Kultur

Von Kurieren und Rittern

Einblick in die Subkultur der Velokurier-Szene: Am ersten Oktoberwochenende fand in Wien das erste Bicycle Film Festival statt. Der Anlass mit Filmen und zahlreichen Veranstaltungen ist bereits durch die halbe Welt getourt. In Wien wars ein buntes, facettenreiches Wochenende. Ivo Mijnssen

Freitagabend um 21 Uhr im Wiener Top Kino. Der Hauptsaal ist voll, der zweite wird geöffnet. Ein junges, durchmischtes Publikum hat sich eingefunden: Velokurierinnen mit engen schwarzen Jeans und Umhängetaschen und Männer in Hemden sitzen neben Punks und jungen parfümierten Frauen. Der 36-jährige Brendt Barbur aus New York – geistiger Vater des Bicycle Film Festival (BFF) – betritt den Saal. Bärtig, das Weiss­weinglas in der Hand, entschuldigt er sich dafür, englisch zu sprechen: «Ich bin glücklich, dass das Festival in seinem siebten Jahr hier angekommen ist.» Wien ist die 16. Stadt, die das BFF beherbergt, und Barbur ist bei der Premiere immer dabei – egal ob in Seattle, Tokio oder Mailand.
Während des Wochenendes laufen über fünfzig Filme. Thematisch will das Festival eine grosse Bandbreite abdecken. Alec Hager (35), einer der lokalen Organisatoren, will ein Festival «für ein brei­tes, filminteressiertes Publikum». Er hofft, es ge­linge damit eine breite Verankerung des «Radels».

Weg vom Sandalen-Image
Auch Brendt Barbur hofft, das Festival trage dazu bei, dass die Radfahrenden ihr «Sandalen-Image» überwinden. Velofahren solle «sexy» werden. «Ich wollte ein Gefäss schaffen, in dem die kreative Energie der Velokultur zum Ausdruck kommt.» Die Idee für das Festival sei ihm im Spital gekommen – nach einem schweren Velounfall: «I was hit by a bus.» Durch Zusammenarbeiten mit der lokalen Filmszene habe sich das BFF sehr schnell in der New Yorker Szene etabliert. «Schon im ersten Jahr mussten wir Hunderte von Zuschauern aus Platzmangel abweisen.» Heute besuchen 11000 Leute das Festival in New York. In Wien sind es immerhin einige Hundert.
Und was ist das Erfolgsrezept? Das BFF beschränkt sich nicht auf Filme. Das Rahmenprogramm bietet Konzerte, Partys und Ausstellungen. In drei Galerien fanden Kunstausstellungen statt, «Art Cycle» mit Fotos, Installationen und Wandmalereien. An jedem Abend stiegen Partys und Konzerte. Am Samstagmorgen fand eine Diskussion über die Zukunft der österreichischen Radlobby statt. Nicht fehlen durften die obligate «Critical Mass»-Demonstration, sowie das «Alleycat»-Rennen der Velokuriere.

Laute Amerikaner, ruhige Österreicher
Die Aufzählung zeigt: Die «Bike Community», die sich am BFF präsentiert, ist facettenreich, politisch und stark von der (amerikanischen) «Messenger»-Szene beeinflusst. Dies spiegelt sich auch in den Filmen, die weitgehend aus den USA stammen. Hager will in Zukunft mehr österreichische Beiträge. Er plant für die Zweitauflage in Zusammenarbeit mit der Wiener Filmakademie einen Wettbewerb. Einheimisch oder amerikanisch? Am Festival konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass solche Unterscheidungen in dieser Szene eher künstlich sind. Die angereisten «Bike Punks» aus den USA fielen nur deshalb auf, weil sie etwas lauter waren als die eher reservierten Österreicher. Die Stars sind jedoch dies- und jenseits des Atlantiks die gleichen. Kurier-Herzen schlagen höher, wenn auf und neben der Leinwand heisse «Fixxies» mit Starrlauf gezeigt werden. Vor dem Top Kino stehen Abend für Abend schöne Rennräder, und in der Galerie Kandinsky hat der Sammler Michael Embacher Fotos seiner schönsten Stücke ausgestellt – in Grossformat. «Der fotografiert seine Fixxies, als wären sie Frauen», sagt Hager lachend, «Bike-Porn eben!»

Politische Inhalte …
Der Stil transportiert in dieser Szene aber auch politische Inhalte: Regisseure wie Lucas Brunelle sind mit der Internetplattform YouTube gross geworden und geniessen Kultstatus. Ausgerüstet mit einer Helmkamera, saust Brunelle durch die Metropolen dieser Welt. Im Stossverkehr nimmt er es mit endlosen Autokolonnen auf, fährt zu lautem Punkrock gegen den Strom. Der Klassiker «On Time» aus dem Jahre 1985 zeigt den Alltag eines Velokuriers im New York der Achtzigerjahre. Der Kurzfilm «Biking in the Bible Belt» führt vor Augen, wie eine Hand voll Unerschrockener in Tulsa, Oklahoma, eine «Critical Mass» veranstalten.
Auf die radikaleren Elemente der «Messenger»-Subkultur geht der Dokumentarfilm «B.I.K.E.» ein. Er porträtiert den New Yorker Black Label Bicycling Club: Diese Kommune will sich dem Konsum verweigern und ist politisch und kulturell aktiv. Gleichzeitig pflegen viele seiner Mitglieder einen selbstzerstörerischen Lebensstil.
Eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Gang ist das «Tall Bike Jousting»: Dabei schweisst man zwei Radrahmen zusammen und führt hoch auf dem Stahlross Ritter-Turniere durch. Diese ver­lau­fen in New York manchmal ziemlich blutig: Mehrere Teilnehmende landen im Verlauf des Films im Spital. Der «Sport» fasziniert auch in Wien. «Als wir das zum ersten Mal sahen, dachten wir: Wieso haben wir das nicht?», erklärt Alec Hager. Am Sonntagmorgen fand vor dem Kino ein Turnier statt, etwas brav, aber ohne Schwerverletzte.

… weniger gefragt
Ob all dieser Selbstinszenierung der «Messenger»-Szene kamen andere Inhalte zu kurz. Filme über die Rolle des Velos zur nachhaltigen Entwicklung in Afrika liefen in halb leeren Sälen.
Zurück bleibt der Eindruck eines farbigen, gut organisierten Festivals mit viel Potenzial. Alec Hager zieht eine positive Bilanz. «Der Erfolg hat all unsere Erwartungen übertroffen. Das Festival findet nächstes Jahr wieder statt.» Auch Brendt Barbur ist im Grossen und Ganzen zufrieden. Was ihm noch fehlt in Wien, ist die Begeisterung. «Vielleicht ist das einfach die Art der Österreicher, aber an anderen Orten gab es Standing Ovations.»

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