
Am Ziel einer schweren Pyrenäen-Etappe sagt Radweltmeister Tom Boonen
im Juli 2006: «Nach dieser Etappe wäre ein normaler Mensch im Spital
gelandet.» Dieser Satz will dem Journalisten Guillaume Prébois (35)
nicht mehr aus dem Kopf. Seit Jahren kommentiert Prébois die Tour de
France in der Zeitung «Le Monde». Weil er selber ein begeisterter
Rennradfahrer ist, widern ihn die Dopinggeschichten an. Er fängt an,
über Boonens Aussage nachzudenken. Was ist ein normaler Mensch? Kann
die Tour de France nur durchstehen, wer nicht normal, also gedopt ist?
Prébois fühlt sich betrogen wie Tausende andere Radsportfans, und
ziemlich schnell reift in ihm ein Vorhaben, ein Plan zu einer grossen
Wette.
Es müsste möglich sein, überlegt Prébois, dass ein gesunder,
trainierter, normaler Radsportler die Tour de France mit einem
anständigen Stundenmittel, ungefähr 30 km/h, durchsteht, ohne zu
Dopingmitteln greifen zu müssen, indem er seine Kräfte klug einteilt,
richtig isst und trinkt, genug schläft. Die «Andere Tour» wäre das.
Prébois will den Beweis selber erbringen und ist bereit, alle 3570
Kilometer der Tour de France 2007 einen Tag vor dem Peloton der Profis
zu absolvieren und sich denselben unangekündigten Kontrollen (Blut-,
Urin- und Haarproben) zu unterziehen. Mehr noch: Prébois stellt sich
als Versuchskaninchen für die Wissenschaft zur Verfügung. Eine
Forschergruppe der Französischen Antidoping-Agentur und der Universität
Toulouse begleitet und überwacht das Abenteuer. Gewicht, Fettanteil,
rote Blutkörperchen und andere physiologische Werte werden jeden Morgen
und jeden Abend genauestens ermittelt, und es wird Buch geführt
darüber, was und wie viel der Proband isst und trinkt.
Erschwerte Bedingungen
Unterstützt wird Guillaume Prébois von seinem Mitfahrer Fabio Biasiolo.
Ein Mechaniker, ein Masseur und ein Fahrer folgen in einem Camper. Im
Vergleich zu den Profis hat das saubere Voraus-Duo gravierende
Nachteile: Im Windschatten brauchen die Fahrer im Peloton deutlich
weniger Energie als die beiden Fahrer der «Anderen Tour», die auch mit
dem normalen Strassenverkehr, Rotlichtern, Barrieren usw. zurechtkommen
müssen, denn gesperrt wird die Strasse erst am folgenden Tag, für die
Profis. Über ihr Unternehmen publiziert Guillaume Prébois in den
Zeitungen «Le Monde» und «Le Temps» ein Tagebuch, das von Leserinnen
und Lesern, die von den Dopinggeschichten genug haben, von Etappe zu
Etappe gierig verschlungen wird. Wenngleich ein Teil der offiziellen
Sportwelt Prébois’ Experiment ignoriert, so stösst es im breiten
Publikum auf grosse Sympathie, und immer wieder warten am Strassenrand
Gümmeler, schliessen sich dem Duo an, fahren ein Stück mit.
Von Tag zu Tag wächst der Druck auf die beiden Vorfahrer. Denn auch
wenn die Fachwelt offiziell wegschaut, beobachtet sie insgeheim eben
doch genau, was da geschieht. Ein Einbruch wäre fatal, würde gar denen
Recht geben, die sagen, eine Tour de France könne man nur gedopt
durchstehen. Guillaume und Fabio kämpfen mit der Kälte und mit der
Hitze, die Moral saust auf und ab wie die Strasse am Iseran,
Getreideriegel und Energiegels hängen ihnen schon zu den Ohren heraus,
und das Schlimmste sind die Ruhetage.
Man nähert sich Paris, von Tag zu Tag steigt die Wahrscheinlichkeit,
dass die saubere Sache gelingt. Am Samstag, dem 28. Juli, ist es so
weit. Guillaume und Fabio fahren die Champs-Elysées hinauf. Hunderte
von Fans erwarten sie, Radio- und Fernsehreporter stehen bereit, das
Ergebnis wird sehr wohl zur Kenntnis genommen: Es ist möglich, die Tour
de France ohne Doping durchzustehen. Ein belgischer Journalist versucht
am folgenden Tag, Guillaume, Fabio und Tom Boonen für ein Gespräch an
einen Tisch zu bringen. Boonen lehnt ab. Begründung: «Ihr habt nichts
zu tun mit der Tour de France.»
Das bekümmert Guillaume Prébois nur kurze Zeit. Er blickt weiter. Das
nächste Ziel ist das RAAM, das Race Across America im Juni 2008. Ohne
Doping.