Kultur

«Angst, Haas und Drahtesel»

Warum taucht das gestohlene Velo der Polizistin Vera Haas in Amriswil auf? Und warum scheint sich niemand darum zu kümmern, wem es gehört? Ein exklusiver Vorabdruck des Kurzkrimis «Angst, Haas und Drahtesel». Petra Ivanov

«Kantonspolizei Zürich, Haas.»
«Vera Haas?»
«Ja.»
«Kantonspolizei Thurgau, Posten Amriswil. Fabian Herzig am Apparat.»
«Hallo.»
«Du hast ein Velo als gestohlen gemeldet: ein Mountain Bike der Marke Shimano Acera. Wir haben es gestern auf unserer Tour abgeholt.»
«Ihr habt mein Velo?» Vera konnte ihr Glück nicht fassen. «Ist es noch ganz?»
«Die Federgabel ist beschädigt, und das vordere Rad fehlt. Aber sonst sieht es nicht schlecht aus. Es stand längere Zeit beim Amriville. Unser Einkaufszentrum hier in Amriswil», fügte er hinzu.
«Ich bin dieses Wochenende im Dienst. Kann ich es am Montag abholen?»
«Kein Problem.»
Vera legte auf und stellte sich ans Fenster. Die Septembersonne tauchte den Verkehr an der Schaffhauserstrasse in warmes Licht. Bülach wirkte beinahe schön.
«Wenn du mich doch auch einmal so ansehen würdest», seufzte Michael, der das Büro mit ihr teilte. «Aber dazu brauche ich wohl Räder statt Beine.»
Vera streckte ihm die Zunge raus. «Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass mein Velo weg ist.»
«Es gibt Schlimmeres», sagte Michael.
Vera stemmte die Hände in die Seite. «Darum geht es nicht!»
«Sondern ums Prinzip, ich weiss.» Michael grinste. «Setz dich, Häschen, wir sind noch nicht fertig.»
Vera schnaubte. «Wenn du mich noch einmal ‹Häschen› nennst, kannst du deine Inventarliste alleine vervollständigen.» Sie liess sich auf ihren Stuhl fallen, der laut quietschte. Als sie sah, wie sich Michael auf die Unterlippe biss, um nicht loszuprusten, schob sie ihr spitzes Kinn vor. Doch dann fiel ihr Blick auf den Zettel mit der Adresse des Polizeipostens Amriswil, und das Glücksgefühl kehrte zurück. Es gab doch noch Gerechtigkeit.
«Mein Velo ist nicht hier?» Vera runzelte die Stirn.
Fabian Herzig strich über seinen spärlichen Unterlippenbart. Sein Versuch, Veras Blick zu meiden, führte dazu, dass er auf ihren Busen starrte. Ihre Bluse spannte leicht, als sie Luft holte, und er errötete.
«Wie ist das möglich? Vor drei Tagen hast du gesagt, es sei bei euch auf dem Posten!»
«Ja … ich … wir lagern die Velos in der Garage. Als ich es eben holen wollte, war es weg.»
«Weg?» Vera verschränkte ihre Arme vor der Brust.
Ertappt sah Herzig auf. «Ich war seit Freitag nicht mehr in der Garage. Ich habe erst jetzt gemerkt, dass es nicht mehr dort steht. Aber dafür muss es eine Erklärung geben.» Er führte sie zu einer Küche. «Möchtest du einen Kaffee, während ich das abkläre?»
«Mit Milch und Zucker.» Veras grüne Augen fixierten den jungen Polizisten verärgert.
Nervös fummelte Herzig an der Kaffeemaschine herum.
«Ich mach das.» Vera nahm ihm die Tasse aus der Hand. «Klär ab, wo mein Velo ist.»
Zehn Minuten später kehrte Herzig mit gesenktem Kopf zurück. «Vera … ich muss mich entschuldigen. Ich weiss nicht, wie das passieren konnte.»
Vera wippte ungeduldig mit dem Bein.
«Wir geben die Velos, die nicht abgeholt werden, einer Werkstatt hier in Amriswil. Dort werden sie geflickt und dann nach Afrika geschickt. Für einen guten Zweck.»
«Mein Velo ist in Afrika?»
«Nein … noch nicht», stammelte Herzig. «Mein Kollege muss einen Fehler gemacht haben. Rolf hat am Freitagabend die alten Velos bereitgestellt.»
Vera holte tief Luft. «Und wo ist diese Werkstatt?»
«Ich fahr dich hin.»
Der Polizeiposten lag an der Weinfelderstrasse, die um diese Zeit kaum befahren war. Stumm lenkte Herzig seinen Renault Richtung Marktplatz. Das Schweigen schien ihm nicht zu behagen. «Kennst du Amriswil? Rechts siehst du das Gemeindehaus. Wir haben auch ein Ortsmuseum, wenn du hier links gehst, kommst du zur Bahnhofstrasse. Du wirst das alte Pfarrhaus gleich erkennen, es ist ein Riegelbau.»
«Wo mein Velo ist, interessiert mich mehr», sagte Vera trocken.
«Wir sind gleich dort.» Herzig kratzte an einem Pickel. «Die Velowerkstatt gehört zum TG job. Die beschäftigen Arbeitslose. Aber keine Sorge, sie gehen sorgfältig mit den Velos um. Hier ist es.» Er zeigte auf ein modernes Gebäude mit Profil-Blechfassade. Unter dem Schild «Kläusli Zweirad» blitzten aufgereihte Fahrräder und Roller im Sonnenlicht.
Als sie ausstiegen, merkte Vera, dass er nicht auf den Fahrradladen, sondern auf das alte Haus gegenüber gedeutet hatte. Auch davor waren Fahrräder aufgereiht, doch die Modelle sahen einiges älter aus. An der Mauer hing ein Kunstwerk aus alten Velobestandteilen. Darüber stand in roten Buchstaben «Velo-Recycling». Die Farbe blätterte von der Steinstufe ab, die zum Eingang führte.
Herzig zögerte beim Eingang. «Ich war schon lange nicht mehr hier. Normalerweise macht das Rolf.»
Der Holzboden knarrte, als ein Mann um die vierzig den Besuchern entgegenkam. Er wischte seine Finger an einem verschmierten Lappen ab. «Kann ich Ihnen helfen?»
Herzig stellte sich vor.
«Polizei? Habt ihr schon wieder Nachschub?» Der Mann reichte ihnen eine schmutzige Hand. «Albert Schneiter. Nennen Sie mich Albi.» Sein Lächeln entblösste eine Zahnlücke. «Wo ist Rolf Zehnder?»
«Er hat heute Spätdienst. Das ist eine Kollegin aus Bülach», stellte Herzig Vera vor. «Ihr Velo wurde euch am Freitagabend aus Versehen mitgegeben.»
Albi kniff die Augen zusammen. «Wir nehmen nur die Velos mit, die für uns bereit stehen!»
Als Herzig mit den Schultern zuckte, sagte Vera rasch: «Der Fehler liegt bei der Polizei, Herr Schneiter.»
«Albi. Sie können ruhig Albi sagen.»
«Albi. Es ist ein Mountain Bike der Marke Shimano Acera. Silbrig.»
Albi stiess einen Pfiff aus. «Ich hätte es wissen müssen. Alu-Rahmen, 19 Zoll? 24-Gang? Mit verstellbarer Federgabel?» Als Vera nickte, winkte er sie in die Werkstatt. Herzig trottete hinterher.
«Jim Knopf, du hast ausgeträumt», sagte Albi zu einem dunkelhäutigen Jugendlichen. «Setz das Bike wieder zusammen und nimm es vom Ständer.»
Vera erkannte ihr Fahrrad sofort, auch ohne Rad, Sattel und Lenker.
«Jimmy hat schon gehofft, das Bike würde da bleiben. In Afrika mögen sie Mountain Bikes nicht besonders, die vielen Gänge machen sie anfällig für Reparaturen. Aber unser Jimmy hier ist durch und durch Schweizer. Ihm hätte es gefallen.» Er boxte den Jugendlichen in den Oberarm.
Vera untersuchte ihr Fahrrad. «Geht alles noch?», fragte sie Jimmy.
Bevor er antworten konnte, sagte Albi: «Die Federgabel war beschädigt und ein Rad fehlte. Aber jetzt ist es so gut wie neu. Das geht aufs Haus!»
«Das ist nicht nötig, ich ...»
«Ich bestehe darauf!»
«Vielen Dank. Warum haben Sie die Teile abmontiert?»
«Die Velos werden in Containern verschifft», sagte Albi. «Wir nehmen sie auseinander, und in Afrika werden sie dann wieder zusammengesetzt. Bo, hol die Pedale!»
Ein schmaler Mann mit tief liegenden Augen verschwand in einem Hinterraum und kehrte mit zwei Pedalen zurück. Er reichte sie Jimmy.
«Hilf ihm kurz», sagte Albi. «Die Dame braucht ihr Velo.»
Während ihr Fahrrad zusammengesetzt wurde, führte Albi Vera und Herzig in den Werkstattladen und zeigte ihnen die Verkaufsgegenstände. «Diese Kerzenständer sind aus Felgen und diese Uhr hier aus Zahnkränzen.» Albi straffte seine Schultern stolz, so dass sein Bierbauch weit nach vorne ragte.
«Leiten Sie die Werkstatt?», fragte Vera.
«Nein, ich arbeite seit drei Monaten beim TG job. Marcel Anderegg ist hier Chef, aber er ist diese Woche nicht da. Schauen Sie, diese Kleiderbügel sind aus alten Felgen.»
Aus Höflichkeit betrachtete Vera die Artikel, doch bald täuschte sie ihr Interesse nicht mehr vor. Ihrem Freund Martin würde das Industrie-Design gefallen, dachte sie. Sie nahm einen Spot aus einer alten Velolampe in die Hand und schlenderte damit zu einem Regal mit Taschen.
«Die Taschen werden von den Frauen gemacht», erklärte Albi. «Drüben im Nähatelier.»
Als Jimmy ihnen zurief, das Bike sei fertig, hatte Vera fast zweihundert Franken ausgegeben. Sie packte alles in die neue Tasche und setzte sich auf ihr Fahrrad.
Die Septembersonne schien, als hätte sie vergessen, dass der Herbst vor der Tür stand. Vera beschloss, mit dem Fahrrad nach Frauenfeld zu radeln und erst dort den Zug zu nehmen. Die Bewegung würde ihr gut tun, ausserdem konnte es nicht schaden, einige Kalorien zu verbrennen. Nächste Woche stand ihr ein Spätdienst bevor, da musste sie wieder ihre Uniform tragen. Die Hose war in den vergangenen Monaten immer enger geworden.

 
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