie der Zeitungstransport auf dem Heimweg. Doch wenn
Cannondale in Zukunft die Räder einarmig befestigen kann, werden wir
wohl auch mit nur einem Arm Velofahren können – und klemmen die Zeitung
locker unter den andern.