
Freitagabend um 21 Uhr im Wiener Top Kino. Der Hauptsaal ist voll, der
zweite wird geöffnet. Ein junges, durchmischtes Publikum hat sich
eingefunden: Velokurierinnen mit engen schwarzen Jeans und
Umhängetaschen und Männer in Hemden sitzen neben Punks und jungen
parfümierten Frauen. Der 36-jährige Brendt Barbur aus New York –
geistiger Vater des Bicycle Film Festival (BFF) – betritt den Saal.
Bärtig, das Weissweinglas in der Hand, entschuldigt er sich dafür,
englisch zu sprechen: «Ich bin glücklich, dass das Festival in seinem
siebten Jahr hier angekommen ist.» Wien ist die 16. Stadt, die das BFF
beherbergt, und Barbur ist bei der Premiere immer dabei – egal ob in
Seattle, Tokio oder Mailand.
Während des Wochenendes laufen über fünfzig Filme. Thematisch will das
Festival eine grosse Bandbreite abdecken. Alec Hager (35), einer der
lokalen Organisatoren, will ein Festival «für ein breites,
filminteressiertes Publikum». Er hofft, es gelinge damit eine breite
Verankerung des «Radels».
Weg vom Sandalen-Image
Auch Brendt Barbur hofft, das Festival trage dazu bei, dass die
Radfahrenden ihr «Sandalen-Image» überwinden. Velofahren solle «sexy»
werden. «Ich wollte ein Gefäss schaffen, in dem die kreative Energie
der Velokultur zum Ausdruck kommt.» Die Idee für das Festival sei ihm
im Spital gekommen – nach einem schweren Velounfall: «I was hit by a
bus.» Durch Zusammenarbeiten mit der lokalen Filmszene habe sich das
BFF sehr schnell in der New Yorker Szene etabliert. «Schon im ersten
Jahr mussten wir Hunderte von Zuschauern aus Platzmangel abweisen.»
Heute besuchen 11000 Leute das Festival in New York. In Wien sind es
immerhin einige Hundert.
Und was ist das Erfolgsrezept? Das BFF beschränkt sich nicht auf Filme.
Das Rahmenprogramm bietet Konzerte, Partys und Ausstellungen. In drei
Galerien fanden Kunstausstellungen statt, «Art Cycle» mit Fotos,
Installationen und Wandmalereien. An jedem Abend stiegen Partys und
Konzerte. Am Samstagmorgen fand eine Diskussion über die Zukunft der
österreichischen Radlobby statt. Nicht fehlen durften die obligate
«Critical Mass»-Demonstration, sowie das «Alleycat»-Rennen der
Velokuriere.
Laute Amerikaner, ruhige Österreicher
Die Aufzählung zeigt: Die «Bike Community», die sich am BFF
präsentiert, ist facettenreich, politisch und stark von der
(amerikanischen) «Messenger»-Szene beeinflusst. Dies spiegelt sich auch
in den Filmen, die weitgehend aus den USA stammen. Hager will in
Zukunft mehr österreichische Beiträge. Er plant für die Zweitauflage in
Zusammenarbeit mit der Wiener Filmakademie einen Wettbewerb.
Einheimisch oder amerikanisch? Am Festival konnte man sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass solche Unterscheidungen in dieser Szene
eher künstlich sind. Die angereisten «Bike Punks» aus den USA fielen
nur deshalb auf, weil sie etwas lauter waren als die eher reservierten
Österreicher. Die Stars sind jedoch dies- und jenseits des Atlantiks
die gleichen. Kurier-Herzen schlagen höher, wenn auf und neben der
Leinwand heisse «Fixxies» mit Starrlauf gezeigt werden. Vor dem Top
Kino stehen Abend für Abend schöne Rennräder, und in der Galerie
Kandinsky hat der Sammler Michael Embacher Fotos seiner schönsten
Stücke ausgestellt – in Grossformat. «Der fotografiert seine Fixxies,
als wären sie Frauen», sagt Hager lachend, «Bike-Porn eben!»
Politische Inhalte …
Der Stil transportiert in dieser Szene aber auch politische Inhalte:
Regisseure wie Lucas Brunelle sind mit der Internetplattform YouTube
gross geworden und geniessen Kultstatus. Ausgerüstet mit einer
Helmkamera, saust Brunelle durch die Metropolen dieser Welt. Im
Stossverkehr nimmt er es mit endlosen Autokolonnen auf, fährt zu lautem
Punkrock gegen den Strom. Der Klassiker «On Time» aus dem Jahre 1985
zeigt den Alltag eines Velokuriers im New York der Achtzigerjahre. Der
Kurzfilm «Biking in the Bible Belt» führt vor Augen, wie eine Hand voll
Unerschrockener in Tulsa, Oklahoma, eine «Critical Mass» veranstalten.
Auf die radikaleren Elemente der «Messenger»-Subkultur geht der
Dokumentarfilm «B.I.K.E.» ein. Er porträtiert den New Yorker Black
Label Bicycling Club: Diese Kommune will sich dem Konsum verweigern und
ist politisch und kulturell aktiv. Gleichzeitig pflegen viele seiner
Mitglieder einen selbstzerstörerischen Lebensstil.
Eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Gang ist das «Tall Bike
Jousting»: Dabei schweisst man zwei Radrahmen zusammen und führt hoch
auf dem Stahlross Ritter-Turniere durch. Diese verlaufen in New York
manchmal ziemlich blutig: Mehrere Teilnehmende landen im Verlauf des
Films im Spital. Der «Sport» fasziniert auch in Wien. «Als wir das zum
ersten Mal sahen, dachten wir: Wieso haben wir das nicht?», erklärt
Alec Hager. Am Sonntagmorgen fand vor dem Kino ein Turnier statt, etwas
brav, aber ohne Schwerverletzte.
… weniger gefragt
Ob all dieser Selbstinszenierung der «Messenger»-Szene kamen andere
Inhalte zu kurz. Filme über die Rolle des Velos zur nachhaltigen
Entwicklung in Afrika liefen in halb leeren Sälen.
Zurück bleibt der Eindruck eines farbigen, gut organisierten Festivals
mit viel Potenzial. Alec Hager zieht eine positive Bilanz. «Der Erfolg
hat all unsere Erwartungen übertroffen. Das Festival findet nächstes
Jahr wieder statt.» Auch Brendt Barbur ist im Grossen und Ganzen
zufrieden. Was ihm noch fehlt in Wien, ist die Begeisterung.
«Vielleicht ist das einfach die Art der Österreicher, aber an anderen
Orten gab es Standing Ovations.»