Schwerpunkt

Zehntausend Schritte am Tag

Nordrhein-Westfalen ist das Epizentrum der deutschen Fahrradkultur. Darum lohnt sich der alljährliche Kölner Fahrradkongress auch für Besucher und Besucherinnen aus der Schweiz. Selbst wenn er dieses Jahr etwas im Schatten der Münchner Velocity-Konferenz stand. Pete Mijnssen

«Zukunftsperspektive Fahrrad – Nahmobilität als Chance für eine gesunde Stadt». Dieser nicht gerade sexy anmutende Titel war das Motto des diesjährigen Fahrradkongresses in Köln. Wie an der Velocity-Konferenz in München (siehe vj 4/07), war auch hier viel vom Aufbruch der Veloförderung zu spüren; die Diskussionen um den Klimawandel zeigen Folgen.
Die Velobranche blickt nach einigen sorgenvollen Jahren deshalb wieder optimistischer in die Zukunft. Ein sichtlich zufriedener Rolf Lemberg, Geschäftsleiter des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), erläuterte, dass mit über drei Millionen verkauften Velos in Deutschland die letztjährigen Stückzahlen vermutlich übertroffen werden. Erfreulich ist zudem, dass die «Geiz ist geil»-Welle am Abebben ist und der Fachhandel wieder Zuwachszahlen verzeichnet.

Integrierter Veloverkehr
Auch Köln steht im Banne des im Moment populären Wettkampfs um die fahrradfreundlichste Stadt. Zwar fehlte am Kongress der Vergleich zu Berlin und München, doch das Beispiel Karlsruhe  machte deutlich, welcher Aufwand betrieben werden müsste, um von der autogerechten zu einer fahrrad- und fussgängergerechten Stadt zurückzufinden. Die 300000 Personen zählende Stadt will laut  Bürgermeister Ullrich Eidenmüller mit einem 20-Punkte-Programm zur velo- und fussgängerfreundlichen Stadt werden, mit einem Velo-Modalsplit von 25 Prozent bis 2015. Vorbild ist – einmal mehr – die nordrhein-westfälische Stadt Münster. Als Geburtststadt des Freiherrn von Drais und damit quasi des Fahrrads, ist Karlsruhe  die Veloförderung eine Verpflichtung. Allerdings müssen zuerst die Sünden der Vergangenheit beseitigt werden.
Eidenmüller rechnete vor, wie der Rückbau einer Kreuzung schnell in die Millionen geht. Interessant für Schweizer Beobachter ist der Trend, Velostreifen nicht mehr auf den Trottoirs und im Fussgängerbereich, sondern im Strassenraum zu markieren. Nach München will auch Karlsruhe in Deutschland ganz neue (Velo-)Verhältnisse schaffen und damit nicht zuletzt die Unfallzahlen senken.

Es braucht auch Marketing
Was eine mittelgrosse Stadt mit 100000 EinwohnerInnen an Fahrradförderung und Marketing betreibt, zeigte Bozen in Südtirol am Kongress. Hier will man laut Stadtrat Klaus Ladinser den heutigen Veloanteil von 25 auf 28 Prozent steigern. Mittel zur Zielerreichung sind ein neues «Corporate Design» und die Vervollständigung und Ausweitung des Radwegnetzes samt neuem Orientierungssystem. Veranstaltungen und Marketingaktivitäten sollen das Förderungsprogramm abrunden. Das Dilemma der Zweisprachigkeit hat die Stadt elegant gelöst (siehe Illustration).

Google goes bike
Gespannt wartete das Publikum auf die Ernennung der fahrradfreundlichsten Persönlichkeit des Jahres. Der Preis ging an Google Deutschand – in der Person von Vertriebsdirektor Holger Meyers. Ausschlaggebend war, dass die Deutschland­niederlassung im März einen «Alternative Transport Day» veranstaltet hatte. Neben einem Helm standen drei Velos zur Auswahl: ein Cruiser, ein MTB sowie ein Faltrad. Für nützliches Zubehör wie ein Schloss wurde ebenfalls gesorgt (siehe auch auch «bike to work», vj 4/07). Die Aktion führte zu einer Erhöhung des Veloanteils, in dessen Verlauf bis anhin vier PW-Parkplätze zu Veloabstellplätzen umgebaut wurden. Duschen für die Velofahrenden sind in Planung.

Zehn- statt zweitausend Schritte
In den Referaten kam klar zum Ausdruck, wie wichtig eine konsequente Förderung des Umweltverbund-Transports ist, dass also das Zusammenspiel von Bus, Bahn und Fahrrad usw. dringend verbessert werden muss. Eine Grundbedingung wäre, dass die Menschen in Europa wieder lernen müssten, zehntausend Schritte am Tag zu gehen, wie es unsere Vorfahren taten. Zumindest war dies eine Forderung von Präventivmediziner Klaus Bös von der Universität Karlsruhe. Im heutigen Büroalltag bringen wir es auf höchstens zweitausend. Wie realistisch diese Forderung ist, zeigen die täglichen Staus vor unserer Haustüre.

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