
Auf die Idee, Softshell-Jacken und -Hosen anzubieten, kamen die
Hersteller durch das Verhalten ihrer Kunden. Nur die wenigsten ziehen
bei starken Niederschlägen ihre Wanderschuhe an und marschieren los,
und nur Freaks sitzen bei extremer Kälte aufs Mountainbike. Bei der
Mehrheit der Bewegungsfreunde handelt es sich um Schönwettersportler,
und die müssen sich nicht unbedingt an das Zwiebelprinzip halten. Statt
einer Regenjacke, einer sogenannten Hardshell, reicht deshalb in den
meisten Fällen auch eine Softshell-Jacke. Ihr Material, ein Kompromiss
zwischen Fleece und Hardshell, macht sie zu einem winddichten,
widerstandsfähigen und atmungsaktiven Kleidungsstück. Im Gegensatz zur
Regenjacke ist die Softshell-Jacke allerdings nicht wasserdicht.
Wasserdicht oder nicht? Die Industrie habe sich bisher auf keine
Definition der Softshells einigen können, so Peter Jud von Salomon. Er
erläutert, wie der Hersteller Schöller ursprünglich nach einem textilen
Gewebe suchte, das atmungsaktiv ist und trotzdem den Wind abhält.
Daraus sind die Softshell-Jacken entstanden. Inzwischen gibt es auch
100 Prozent wasserdichte Modelle, bei ihnen leidet jedoch die
Atmungsaktivität.
Welche Anforderungen stellt Peter Jud, Produktmanager der
Appareal-Bekleidung, an das Material? Es müsse bequem und deshalb aus
Stretch sein; es dürfe keinen Lärm machen; es müsse atmungsaktiv sein
und den Wind abhalten; es könne, müsse aber nicht, wasserdicht sein,
findet er. Weil Softshell-Jacken für fast alle Gelegenheiten und
Witterungsverhältnisse passen, nennen die Amerikaner sie auch «85
Percent Jacket».
Drei Arten von Softshells
Das Branchenmagazin «SAZ Bike» teilt Softshell mittlerweile in drei
Kategorien ein: Die erste ist ein elastisches Gewebe, das auf der
Innenseite angeraut ist oder eine dreidimensionale Struktur aufweist.
Dieses Material ist weich und angenehm zu tragen, hat indes die
geringsten funktionellen Eigenschaften. Gegeben ist lediglich ein
bedingter Wärme- und Windschutz.
Technisch und funktionell hochwertiger sind «gebondete» Qualitäten.
Hier werden zwei verschiedene Stoffe mittels eines Klebeverfahrens
miteinander verbunden. Auf der Aussenseite ist meist ein glattes
Stoffbild zu sehen, innen ein angerautes, etwa ein Fleece. Diese
Textilien sind überaus atmungsaktiv und schützen dennoch gut vor
Windeinfall.
Die dritte Gruppe ähnelt den traditionellen Regenjacken. Hier findet
man lamininierte Membrane. Die typische textile Oberfläche bleibt aber
erhalten. So bleiben Wind und Regen draussen (etwa bei Gore), dafür
sinkt die Atmungsaktivität. Deshalb haben diese Jacken oft
Reissverschlüsse, damit sie geöffnet werden können, um angestaute Wärme
abzuführen. Softshell-Laminate mit Membranen ersetzen bei fast jeder
Witterung die oberste Schicht.
Softshells für Tourenfahrer
Viele Radler stecken heute bei ihren Ausflügen eine wasserdichte Jacke
ins Trikot, obwohl sie oft nur einen Wind- und keinen vollständigen
Regenschutz bräuchten. Wären denn Softshells für Radler geeignet? Peter
Jud weiss, dass Softshells vor allem bei Bergsportlern und Skifahrern
beliebt sind, findet aber, «dass die Alleskönner auch in den
Velobereich passen». Auch für Velohosen werden Softshell bereits
verwendet, da das Material geschmeidig und atmungsaktiv ist. «Das wird
noch ein richtiger Trend werden», erwartet Jud. Als Velojacken seien
Softshells für längere Touren geeignet, besonders wenn man den Ausflug
mit Sightseeing verbinden wolle. So brauche man nur eine Jacke im
Gepäck.
«Weil Softshells ursprünglich aus dem Bergsport kommen, hatten sie
lange Zeit ein «Bünzli»-Image. Mittlerweile gibt es sie aber auch in
körperbetonten Schnitten», weiss Peter Jud. Er hat zudem eine
psychologische Erklärung dafür, warum diese Bekleidung selbst für den
Ausflug in die Stadt passt: Heute definiere sich der Mensch viel mehr
über seine Freizeitaktivitäten, zum Beispiel über den Sport. Früher sei
der Beruf noch wichtiger gewesen. Deshalb würden moderne, sportliche
Menschen auch in ihrer Freizeit gerne sportliche Kleider tragen.
Wer allerdings bei jeder Schraube am Velo ein paar Gramm einzusparen
versucht und nur auf einer kurzen Tour unterwegs ist, steckt besser
eine zusammengeknüllte Windjacke aus Nylon als ein Softshell in die
Trikottasche. Würde man eine Softshelljacke möglichst klein machen,
sähe das irgendwie «lümpelig» aus, sagt Jud, und der Produktemanager
fordert: «The right material on the right place.» Nur ganz selten passe
ein 85-Percent-Jacket nicht.