Reisen

Leisetreten im Pässeland

Die Bikeroute von Andermatt über den Gotthard- und den Lukmanierpass nach Biasca ist ein Streifzug durch eine natürliche und kulturhistorische Schatzkammer. Grund genug, nicht einfach durchzupedalen, sondern ab und zu auch innezuhalten. David Coulin (Text), Werner Morelli (Fotos)

Am Anfang steht der Gotthard. Halt, nein, ich muss in Andermatt beginnen. Denn auf den allerersten Kilometern führt die «Gottardo»-Bikeroute die Ebene entlang, wo jetzt noch nichts, in zwei Jahren Dutzende von Kränen und noch etwas später Sawiris Hotelresort stehen wird. Entlang dieser Ebene fahren wir uns ein, bevor wir uns auf Wegen unterschiedlicher Qualität und stets mit dem Rauschen der Autos im Ohr zum Gotthardpass hinaufmühen (oder uns dies auch schenken und ins Postauto steigen). Unterwegs steht das Gotthardmuseum, und auch vor dem massigen Steinbau findet Kultur statt, zum Beispiel am Wurststand beim Parkplatz. Ich kenne keinen andern Wurststand, dessen Grill wie hier nur mit Holz befeuert wird. Für die Leistung des Grillmeisters, der je nach Windrichtung (und Wind gibt es hier immer) selbst geräuchert wird, und die peppige Musik zahle ich gerne die Fünffünfzig.
Der eigentliche «Gottardo»-Biketrail beginnt auf der Passhöhe. Tapfer missachten wir das zweimalig angemahnte allgemeine Fahrverbot. Als Biker dürfen wir das auch und kurven auf einer tadellos instandgehaltenen Militärstrasse dorthin, wo der Tiefblick in die Leventina und der Weitblick ins Val Bedretto schwindelerregend sind – so schwindelerregend wie das Strässchen selbst, das nicht etwa mit Leitplanken, sondern mit grobmaschigen Lawinenverbauungen gesichert ist. Wie von einem Adlerhorst stürzt der Blick hinunter nach Airolo. Hier wird augenfällig, wie viel Platz der Strassenverkehr benötigt – ganz im Gegensatz zur Bahn.

Nach der Abfahrt hinauf zum Ritomsee
Auch mit dem Bike bewegen wir uns auf der «Gottardo»-Bikeroute immer wieder auf Strassen, doch eigentlich reicht uns ein kleiner Weg, ein Stein- und Wurzelpfad wie anschliessend an die Panoramapartie hinunter ins Val Canaria. Die Autos müssen da zurückbleiben und die Bike-Bremsen laufen heiss, das Canariatal hinunter bis nach Airolo. Spätestens beim Gegenanstieg in elend langen Kehren hinauf zum Ritomsee wünschte man sich jedoch, dass man beim Bike, wie bei einem Hybridauto, die Bremsenergie von vorhin als Schubhilfe einsetzen könnte. Das funktioniert zwar nicht, aber es gibt eine andere Rettung: Die Ritom-Standseilbahn: 87,8 Prozent Steigung erreicht das Trassee. Ein Muss also für alle Technikfreaks, mindestens ab der Mittelstation mitzufahren, auch wenn sie sich dadurch vierhundert Trainingshöhenmeter durch die Lappen gehen lassen. Das ist ganz gut so. Denn trotz Sandstrand ist das Baden hier verboten! Der Ausfluss des Ritomsees ist unterirdisch, und der entstehende Sog stärker als die menschliche Muskelkraft. Da würde auch das kräftige Strampeln von ordentlich aus­­­­­­­­­­­­trainierten Bikerbeinen nichts mehr nützen …
Rund vierzig Kilometer sind es von Andermatt bis zur Cadagno-Hütte, die unweit des Ritomsees am Eingang des Val Piora steht. Ein idealer Platz für eine Übernachtung: Es lockt zuerst das abendliche Bad im Lago Cadagno, danach das Berghüttenfeeling. Hier im Hochtal herrscht Stille, während sich einige hundert Meter tiefer im Berg drin monströse Tunnelbohrmaschinen der künftigen Gotthard-Basis-Bahnlinie durch den mürben Piorafels fressen. Am nächsten Morgen folgt dann der langsame Aufstieg durch die karge Landschaft bis zum Passo dell’ Uomo. Dort lehnen wir das Bike an den mächtigen Steinmann auf dem Pass und blicken südwärts auf die Pioramulde, während uns im Norden aus der Ferne ein Hochspannungsmast entgegenblitzt. Er steht wie auf Stelzen im Lukmanierstausee.

«Lucus magnus» – grosser Wald
Bald stehen wir an diesem Stausee, bald auf dem Lukmanierpass, bald beim Campo Solaria oberhalb des Valle Santa Maria, wo eine steile Abfahrtspartie Sorgfalt und Geschick erfordert. Allein dieses obere Valle Santa Maria ist schon eine Reise wert. Einst war hier ein «Lucus magnus» (daher der Name Lukmanier), ein grosser Wald. Seit über 800 Jahren wirkt hier aber die gestaltende Kraft der Menschen, respektive des Viehs, das zur Sömmerung auf die malerische Hoch­ebene getrieben wird. 220 Milchkühe weiden auf dieser grössten Tessiner Alp, Jahr für Jahr werden über 200000 Liter Milch produziert und verarbeitet. Wo der «Lucus magnus» erhalten geblieben ist, wird er rigoros geschützt. Sieben naturkundliche Wanderwege durchziehen das Gebiet, und mittendrin, in Acquacalda, steht das Ökohotel «Centro Uomonatura» der Stiftung Pro Natura – ein stimmiger Ort zum Übernachten.
Die Piste windet sich nun als fantasie- und reizvolle Alternative zur Hauptstrasse hinunter nach Olivone, dem Hauptort des Bleniotals. Im örtlichen Tourismusbüro finden wir Bücher über die Region, die nicht in den Regalen Deutschschweizer Buchhändler stehen. Dank solcher Informationen schauen wir bei der Weiterfahrt genauer hin. Zwischen Dangio und Torre stehen zum Beispiel majestätische Gemäuer: «Fabbrica di cioccolato Cima Norma» ist noch zu lesen. Und einige Kilometer weiter, in Lottigna, wird in der ehemaligen Landvogtei die Geschichte der Schokoladenherstellung im Bleniotal aufgerollt. Eine Liste mit über vierhundert Namen erinnert an Bewohner des Val Blenio, die im Ausland ihr Glück als Cioccolatieri versuchten. Nur das Geschäft mit den Kastanien trieb noch mehr Leute aus dem Tal – einer Region, die bis 1798 unter der Herrschaft der Urkantone stand. Dies, obwohl der erste befahrbare Weg über den Lukmanier erst 1880 gebaut worden war. Heute gleicht die Passstrasse streckenweise einer Autobahn.
Beim Ausrollen vor Biasca grüsst die Gegenwart wieder. Die Berge von Ausbruchmaterial aus dem Gotthard-Basistunnel erinnern uns an den Gigantismus heutiger Bauprojekte. Als Biker sind wir froh, weder die Welt noch die Erdmassen, sondern bloss uns selbst bewegen müssen.

Das Wichtigste in Kürze

Ausgangspunkt Andermatt: Mit MGB ab Göschenen. Hotels und Pensionen. www.andermatt.ch
Postautokurse bis Gotthardpass: Fahrplanfeld 600.50
Zielpunkt Biasca: Mit SBB (Gotthardlinie, aber Achtung: nicht alle Züge halten in Biasca). Hotels und Pensionen. www.biascaturismo.ch
Route: Andermatt – Hospental – Gotthardpass – Passo Scimfuss – Piano di Pontino – Madrano – Piora – Cadagno – Passo dell' Uomo – Passo del Lucomagno – Alpe Casaccia – Campo Solario – Piano – Camperio – Olivone – Pinadee – Aquila – Dangio – Acquarossa – Malvaglia – Biasca.
Höhendifferenz: ca. 1900 m Aufstieg, ca. 3000 m Abfahrt
Streckenlänge: Andermatt–Biasca: 93 km, Zeit ca. 7–8 Std. Für die Strecke Madrano–Piora kann auch auf die Standseilbahn Ritom ausgewichen werden. Die Bahn fährt ab Piotta bis Piora. Achtung: vorher telefonieren Tel. 091 868 31 51 (Biketransport)
Fahrplan: www.ritom.ch , E-Mail Turn on JavaScript!
Empfohlene Übernachtungsmöglichkeiten unterwegs:
San Gottardo: Albergo San Gottardo, Tel. 091 869 12 35, www.gotthard-hospiz.ch ; Airolo: Albergo Motta, Tel. 091 869 22 11, www.bbmotta.ch ; Val Piora/Ritom: Ristorante Lago Ritom, Tel. 091 868 14 24, www.lagoritom.com , weitere Infos www.leventinaturismo.ch ; Olivone: Albergo Arcobaleno, Tel. 091 872 13 62, www.albergo-arcobaleno.ch ; Albergo Olivone & Posta, Tel. 091 872 13 66, weitere Infos www.blenio.com ; Biasca: Info unter www.biascaturismo.ch

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