Film

Romantik, Slapstick und der Blick in die Zukunft

Seit zwei Jahren erscheint im velojournal regelmässig die Rubrik «Velo im Film». Höchste Zeit also, sich einiger Filme anzunehmen, in denen Fahrräder eine bescheidene, aber eindrückliche Nebenrolle spielen. Bruno Angeli
Von Pferden liess sich einst der Mensch von einem Ort zum anderen tragen. Dann kam das Fahrrad, und die Technik übernahm. Schön zu sehen ist diese allmähliche Ablösung im Western «Butch Cassidy und Sundance Kid». Es ist möglich, dass wir diese anschauliche Erfahrung einer ungewollten Konstellation verdanken. William Goldman war für das Drehbuch einer wahren Geschichte zweier Ganoven aus dem Wilden Westen verantwortlich. Eigenartig, denn Goldman soll Westerngeschichten nicht gemocht haben, und Pferde waren ihm unheimlich. Möglich, dass deshalb aus der Wild-West-Story «Butch Cassidy und Sundance Kid» (Paul Newmann als Butch Cassidy und Robert Redford als Sundance Kid) aus dem Jahre 1969 eine wunderbare Komödie entstanden ist.
Untermalt mit dem Song «Raindrops Keep Fallin’ On My Head» trifft man hier auf die wohl romantischste Veloszene der Filmgeschichte: Der charmante Butch Cassidy lädt die schöne Etta Place (Katharine Ross) mit den Worten «Hier ist die Zukunft» ein, auf sein Rad zu steigen. Zusammen fahren sie los. Es geht zum Apfelpflücken und -verkosten an einer Plantage vorbei, über Rinderweiden zu einer Scheune. Dort angekommen, lässt Butch Etta absteigen. Es folgt eine kleine Showeinlage. Butchs Fahrrad-Kunststückchen imponieren Etta. Da kommt der Übermütige zu Fall. Ein provozierter Bulle zwingt die beiden, wieder aufzubrechen. Unversehrt erreichen sie den Ausgangspunkt der Ausfahrt.

Pack die Badehose ein
Was gibt es Schöneres als einen vergnüglichen Veloausflug mit Freunden? In einer solchen Szene werden wir Zeuge einer beginnenden Beziehung: Gemeinsam radeln zwei Turteltäubchen zum Schwimmen – die aufstrebende Autorin Iris Murdoch und ihr Freund und baldiger Ehemann John Bayley. Als Vorlage für diesen Film diente das Buch «Elegy for Iris: A Memoir», geschrieben von John Bayley. Der Titel des Films lautet schlicht «Iris». In Rückblenden wird die Geschichte einer über vierzig Jahre dauernden Beziehung erzählt. Eine Beziehung, die wegen der Alzheimer-Erkrankung von Iris über die Grenzen des Ertragbaren strapaziert wird. Das junge Paar spielen Kate Winslet und Hugh Bonneville, das alternde Paar Judi Dench und Jim Broadbent. Letzterer erhielt für seine aussergewöhnliche Performance einen Oscar als bester Nebendarsteller.
Eine andere unbeschwerte Fahrradszene ist im Film «Jules und Jim» von 1961 zu sehen. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine gelungene Literaturverfilmung. Der Roman von Henri-Pierre Roché diente als Vorlage. François Truffaut zeigt hier einmal mehr seine Meisterschaft als Filmemacher. Jules (Oskar Werner) und Jim (Henri Serre) sind Freunde. Beide leben vom Schreiben, und beide verlieben sich in dieselbe Frau. Es ist Cathérine, gespielt von Jeanne Moreau. Einige Zeit verlieren sich die drei aus den Augen. Ihre Heimatstaaten Frankreich und Deutschland führen gegeneinander Krieg. Als das Grauen 1918 ein Ende findet, können die Freunde wieder zueinander kommen. Diverse Affären, ein unerfüllter Kinderwunsch und die Heirat von Jim mit einer anderen Frau … die Probleme bleiben nicht aus. Die schöne, unbeschwerte Zeit ist vorbei, die Geschichte endet in einer Tragödie. Am Schluss des Films lässt Cathérine für eine Ausfahrt das Fahrrad stehen. Sie fährt diesmal mit ihrem Auto und mit Jim auf dem Beifahrersitz Richtung Wasser. Es wird ihre letzte Fahrt. Diesmal dient das Wasser nicht dem Vergnügen; es wird ihren Tod bedeuten.

Der gedopte, aber solidarische Mountainbiker
Das Auto ist für den Tod zuständig und das Velo für die lebensbejahenden Momente. Zumindest im Film. Ein todbringender Sturzflug mit einem Auto besiegelt auch das Schicksal von Thelma und Louise. Die Story um «Thelma und Louise» (Geena Davis als Thelma und Susan Sarandon als Louise) endet zwar ebenfalls tragisch, es gibt aber auch einige Lacher in diesem Streifen. Eine Szene mit einem Pedaleur als Nebendarsteller sticht dabei besonders hervor. Wir befinden uns mitten im Nirgendwo: Auf ihrer Odyssee sind Thelma und Louise gezwungen, einen Polizisten im Kofferraum seines Dienstfahrzeugs zu verstauen. Liebenswert wie die Outlaws sind, verpassen sie dem Kofferraum mit ihren Schiesseisen noch zwei Luftlöcher, bevor sie sich wieder aus dem Staub machen. Nach einer Weile taucht ein Mountainbiker am Ort dieser schändlichen Tat auf. Er macht Pause und hört ab seinem am Arm montierten Walkman Musik. Er gönnt sich einen Joint. Da vernimmt er klagendes Wimmern aus dem Kofferraum des parkierten Streifenwagens. Der Mann überlegt kurz. Er beschliesst den eingesperrten Polizisten an seinem Joint teilnehmen zu lassen: Er bläst ihm etwas Rauch durch die improvisierten Luftlöcher in den Kofferraum.

Die Pythons und das geliebte Rad
Noch zu einem völlig anderen Filmgenre: Die BBC strahlte zwischen 1969 und 1974 45 Folgen der Serie «Monty Python’s Flying Circus» aus. So etwas wie die Python-Sketche gab es zuvor noch nicht zu sehen. Eine Humor-Revolution. Dahinter steckten sechs Männer: Der 1989 verstorbene Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin. Drei Python-Sketche beinhalten Veloszenen. In «Picasso/Cycling Race» nehmen wir an einer einzigartigen Radrenn-Reportage teil. Die Radsportler, die gegeneinander antreten, sind Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Marc Chagall, Kurt Schwitters und viele andere. Den Rest kann man sich selber ausmalen, oder besser: angucken. Aus der Episode drei wiederum stammt der Sketch «Bicycle Repair Man». Hier lernen wir den ultimativen Super-Hero kennen, der selbst Superman die Show stiehlt. Es kann vermutet werden, dass es sich beim «Bicycle Repair Man» um einen Tories-Anhänger handelt. Sein Wahlspruch lautet: «Whenever bicycles are broken or menaced by international communism, Bicycle Repair Man is ready!» Dann gibt es noch «The Cycling Tour» (Episode 34): Mr. Pither ist mit seinem Velo unterwegs. Seine rote Mütze ragt keck in die Höhe, bis er unvermittelt stürzt. Wir begleiten ihn weiter und weiter auf seiner Reise von Crash zu Crash.

Velofahren im Jahre 2030
Nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit zu überwinden, davon träumte die Menschheit schon immer. H.G. Wells veröffentlichte 1895 den Roman «Die Zeitmaschine», der in der Folge gleich mehrfach verfilmt wurde. 2002 kam «The Time Machine» in die Kinos. Emma (Sienna Guillory) stirbt. Ihr Verlobter Dr. Alexander Hartdegen (Guy Pearce) kommt über ihren Tod nicht hinweg. Der Wissenschaftler startet seine Zeitmaschine, um den Tod Emmas rückgängig zu machen. Es gelingt nicht.
Resigniert startet er die Maschine ein zweites Mal. Am 24. Mai 2030 hält er sie an. Auf den ersten Blick scheint alles friedlich zu sein. Die Vernunft hat wohl gesiegt. Die Menschen benützen Fahrräder als Verkehrsmittel! Über einen mächtigen Bildschirm wird eine Werbebotschaft verbreitet. Demnach ist der Mond mittlerweile kolonialisiert worden, und das Projekt «Luna Luxus Park» soll bald in Angriff genommen werden. Eine gigantische Sprengung steht bevor. Es soll mehr Wohnraum im Innern des Mondes geschaffen werden. Hartdegen startet seine Maschine erneut. Die Fahrt wird ungemütlich. Er stoppt. Sieben weitere Jahre später ist die Welt nicht mehr zu erkennen! Überall Zerstörung. Und der Mond? Er ist zerfetzt! Der Wissenschaftler aus der Vergangenheit erfährt, dass die Sprengung schiefgelaufen ist. Der Erdtrabant ist aus seiner Umlaufbahn geraten, und die Menschheit scheint verloren.

Alle besprochenen Filme sind auf DVD erschienen.

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