
Am Anfang steht der Gotthard. Halt, nein, ich muss in Andermatt
beginnen. Denn auf den allerersten Kilometern führt die
«Gottardo»-Bikeroute die Ebene entlang, wo jetzt noch nichts, in zwei
Jahren Dutzende von Kränen und noch etwas später Sawiris Hotelresort
stehen wird. Entlang dieser Ebene fahren wir uns ein, bevor wir uns auf
Wegen unterschiedlicher Qualität und stets mit dem Rauschen der Autos
im Ohr zum Gotthardpass hinaufmühen (oder uns dies auch schenken und
ins Postauto steigen). Unterwegs steht das Gotthardmuseum, und auch vor
dem massigen Steinbau findet Kultur statt, zum Beispiel am Wurststand
beim Parkplatz. Ich kenne keinen andern Wurststand, dessen Grill wie
hier nur mit Holz befeuert wird. Für die Leistung des Grillmeisters,
der je nach Windrichtung (und Wind gibt es hier immer) selbst
geräuchert wird, und die peppige Musik zahle ich gerne die Fünffünfzig.
Der eigentliche «Gottardo»-Biketrail beginnt auf der Passhöhe. Tapfer
missachten wir das zweimalig angemahnte allgemeine Fahrverbot. Als
Biker dürfen wir das auch und kurven auf einer tadellos
instandgehaltenen Militärstrasse dorthin, wo der Tiefblick in die
Leventina und der Weitblick ins Val Bedretto schwindelerregend sind –
so schwindelerregend wie das Strässchen selbst, das nicht etwa mit
Leitplanken, sondern mit grobmaschigen Lawinenverbauungen gesichert
ist. Wie von einem Adlerhorst stürzt der Blick hinunter nach Airolo.
Hier wird augenfällig, wie viel Platz der Strassenverkehr benötigt –
ganz im Gegensatz zur Bahn.
Nach der Abfahrt hinauf zum Ritomsee
Auch mit dem Bike bewegen wir uns auf der «Gottardo»-Bikeroute immer
wieder auf Strassen, doch eigentlich reicht uns ein kleiner Weg, ein
Stein- und Wurzelpfad wie anschliessend an die Panoramapartie hinunter
ins Val Canaria. Die Autos müssen da zurückbleiben und die Bike-Bremsen
laufen heiss, das Canariatal hinunter bis nach Airolo. Spätestens beim
Gegenanstieg in elend langen Kehren hinauf zum Ritomsee wünschte man
sich jedoch, dass man beim Bike, wie bei einem Hybridauto, die
Bremsenergie von vorhin als Schubhilfe einsetzen könnte. Das
funktioniert zwar nicht, aber es gibt eine andere Rettung: Die
Ritom-Standseilbahn: 87,8 Prozent Steigung erreicht das Trassee. Ein
Muss also für alle Technikfreaks, mindestens ab der Mittelstation
mitzufahren, auch wenn sie sich dadurch vierhundert Trainingshöhenmeter
durch die Lappen gehen lassen. Das ist ganz gut so. Denn trotz
Sandstrand ist das Baden hier verboten! Der Ausfluss des Ritomsees ist
unterirdisch, und der entstehende Sog stärker als die menschliche
Muskelkraft. Da würde auch das kräftige Strampeln von ordentlich
austrainierten Bikerbeinen nichts mehr nützen …
Rund vierzig Kilometer sind es von Andermatt bis zur Cadagno-Hütte, die
unweit des Ritomsees am Eingang des Val Piora steht. Ein idealer Platz
für eine Übernachtung: Es lockt zuerst das abendliche Bad im Lago
Cadagno, danach das Berghüttenfeeling. Hier im Hochtal herrscht Stille,
während sich einige hundert Meter tiefer im Berg drin monströse
Tunnelbohrmaschinen der künftigen Gotthard-Basis-Bahnlinie durch den
mürben Piorafels fressen. Am nächsten Morgen folgt dann der langsame
Aufstieg durch die karge Landschaft bis zum Passo dell’ Uomo. Dort
lehnen wir das Bike an den mächtigen Steinmann auf dem Pass und blicken
südwärts auf die Pioramulde, während uns im Norden aus der Ferne ein
Hochspannungsmast entgegenblitzt. Er steht wie auf Stelzen im
Lukmanierstausee.
«Lucus magnus» – grosser Wald
Bald stehen wir an diesem Stausee, bald auf dem Lukmanierpass, bald
beim Campo Solaria oberhalb des Valle Santa Maria, wo eine steile
Abfahrtspartie Sorgfalt und Geschick erfordert. Allein dieses obere
Valle Santa Maria ist schon eine Reise wert. Einst war hier ein «Lucus
magnus» (daher der Name Lukmanier), ein grosser Wald. Seit über 800
Jahren wirkt hier aber die gestaltende Kraft der Menschen, respektive
des Viehs, das zur Sömmerung auf die malerische Hochebene getrieben
wird. 220 Milchkühe weiden auf dieser grössten Tessiner Alp, Jahr für
Jahr werden über 200000 Liter Milch produziert und verarbeitet. Wo der
«Lucus magnus» erhalten geblieben ist, wird er rigoros geschützt.
Sieben naturkundliche Wanderwege durchziehen das Gebiet, und
mittendrin, in Acquacalda, steht das Ökohotel «Centro Uomonatura» der
Stiftung Pro Natura – ein stimmiger Ort zum Übernachten.
Die Piste windet sich nun als fantasie- und reizvolle Alternative zur
Hauptstrasse hinunter nach Olivone, dem Hauptort des Bleniotals. Im
örtlichen Tourismusbüro finden wir Bücher über die Region, die nicht in
den Regalen Deutschschweizer Buchhändler stehen. Dank solcher
Informationen schauen wir bei der Weiterfahrt genauer hin. Zwischen
Dangio und Torre stehen zum Beispiel majestätische Gemäuer: «Fabbrica
di cioccolato Cima Norma» ist noch zu lesen. Und einige Kilometer
weiter, in Lottigna, wird in der ehemaligen Landvogtei die Geschichte
der Schokoladenherstellung im Bleniotal aufgerollt. Eine Liste mit über
vierhundert Namen erinnert an Bewohner des Val Blenio, die im Ausland
ihr Glück als Cioccolatieri versuchten. Nur das Geschäft mit den
Kastanien trieb noch mehr Leute aus dem Tal – einer Region, die bis
1798 unter der Herrschaft der Urkantone stand. Dies, obwohl der erste
befahrbare Weg über den Lukmanier erst 1880 gebaut worden war. Heute
gleicht die Passstrasse streckenweise einer Autobahn.
Beim Ausrollen vor Biasca grüsst die Gegenwart wieder. Die Berge von
Ausbruchmaterial aus dem Gotthard-Basistunnel erinnern uns an den
Gigantismus heutiger Bauprojekte. Als Biker sind wir froh, weder die
Welt noch die Erdmassen, sondern bloss uns selbst bewegen müssen.