Szene

Hoffnung für Normale

Dass man die Tour de France ohne Doping durchstehen kann, haben Guillaume Prébois und Fabio Biasiolo 2007 bewiesen. Für ihre Glanzleistung haben sie Ende September in Bern den Prix Vatter entgegengenommen. Dres Balmer

Am Ziel einer schweren Pyrenäen-Etappe sagt Radweltmeister Tom Boonen im Juli 2006: «Nach dieser Etappe wäre ein normaler Mensch im Spital gelandet.» Dieser Satz will dem Journalisten Guillaume Prébois (35) nicht mehr aus dem Kopf. Seit Jahren kommentiert Prébois die Tour de France in der Zeitung «Le Monde». Weil er selber ein begeisterter Rennradfahrer ist, widern ihn die Dopinggeschichten an. Er fängt an, über Boonens Aussage nachzudenken. Was ist ein normaler Mensch? Kann die Tour de France nur durchstehen, wer nicht normal, also gedopt ist? Prébois fühlt sich betrogen wie Tausende andere Radsportfans, und ziemlich schnell reift in ihm ein Vorhaben, ein Plan zu einer grossen Wette.
Es müsste möglich sein, überlegt Prébois, dass ein gesunder, trainierter, normaler Radsportler die Tour de France mit ei­nem anständigen Stundenmittel, ungefähr 30 km/h, durchsteht, ohne zu Dopingmitteln greifen zu müssen, indem er seine Kräfte klug einteilt, richtig isst und trinkt, genug schläft. Die «Andere Tour» wäre das. Prébois will den Beweis selber erbringen und ist bereit, alle 3570 Kilometer der Tour de France 2007 einen Tag vor dem Peloton der Profis zu absolvieren und sich denselben unangekündigten Kontrollen (Blut-, Urin- und Haarproben) zu unterziehen. Mehr noch: Prébois stellt sich als Versuchskaninchen für die Wissenschaft zur Verfügung. Eine Forschergruppe der Französischen Antidoping-Agentur und der Universität Tou­­­louse begleitet und überwacht das Abenteuer. Gewicht, Fettanteil, rote Blutkörperchen und andere physiologische Werte werden jeden Morgen und jeden Abend genauestens ermittelt, und es wird Buch geführt darüber, was und wie viel der Proband isst und trinkt.

Erschwerte Bedingungen
Unterstützt wird Guillaume Prébois von seinem Mitfahrer Fabio Biasiolo. Ein Mechaniker, ein Masseur und ein Fahrer folgen in einem Camper. Im Vergleich zu den Profis hat das saubere Voraus-Duo gravierende Nachteile: Im Windschatten brauchen die Fahrer im Peloton deutlich weniger Energie als die beiden Fahrer der «Anderen Tour», die auch mit dem normalen Strassenverkehr, Rotlichtern, Barrieren usw. zurechtkommen müssen, denn gesperrt wird die Strasse erst am folgenden Tag, für die Profis. Über ihr Unternehmen publiziert Guillaume Prébois in den Zeitungen «Le Monde» und «Le Temps» ein Tagebuch, das von Leserinnen und Lesern, die von den Doping­geschichten genug haben, von Etappe zu Etappe gierig verschlungen wird. Wenngleich ein Teil der offiziellen Sportwelt Prébois’ Experiment ignoriert, so stösst es im breiten Publikum auf grosse Sympathie, und immer wieder warten am Strassenrand Gümmeler, schliessen sich dem Duo an, fahren ein Stück mit.
Von Tag zu Tag wächst der Druck auf die beiden Vorfahrer. Denn auch wenn die Fachwelt offiziell wegschaut, beobachtet sie insgeheim eben doch genau, was da geschieht. Ein Einbruch wäre fatal, würde gar denen Recht geben, die sagen, eine Tour de France könne man nur gedopt durchstehen. Guillaume und Fabio kämpfen mit der Kälte und mit der Hitze, die Moral saust auf und ab wie die Strasse am Iseran, Getreideriegel und Energiegels hängen ihnen schon zu den Ohren heraus, und das Schlimmste sind die Ruhetage.
Man nähert sich Paris, von Tag zu Tag steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die saubere Sache gelingt. Am Samstag, dem 28. Juli, ist es so weit. Guillaume und Fabio fahren die Champs-Elysées hinauf. Hunderte von Fans erwarten sie, Radio- und Fernsehreporter stehen bereit, das Ergebnis wird sehr wohl zur Kenntnis genommen: Es ist möglich, die Tour de France ohne Doping durchzustehen. Ein belgischer Journalist versucht am folgenden Tag, Guillaume, Fabio und Tom Boonen für ein Gespräch an einen Tisch zu bringen. Boonen lehnt ab. Begründung: «Ihr habt nichts zu tun mit der Tour de France.»
Das bekümmert Guillaume Prébois nur kurze Zeit. Er blickt weiter. Das nächste Ziel ist das RAAM, das Race Across America im Juni 2008. Ohne Doping.

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