Test

Einarmig in die Zukunft

Mit dem Konzept «On» zeigt der amerikanische Bikehersteller Cannondale, wie er sich das Stadtrad von morgen vorstellt. velojournal ist der Zeit voraus und ging als erste Velozeitschrift mit dem Zukunftsrad auf eine längere Stadtfahrt. Marius Graber

Das Cannondale «On» ist keck in der Erscheinung. Es ist faltbar, die Räder sind nur noch einseitig befestigt, und von der Kette ist gar nichts mehr zu sehen. Für den Hersteller ein «revolutionärer Quantensprung in Sachen städtischer Mobilität». Das Konzept stammt aus einem Projekt der Elisava Design School in Barcelona, der Antrieb mit der einseitig befestigten Getriebenabe wurde in Kooperation mit dem Komponentenhersteller Sram entwickelt. Dafür nahm man sich nur gerade drei Monate Zeit, um die ersten zwei Prototypen rechtzeitig auf die Herbstmessen fahrtüchtig hinzubekommen.
Ästhetisch ist der Quantensprung gelungen. Die avantgardistische Optik wird von der einseitigen Hinterradschwinge geprägt, welche gleichzeitig als geschlossener Kettenkasten dient. Damit verschwindet die Antriebskette samt allen Zahnrädern komplett aus dem Sichtfeld. Der Rahmen ist aus Aluminium gefertigt, für die Gabel und den Ausleger für die Sattelbefestigung kommt Carbon zum Einsatz.
Als zentrales Merkmal sieht Cannondale die Faltbarkeit: Damit lasse sich das Urbanbike gut verstauen und mit anderen Verkehrsmitteln kombinieren. Der Klappmechanismus in der Mitte des Rahmens ist zugleich das Schloss der Citybikes. Um ein flaches Faltpaket zu erreichen, ist nicht nur das Hinterrad, sondern auch das Vorderrad einseitig befestigt. Das Bauprinzip der einarmigen Gabel ist bei Cannondale-Mountainbikes schon seit einigen Jahren im Einsatz. Die Beleuchtung ist elegant in den Lenkervorbau und den Sattel integriert.

Unspektakuläre Testfahrt
Verglichen mit der neuen Optik, ist die Fahrt mit dem «On» weniger spektakulär. Eigentlich fährt es sich so gut wie andere sportliche Stadtvelos auch. Die einarmige Federgabel irritiert optisch, beim Fahren merkt man von der Asymmetrie aber nichts. Dafür von der Federung: Kleine und grosse Schläge werden angenehm herausgefiltert, wogegen die Schläge des Hinterrades ungemildert auf des Fahrers Po treffen. Die beiden eigens für das Rad modifizierten Scheibenbremsen von Avid verzögern zuverlässig, wie man es sich von dieser Bremstechnik gewöhnt ist. Der aus Carbon gefertigte Bremshebel gefiel dem Tester weniger wegen der Optik, sondern wegen der angenehm warmen Haptik auf der Fahrt durch den kalten Morgen. Als wäre sie nicht da, ist von der Kette nicht nur nichts zu sehen, sondern auch nichts zu hören. Mit der Sram-9-Gang-Nabenschaltung fand sich auf der Stadtrundfahrt jederzeit der richtige Gang, für längere Steigungen mit Gepäck fehlen aber die ganz leichten Übersetzungen. Leider waren am Testmodell der Faltmechanismus in der Mitte des Rahmens wie auch der Klappmechanismus am Sattelausleger noch nicht eingebaut. Gerne hätten wir auch getestet, wie sich das Rad falten lässt.

Lieferbar in zwei Jahren
In zwei Jahren soll eine Kleinserie des «On» erhältlich sein. Es wird aber – so Cannondale – «sehr, sehr teuer». Im Klartext heisst dies wohl über 10000 Franken. Die amerikanischen Hersteller stellen sich das «On» als Ferrari unter den Stadtvelos vor, für Leute, die das Besondere wollen und das nötige Kleingeld dafür haben. Einige technische Innovationen möchte Cannondale auf andere Fahrradtypen übertragen, zum Beispiel die einseitige Hinterradaufhängung auf die Mountainbikes. Noch unklar ist, welche Errungenschaften des «On» wir an bezahlbaren Stadtvelos wiederfinden werden.

Alltagsausrüstung fehlt
Angesichts der «Quantensprünge» mag es etwas kleinlich wirken, soll aber nicht unerwähnt bleiben: Dem Urbanbike der Zukunft wurden weder Schutzbleche noch Ständer oder Gepäckträger vergönnt. So bleiben zwar die Hosen dank der gekapselten Kette tipptopp sauber, dafür sind nach der Testfahrt auf regennassen Strassen Gesicht und Jacke vollgespritzt. Das Abstellen des Velos vor dem Kiosk erweist sich als ebenso unpraktisch wie der Zeitungstransport auf dem Heimweg. Doch wenn Cannondale in Zukunft die Räder einarmig befestigen kann, werden wir wohl auch mit nur einem Arm Velofahren können – und klemmen die Zeitung locker unter den andern.

Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum