Schwerpunkt

Weltrekord mit provinziellem Flair

Die Münchner Velocity-Konferenz endete mit einem neuen Teilnehmerrekord. Aus der ganzen Welt waren die Delegierten angereist, um das Neuste auf dem Gebiet der Veloförderung zu erfahren. München bot dafür als Velostadt und Wirtschaftsmetropole einen idealen Rahmen. Pete Mijnssen

Kurz nach dem medienträchtigen G-8-Gipfel in Heiligendamm beherbergte München den Velocity-Kongress zur nachhaltigen Mobilität. Dieser fand trotz internationaler Gäste vor allem lokal Beachtung. Im Kultur- und Kongresszentrum Gasteig tauschten sich 958 TeilnehmerInnen aus 51 Ländern über den neusten Stand der Veloförderung aus. Aus ganz Europa, aber auch aus Russland, den USA, Australien und Uganda reisten Delegationen an. Unter dem Motto «From vision to reality» brachte die European Cycling Federation (ECF) neben internationalen Radexperten auch eine Reihe von europäischen PolitikerInnen nach München.

Kopenhagen will 50 Prozent Veloanteil
Etwa den deutschen Transportminister Wolfgang Tiefensee, aber auch Kopenhagens Bürgermeister Klaus Bodams und den «gastgebenden» Münchner Oberbürgermeister Christian Ude. Beide Stadtpräsidenten sind überzeugte Velofahrer. Sie gingen mit Spitzenbeamten aus Paris und London darin einig, dass die Veloförderung die effizienteste Massnahme zur Lösung der globalen Verkehrs- und Klimaprobleme ist. Mehr noch: Die Veloförderer der grossen Städte lieferten sich einen veritablen Wettbewerb: Kopenhagen will bis 2015 50 Prozent Veloanteil, London dank dem Velo die CO2-Belastung um 60 Prozent senken. Dies vor dem Hintergrund der Prognose, wonach die Zahl der Autos in Europa bis 2020 um 70 Millionen steigen wird – bei einer gleichzeitig erwarteten Renaissance der Städte beziehungsweise der Innenstädte.
Wie schnell und erfolgreich Veloförderung umgesetzt werden kann, zeigte das Beispiel der Tschechischen Republik. Radka Pliskova vom Zentrum für Mobilitätsforschung zeigte auf, wie das junge EU-Mitglied das Velo seit 2004 als gleichberechtigtes Verkehrsmittel fördert. Hier kann das Land bereits Erfolge vorweisen. Auch im Gesundheitsbereich wird das Velo immer wichtiger (vgl. Interview). Experten sprachen von 600000 Toten, die sie in Europa dem Bewegungsmangel zuschreiben. Für Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit in Köln ist es unabdingbar, dass es mehr Lust an der Bewegung braucht. Allein der erhobene Zeigefinger nütze erwiesenermassen nichts. In seinen Untersuchungen stellte er fest, dass ein grosser Teil seiner Patienten und Probanden wegen unbequemer Sättel nicht aufs Velo steige. Das Potenzial der Umsteigewilligen auszuschöpfen, sei also relativ simpel.

Das «Lustprinzip» gilt
Wie wichtig die sonst eher trockenen PlanerInnen das Lustprinzip inzwischen einstufen, zeigte eine Performance zum Thema «Radlust», aufgeführt von Heiner Monheim und einer Gruppe seiner StudentInnen aus Trier. Der Inhalt: Fürs Velo soll  so geworben werden, wie sonst fürs Auto. Die Umsetzung: Heiner Monheim spielt selbstironisch den jammernden, alternden 68er, seine junge Truppe präsentierte ihr frisches und überzeugendes Marketingkonzept. Wenn dies die neue Generation der Radlobbyisten ist, dürfen sich die älteren Semester ruhig zurücklehnen und dem spät entdeckten Hedonismus frönen.
Die im Verlauf der Tagung aufgekommene Euphorie steckte auch ECF-Präsident Manfred Neun an: Er prognostizierte, dass der Veloverkehr in den nächsten Jahren weltweit um 50 Prozent zunehmen werde, mit entsprechenden Fördermassnahmen hält er aber auch eine Verdoppelung für möglich. Als wären das der Vorschusslorbeeren zu viel gewesen, fiel danach das Abschlussplenum enttäuschend aus. So kam in einem gespannt erwarteten Referat eines BMW-Firmensprechers das Wort «Fahrrad» kaum vor. Ein griffiges Konferenz-Schlussdokument lag bis zum Redaktionsschluss ebenfalls nicht vor. Die Abschlussmedienkonferenz entpuppte sich als Stelldichein örtlicher JournalistInnen. Schade für die verpasste Chance. So erhalten die Schlussworte Neuns noch eine andere Bedeutung: «We know what we have to do!» Es bleibt bei aller Euphorie auf allen Ebenen noch genug zu tun.

www.ecf.com
www.adfc.de/4423_1
www.radlust.info

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