Film

Lateinamerika entdecken

«El viaje – Die Reise» von Fernando Solanas ist mehr als ein klassisches Roadmovie. Der Spielfilm bietet neben wunderbaren bewegten Bildern auch bissige politische Satire und surreale Szenen. Bruno Angeli
Martin Nunca, 17 Jahre jung, hat genug vom Ärger zu Hause und fährt mit dem Fahrrad los, um seinen leiblichen Vater aufzusuchen. Dieser soll in Brasilien als Comiczeichner leben. Die Reise führt ihn von Ushuaia, ganz im Süden von Argentinien, durch den weiten lateinamerikanischen Kontinent. Durch Nunca zeigt uns Filmemacher Fernando Solanas in «El viaje» satirisch überzeichnet und in surrealen Bildern, wie die latein­ameri­kanischen Länder den Einfluss der USA zu spüren bekommen. Dabei bekommt aber auch die heimische politische Klasse ihr Fett ab. So ist der damalige Präsident Argentiniens, Carlos Menem, im Film unschwer in Dr. Rana zu erkennen. Der spanischen Zeitung «El Mundo» erklärte Solanas: «In Ushuaia bekam ich Kopfschmerzen. Menem verzieh mir nicht, dass ich ihn als Frosch karikierte, der ein Buenos Aires regiert, welches ich im Film in eine Kloake verwandelt habe.» In der Tat ist die Szene mit dem flossenfüssigen Präsidenten eine der besten und bekanntesten des Films. Leider sollte Solanas Kunstverständnis ihm später mehr als nur Kopfschmerzen bescheren – doch davon später mehr.

Aus dem Leben eines Filmemachers
Zurück zu «El viaje»: Im Film sehen wir auch, wie Nunca in Cuzco eine kurze Romanze eingeht und wie er – in Brasilien angekommen – erfahren muss, dass sein Vater in der Zwischenzeit nach Mexiko weitergezogen ist. Nuncas Odyssee geht weiter, doch in Mexiko begegnet er schliesslich seinem Vater. Aber geschieht dies tatsächlich, oder handelt es sich bloss um eine Sinnestäuschung, um Einbildung oder Wunschdenken?
Mindestens so spannend wie Solanas Film ist seine Biografie. Geboren wurde er 1936 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Über das Medium Film setzt er sich mittlerweile seit mehr als 30 Jahren mit dem Leben in Argentinien und in anderen lateinamerikanischen Ländern auseinander.
Solana untermauerte bereits 1968 in seinem ersten Film seine Überzeugung, dass der Künstler sich in die öffentliche Sache und in die Politik einmischen müsse. Der vierstündige Dokumentarfilm «La hora de los hornos – Die Stunde der Hoch­öfen» zeigte die Lebensrealität Argenti­niens von den Dreissiger- bis in die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Während der damaligen Militärdiktatur unter General Juan Carlos Ongania konnte der Film in keinem offiziellen Kino gezeigt werden. Trotzdem fand er sein Publikum. «Wir hatten 60 Kopien im Umlauf. Dank unseren Kontakten zu Quartiervereinen, Studentenorganisatio­nen, Gewerkschaften und revolutionären Gruppierungen, die den Streifen illegal in ihren Lokalen vorführten, konnten viele Menschen den Film sehen», erinnert sich Solana. Als er 1976 mit Morddrohungen konfrontiert und einer seiner Schauspieler ermordet wurde, floh er nach Paris ins Exil. Dort verbrachte er mehrere Jahre und kehrte erst wieder nach Argentinien zurück, als sich dort die Situation gebessert hatte.
Seine Freude über die wiedergewonnene Freiheit des Landes wurde allerdings getrübt durch Korruption und ein neoliberales System, das Menem an die Macht gebracht hatte. Dies blieb nicht ohne Folgen für Solanas: 1991 wird er an einem helllichten Tag, als er aus seinem Büro kommt (er wurde mitt­lerweile zum Abgeordneten gewählt), von drei Autos abgefangen und daraus beschossen. Sechs Kugeln bekommt sein Bein ab. Solana: «Es war klar, dass es sich dabei um eine Warnung handelte, die besagte, dass die nächsten Kugeln wohl direkt in meinem Kopf landen würden.»

Mehr als bloss Zeitvertreib
Doch der Regisseur liess sich nicht einschüchtern und drehte trotzdem weiter soziale Dokumentar- und Spielfilme. Im Mai dieses Jahres erschien in Argentinien sein aktuellster Film: «Argentina latente». Er bildet den Abschluss einer Trilogie, die mit «Memorias del Saqueo» begann und danach mit «La Dignidad de los nadies» fortgesetzt wurde. Solana scheint zwar den Glauben an die politische Klasse verloren zu haben, nicht aber den Glauben an die Macht der bewegten Bilder. Daran, dass die Filmindustrie mehr kann und soll, als bloss Material für den Zeitvertreib zu produzieren. Als Zuschauer wird man mit «El viaje» in diesem Sinne bestens bedient.

«El viaje – Die Reise»

Argentinien 1992
Regie und Drehbuch: Fernando E. Solanas. Kamera: Felix Monti.
Schauspieler: Walter Quiroz, Soledad Alfaro, Ricardo Bartis, Christine Becerra, Dominique Sanda, Marc Berman, Chiquinho Brandao, Franklin Caicedo, und andere.
Produktion: Cinesur, Buenos Aires.
Musik: Astor Piazolla, E. Gismonti, Fernando Solanas.
Montage: Alberto Borello, Jacqueline Meppiel.
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