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1| Gedopte und gefallene Helden ik. Pünktlich zur Radrennsaison 2007 ist im Zürcher Limmatverlag das von der Lausanner Autorin Anne Cuneo bereits 2004 veröffentlichte Buch «Hôtel des coeurs brisés» auf Deutsch erschienen. Der deutsche Titel «Hotel Herzschlag» mag auf eine niedliche Sommergeschichte aus dem Wanderfahrrad-Milieu hindeuten, doch das Buch ist etwas ganz anderes: ein Kriminalroman von höchster Brisanz. Während des Trainings für das Rennen Lüttich–Bastogne–Lüttich wird der junge Westschweizer Fahrer Damien Savary von seinem Mannschaftskollegen und Jugendfreund tot in seinem Hotelbett aufgefunden. Die Diagnose der Ärzte bescheinigt einen nicht erkannten Herzfehler. Savary galt als die grosse Hoffnung des Schweizer Radsports, gerade auch, weil er ein erklärter Gegner von Doping war. Die Ärzte fanden denn auch keine Dopingspuren, weder in seinem Blut noch im Urin. Die Eltern – im Glauben an die Gesundheit ihres Sohnes – engagieren die Privatermittlerin Marie Machiavelli, um Licht in die dunklen Winkel des Radsports zu bringen. Die umtriebige Detektivin fördert in der Folge viel Dunkles zu Tage. Man spürt: Die Autorin Anne Cuneo hat im Milieu des Radsports viel recherchiert. Sie hat für diesen, ihren dritten Marie-Machiavelli-Roman, mit Fahrern, Ärzten und Kennern der Szene gesprochen und ist während einer Tour-de-Suisse im Wagentross mitgefahren, um die Atmosphäre eines Radrennens hautnah einzufangen. So ist das Buch nicht nur ein Krimi, sondern auch eine Dokumentation über Doping, Medikamenten- und Sportlermissbrauch. Wie nahe Anne Cuneo an der Wirklichkeit dran bleibt, beweisen die laufend neuen Doping-Enthüllungen. Ein spannendes Buch für Fahrrad- und Sportfreunde, das uns auch lehrt, dass wir sportliche Sieges- oder Verlierermeldungen differenzierter wahrnehmen müssen. Anne Cuneo: «Hotel Herzschlag». Aus dem Französischen von Erich Liebi. Limmatverlag, Zürich, 2007. 368 Seiten, gebunden, Fr. 39.– |
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2| Serpentinen-Libido db. Endlich, endlich hat es auch das Velofahren in den philosophischen Olymp geschafft. Es war höchste Zeit für ein solches Buch, denn dass Velofahren nicht bloss Sport ist, sondern Weltanschauung und Welterfahrung, wissen wir längst. Michael Klonovsky legt ein überaus facettenreiches Vademecum vor. Der Autor ist philosophisch bewandert, kommt aber nur selten mit einer akademischen Sprache daher. Er schreibt sinnlich, witzig und geizt auch nicht mit Selbstironie. Oft kann der Leser lachen, sich mit dem Autor aufregen oder dann wieder merken, dass es auch ganz andere Meinungen gibt. Nie aber lässt uns dieses Buch gleichgültig. Wenn Klonovsky über die «Serpentinen-Libido» schreibt, klingt das nach Lyrik von Verliebten: «Serpentinenstrassen sind so schön, wie sie sich durch die Berglandschaft schlängeln. Anmutig weisen sie den Weg nach oben. Folge mir, spricht die Serpentine, denn dazu bin ich da.» Solche Passagen fahren mitten ins Radlerherz – und so geht es über Seiten im Buch. Der Autor redet einer Verrücktheit das Wort, die es braucht, um in den umfassendsten Radlergenuss zu kommen, und er verspottet die Zielstrebigkeit des einfältigen Athletentums, das sich sklavisch Trainingsplänen und Diäten unterwirft. Die Lust soll überall sein: Man fährt anständig Velo, «um sich danach hemmungsfrei den Bauch vollzuschlagen und einen anständigen Rausch draufzusetzen». Der Autor kann aber auch irritieren, etwa wenn er die Hahnenkämpfe beschreibt, die sich einsam radelnde Gümmeler unterwegs liefern. Oder wenn er sich mit der Frage beschäftigt, ob man sich einfach in den Windschatten eines oder einer Fremden hängen darf. Klonovsky findet, das dürfe man nicht, dabei gibt es doch nichts Lustigeres, als mit Zufallsbekanntschaften unterwegs zu sein, zu spielen, sich in der Führungsarbeit abzulösen, zu schwatzen und anschliessend gemeinsam ein Bier zu trinken. Michael Klonovsky: «Radfahren». Reihe: Kleine Philosophie der Passionen, dtv, 2007, 129 Seiten, Fr. 17.60 |
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3| Manager auf dem Velo db. Mitleiderregend sieht er aus auf dem Buchumschlag: Jürg Gehrig, der über seine Teilnahme an der Tour de Suisse 2003 schreibt respektive seinen Ghostwriter Thomas Kaiser schreiben lässt. Der Ansatz ist durchaus spannend: Ein Manager beschliesst «im besten Herzinfarktalter», sich einen Traum zu erfüllen und mit einer eigenen Equipe dem Tourtross vorauszufahren. So will er ausloten, wozu er fähig ist und dabei über sich selber hinauswachsen. Gehrig will die Schwerkraft des Alltags aufheben, um die Nähe von Lust und Schmerz am eigenen Leib zu erfahren. Es gibt hundert gute Gründe, eine solche Verrücktheit zu unternehmen – jeder Radler versteht das. Da wäre Stoff genug für die Schilderung eines grossen menschlichen Abenteuers, wenn man bloss auf sich selber hören würde. Doch genau dazu kommt der Mann gar nicht, denn als offensichtlich unersetzbarer Manager führt er selbst noch während und nach den schweren Bergetappen Geschäftstelefone. Gehrig ist Manager einer Firma, die Klobrillen und -deckel herstellt, und er benützt die Gelegenheit, mit seiner kleinen Karawane für seine Produkte zu werben. Sechs Autos mit dem Firmenlogo begleiten den Helden. So gerät die Tour fast zur Nebenerscheinung, und das merkt man auch dem unsorgfältig redigierten Text an. Da schreibt er den Namen des ehemaligen Radsport-Idols Tony Rominger manchmal mit y, manchmal mit i, da mutiert Fabian Cancellara zum Italiener und die Region des Oberhalbstein wird zum Oberalpstein. Kommt hinzu, dass Gehrig den Leser mit der Entwicklungsgeschichte des Velos langweilt. So liest man in diesem Buch über die Freuden und Qualen einer solchen Tour kaum etwas, erfährt darin – wenngleich eher ungewollt – einiges über Managerreisen per Flugzeug und im Auto. Dabei möchte man doch miterleben, wie er auf seinem Velo hockt und leidet. Am Schluss zieht der Autor folgende Bilanz: «Ich bin eigentlich nur mir selber nachgefahren, meinem erträumten Ich von damals.» Ob er sich selber eingeholt hat, bleibt nach der Lektüre offen. Jürg Gehrig: «Traumkampftage. Mit 50 Jahren an die Tour de Suisse». Orell Füssli, Zürich, 2007, 67 Seiten, Fr. 29.80 |
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4| Vorwärtskommen – mal anders pmh. Achtung, hier wirds lokalpatriotisch! Die Rede ist von einem schreibenden und selbst Velo fahrenden Tramführer, der seine Beobachtungen in Form von Kolumen für die Gratiszeitung «20 Minuten» schreibt. Lokalpatriotisch ist der Band, weil hier ein Basler in Zürich unterwegs ist. Und doch können Basler und Bernerinnen die Geschichten gut nachvollziehen, denn auch in diesen Städten kämpfen die Verkehrsbetriebe gegen den eigenen «Kantönligeist». Fast jede Schweizer Stadt lässt sich eigene Trams bauen, und alle kämpfen dann gegen ähnliche Mängel. Autor Thomas Schenk schreibt seine Tramgeschichten vom «poetischen Hochsitz aus», wie Peter Weber im Vorwort schreibt. Seine feine, ironische, immer aber liebenswürdige Schreibe machen es einem leicht. Für Nicht-ZürcherInnen sind die gesammelten Kolumnen deshalb interessant, weil sie viele Hintergründe über die Verehrung der Limmatstädter ihrem liebsten Massenverkehrsmittel gegenüber vermitteln. Selbst als eingefleischter Velofahrer, der das langsame Tram normalerweise meidet, versteht man am Ende warum: Im nüchternen Züritram werden Geschichten geschrieben. Velo Fahrenden sei das Buch empfohlen, weil dieser selbst Velo fahrende Tramchauffeur das Verkehrsgeschehen aus einer anderen Perspektive beschreibt. Man merkt: Er kennt die Strassen nicht nur aus der Sicht des Hochsitzes, sondern auch aus der anstrengenderen Perspektive im Windschatten des Velokuriers. Nicht zuletzt sei das Buch den Nachbarn aus Deutschland empfohlen, die zurzeit die Limmatstadt stürmen – als verkehrspolitischer Intergrationskurs. Thomas Schenk: «Im Tram – Anleitung zum Vorwärtskommen». Limmat Verlag, Zürich, 2007, Fr. 24.50 |