
Angesichts der anhaltenden Erfolglosigkeit der Schweizer Strassenprofis
war die Meldung im Vorfeld des WM-Strassenrennens am 30. September in
Stuttgart wenig überraschend: «Die Schweiz wird nur mit drei Profis
vertreten sein», verkündete die nationale Nachrichtenagentur. Zum
Vergleich: Die besten zehn Nationen im ProTour-Klassement haben das
Anrecht auf neun Startplätze – wie bis anhin auch die Schweiz. Mit dem
zwischenzeitlichen Tour-de-France-Leader Fabian Cancellara, Martin
Elmiger und Michael Albasini war es einzig drei Fahrern gelungen,
Punkte für die Nationenwertung zu sammeln. «Eine kleinere Katastrophe»,
kommentiert Lorenz Schläfli, Geschäfsleiter Swiss Cycling. «Mit drei
Fahrern ist es ausgeschlossen, ein taktisches Rennen zu fahren. Wir
können einzig auf einen Supertag eines unserer Fahrer hoffen.»
Diese «kleinere Katastrophe» ist indes nichts anderes als ein Abbild
der Realität. Im Gegensatz zu den Neunzigerjahren, als mit Tony
Rominger, Alex Zülle und Laurent Dufaux noch drei Fahrer bei grossen
Rundfahrten um die Podestplätze mitfahren konnten, verfügt die Schweiz
heute über keinen einzigen Rundfahrten-Spezialisten mehr. Auch bei den
Eintagesrennen sieht die Situation nicht viel rosiger aus: Einzig
Ausnahmeathlet Fabian Cancellara kann als «Siegfahrer» bezeichnet
werden. Kein Wunder, dass Schläfli nur davon träumen kann, dass
demnächst ein «Roger Federer des Radsports» auftaucht.
Die Schweizer Profis wurden allerdings auch Opfer des strikten
Punktesystems. Der Radsport-Weltverband UCI vergibt nur jenen Fahrern
Punkte, die bei den Rennen Spitzenplätze belegen. Fahrer, die sich in
den Dienst ihrer Mannschaft stellen und dort wertvolle Arbeit leisten,
werden nicht belohnt. Merkwürdige Auswirkungen hat dieses System, wenn
eine Radsport-Entwicklungsnation wie der Iran dank Erfolgen auf der
Continental-Stufe (vergleichbar mit der zweithöchsten Liga) doppelt so
viele Fahrer für die WM selektionieren darf, andererseits Luxemburg die
ihm zustehenden neun Startplätze nicht besetzen kann, weil im
Grossherzogtum lediglich vier Profis lizenziert sind.
Erfolgreiche Mountainbiker
Solche Sorgen plagen die Schweiz Mountainbiker nicht. Im Gegenteil: Sie
sorgen schon seit längerer Zeit für positive Meldungen – bei den
Elitefahrern ebenso wie im Nachwuchsbereich. Vorläufiger Höhepunkt
waren die Weltmeisterschaften 2006 im neuseeländischen Rotorua, wo die
Schweizer Delegation die Titelkämpfe dominierte und mit zehn Medaillen
– davon vier goldene – nach Hause kam. Diese Erfolgsserie setzte die
Schweizer Bike-Delegation im August fort, als sie dank Christoph Sauser
und Petra Henzi an den Marathon-Weltmeisterschaften sowohl bei den
Männern als auch bei den Frauen Titel gewann.
Bereits im kommenden Jahr könnte der Mountainbikesport in der Schweiz
zusätzlichen Aufwind erhalten. Im Anschluss an die Olympischen Spiele
in Peking beurteilt Swiss Olympic die Einstufung der Sportarten neu.
Dann wird klar, wie viel Geld es für die Mountainbikerinnen und -biker
geben wird. «Derzeit sind sowohl Strasse wie Mountainbike in der
höchsten Stufe eingeteilt», sagt Schläfli. «Ich gehe aber davon aus,
dass die Strassenfahrer nach Peking finanziell zurückgestuft werden.»
Der Grund dafür liegt in der Berechnungsgrundlage von Swiss Olympic, in
der die sportlichen Erfolge wichtig sind.
Sollte Mountainbike als einzige Raddisziplin erstklassig eingestuft
bleiben, wird dies Konsequenzen haben. «Sollte diese Situation
eintreffen», so Schläfli, «würde dies den Verband aus sportlicher wie
auch aus marketingtechnischer Sicht vor eine völlig neue Ausgangslage
stellen.»