
«Schau dir das Datum auf unserem Leitbild an: Dezember 1986. Und der
Text ist nach über zwanzig Jahren unverändert gültig» – Theo Weilenmann
und Martin Wunderli sind stolz auf ihre damalige Weitsicht. Veloplus
fördere – so steht es hier – ökologisch vertretbare Verkehrsmittel,
schaffe menschenwürdige Arbeitsplätze und sozial fortschrittliche
Arbeitsbedingungen, pflege die Mitbestimmung und wolle die «beste Firma
der Schweiz für Velozubehör für Alltags- und Tourenfahrende» werden.
Immer das Neuste und Beste wolle man verkaufen, permanent
Marktforschung betreiben und sich den Trends anpassen. Gleichzeitig
gilt seit dem Start «gewinnorientiertes Denken und Handeln»,
Flexibilität im Marketing und Unabhängigkeit. Fünf Jahre nach
Niederschrift dieser Ziele kamen noch ökologische Leitlinien dazu, die
für die verkauften Produkte und das verkehrspolitische Engagement
gelten.
Nach zwanzig Jahren hinstehen und sagen zu können, «all das gilt wie am
ersten Tag», lässt die beiden Veloplus-Gründer aber nicht übermütig
werden. Ihr Business war und ist anspruchsvoll, auch wenn der Veloboom
in diesen letzten zwanzig Jahren das Seine zum Erfolg beigetragen hat.
«Wir haben davon profitiert, dass die Töfflis bei den Jungen heute
total out sind, aber wer garantiert uns, dass das so bleibt?», fragen
die beiden. Also müsse man etwas dafür tun, dass das Velo seinen
Stellenwert behält. Veloplus unterstützt deshalb nicht nur die
Grossaktion «bike to work» der IG Velo, sondern auch das kommende
Projekt «bike2school».
Aus einem Studienprojekt entstanden
Doch beginnen wir vorne. Martin Wunderli war enthusiastischer
Tourenfahrer und Velobastler, mit Velopolitik aber hatte er vor zwanzig
Jahren wenig am Hut. Theo Weilenmann hingegen war einer der Väter des
ersten Stadtzürcher Veloplanes, in der IG Velo Zürich aktiv und schrieb
für die «Velozytig», die Vorläuferpublikation von «velojournal». Er war
im VCS für Velopolitik verantwortlich und in mehreren anderen
politischen Feldern aktiv. Getroffen hatten sich Weilenmann und
Wunderli in einer Betriebsökonomie-Weiterbildung der Fachhochschule,
und als es um die Abschlussarbeit ging, machten beide ihr
unterschiedliches Velo-Engagement zum Business-plan: Den
Velozubehörhandel in der Schweiz aufzumischen, war ihr Ziel, denn das
Kartell zwischen Importeuren und Händlern – ein Relikt aus der
Kriegswirtschaft – publizierte damals nur einen einzigen
Gemeinschaftskatalog. Weilenmann und Wunderli aber kannten viel
interessantes Zubehör, das man nur im Ausland bekam: von der
Halogenlampe über das Standlicht bis zu Velohelm und Velocomputer.
Aber liess sich die theoretische Abschlussarbeit auch in die Praxis
umsetzen? «Wir machens.» «Nein, das geht unmöglich.» «Aber wir machens
trotzdem.» Sie überlegten hin und her und hatten Zweifel, zumal zwei
Jahre früher einem ähnlichen Versuch eines Zubehörhandels, Velodirekt,
die Luft ausging. «Es muss einfach gehen», war dann die letzte
Entscheidung, irgendwo droben in den Bergen, erinnern sich die beiden.
Mit Schere und Klebstift bastelten sie die Druckvorlagen für ihren
ersten, 48-seitigen Katalog zusammen. Sie boten die ersten Gelsättel an
und Helme, dazu Taschen und Gepäckträger, Ständer, Radlaufglocken und
die bereits erwähnten Velocomputer. Und auf einer Doppelseite
Spezialbekleidung: eine Regenjacke, eine Hose – das wars schon fast.
Aber es gab auch schon die bis heute typischen Erläuterungen und
Fachinformationen.
Branche reagierte nervös
Trotz bescheidenem Angebot liess der Brief aus den Reihen des
Importkartells nicht lange auf sich warten: Man solle diesen Handel
doch bleiben lassen, die Schweizer Hersteller dürften Veloplus eh nicht
beliefern, hiess es abschreckend. Doch die beiden zeigten sich nicht
sonderlich beeindruckt und konnten einige der Schweizer Hersteller dann
doch als Lieferanten gewinnen.
Den eigentlichen Start bildete ein klitzekleines Inserätchen in «Umwelt
und Verkehr», wie das heutige «Leonardo», die VCS-Zeitschrift, damals
hiess. «Und schwupp waren ein paar hundert Adressen zusammen», staunt
Martin Wunderli noch heute. Der Start in einem «Budeli» in Zürich
Oerlikon hinter dem Hallenstadion war geglückt. Die nächste Station war
ein Keller, ebenfalls in Oerlikon, schon fast ein kleiner Laden, und
bereits im dritten Geschäftsjahr erfolgte der Umzug: zuerst nach
Pfäffikon im Zürcher Oberland und 1993 an den heutigen Standort nach
Wetzikon. Seit dem Umbau 2005 kommt Veloplus wie ein Zubehör-Fachmarkt
daher. In den inzwischen vier Veloplus-Läden (Wetzikon, Ostermundigen,
Basel und Emmenbrücke) gibts denn auch alles – nur keine ganzen Velos.
Und selbstverständlich funktioniert der Verkauf auch übers Internet.
Rund 50 Leute arbeiten für Veloplus im Winter, im Sommer sind es
doppelt so viele.
Run auf GPS-Kurse und Eigenentwicklungen
Durchschlagenden Erfolg hat Veloplus in jüngster Zeit mit GPS-Kursen.
Hinzu kommt, dass auch immer mehr Arbeitgeber entdecken, wie wichtig
eine gute Veloinfrastruktur für ihre Mitarbeiter ist. Schon etliche
Unternehmen haben sich bei Veloplus das nötige Know-how dazu geholt.
Nicht mehr vergleichbar mit der Gründungsphase ist der Katalog mit
seinen mittlerweile rund 7000 Produkten und einer Auflage von 156000
Exemplaren. Aus der Doppelseite Bekleidung sind inzwischen 60 Seiten
geworden, dazu werden zwei Dutzend Handschuhmodelle angeboten. Am
Beispiel der Handschuhe erklären die beiden, wie sich Veloplus auch in
der Produkteentwicklung engagiert: «Wo frieren wir, wenn wir im Winter
mit Handschuhen velofahren?», fragen sie. Immer an den «Chnödli», den
Fingergelenken, denn hier werden die Handschuhe zusammengedrückt, wenn
wir die Lenkstange halten. Und weil die Veloplus-Leute aus der Praxis
wissen, dass Fäustlinge besser wärmen als Fingerhandschuhe, haben sie
bei einem österreichischen Hersteller neue Handschuhmodelle entwickeln
lassen. «Wir sind der Lösung ziemlich nah», erklären die beiden
zufrieden. Auch mit dem Jacken- und Rucksackhersteller Vaude wird
gemeinsam geforscht: Jacken werden im hauseigenen Monsunlabor auf
undichte Stellen getestet, praktische Erfahrungen bringen
Verbesserungsvorschläge an Rucksäcken ein. Vaude übernahm die Tipps und
stellt im Gegenzug exklusive Kleinserien her.
Das stetige Wachstum schreiben die Veloplus-Gründer neben dem Veloboom
und der sich stark entwickelnden Mountainbikerszene im Wesentlichen
zwei weiteren Faktoren zu: neue Produkte und gute Qualität. Zum Erfolg
tragen auch die eigenen Tests und die Labors bei: Sattel-Probesitzen
ist hier selbstverständlich, in der Kältekammer kann man Bekleidung
ausprobieren, und jeder Laden hat auch eine Kundenwerkstatt.
Herzen schlagen für die Velopolitik
Doch neben dem Kommerz schlagen die Herzen von Theo Weilenmann und
Martin Wunderli immer auch für die Velopolitik. Schon bei ihrer ersten
Medienkonferenz, 1988, verbanden sie die Themen und wiesen darauf hin,
dass sich das Velo durchaus zum Transport der Einkäufe eigne. Später
engagierte sich Veloplus für den Fahrradtransport im Zug, und als
kürzlich in Deutschland Kritik an den Veloanhängern aufkam, reagierte
Veloplus im eigenen, halbjährlich erscheinenden aktuellen Heft mit
einem Erschütterungstest.
Heute ist das Veloplus-Logo an allen grösseren Anlässen präsent, von
den verschiedensten Bike-Rennen über «bike to work» bis zu
Unterschriftensammlungen für die gerade laufenden Zürcher
Velo-Initiativen. «Wir bilden so das Bindeglied zu den
Normal-Velofahrenden, die sich politisch nicht engagieren», stellen die
beiden fest. Und obwohl es in den Geschäften glitzert, funkelt und
blinkt, zu einem reinen Velo-Lifestylegeschäft wird Veloplus nie
werden, denn: «Wir verstehen uns als Teil der Velokultur.»