Film
Fahrt durch die Hölle
Bevor Kevin Costner auf der Kinoleinwand mit dem Wolf tanzte, war er auch in einer Rolle als Radrennfahrer zu sehen. Im Sportdrama «Die Sieger»/«American Flyers» bestreitet er das strapaziöse Etappenrennen «Hell of the West». Bruno Angeli
Der Radrennfahrer befindet sich auf einer rasanten Abfahrt. Er blutet
aus einem Ohr und der Nase und verliert die Orientierung. Benommen
fährt er in Schlangenlinien von einer Strassenseite zur anderen, stürzt
beinahe in die Schlucht. Ein haarsträubender Rettungsversuch wird
gestartet: Sein Betreuerteam versucht ihn vom Teambus heraus in das
Fahrzeug zu ziehen und die rasante Talfahrt zu stoppen. Dramatik pur,
aber an den Haaren herbeigezogen. Der Rennfahrer kommt uns freilich
bekannt vor. Es ist Kevin Costner, der im Film «Die Sieger», im
Original «American Flyers», den Rennfahrer und Arzt Marcus Sommers
verkörpert.
Drehbuch von einem Preisträger
Die Vorlage für diesen Rennfahrerfilm lieferte Steve Tesich. Von ihm
konnte man einiges erwarten, schrieb er doch auch die Drehbücher zu
«Garp und wie er die Welt sah» und «Breaking away», der 1980 mit einem
Oscar ausgezeichnet wurde. Dabei handelt es sich um einen ebenfalls im
Radsport angesiedelten Film. (Wir werden ihn in einer späteren
velojournal-Ausgabe vorstellen). Tesich ist einem breiten Publikum auch
als Romanautor bekannt. In «Ein letzter Sommer» schildert er die
Komplexität des Erwachsenwerdens, und in «Abspann» schlägt sich der
Protagonist mit der Filmindustrie herum. Beide Werke überzeugten die
Kritik. Ein guter Autor ist die beste Voraussetzung für einen
gelungenen Film. Doch «Die Sieger» wurde kein Meisterwerk, zumal bei
der Umsetzung vom geschriebenen Wort in bewegte Bilder nicht alles
gelang.
Erzählt wird, wie Marcus Sommers, der als Arzt in einem Sportcenter in
Medison arbeitet und in seiner Sportlerkarriere als Radrennfahrer
bereits schöne Erfolge feiern durfte, seinen talentierten Bruder David
(David Marshall Grant) verschiedenen medizinischen Untersuchungen
unterzieht. Er verschweigt dabei deren wahren Grund. Ihr gemeinsamer
Vater verstarb an einem Gehirntumor, und Marcus will sich versichern,
ob zumindest sein geliebter Bruder von diesem Schicksal verschont
geblieben ist. Er selbst ist unheilbar daran erkrankt, doch er erzählt
David davon zunächst nichts. Die verbliebene Familie ist zerstritten.
David macht seiner Mutter (gespielt von Janice Rule) schwere Vorwürfe.
Sie sei ihrem Mann, seinem Vater, in den letzten Lebenswochen nicht
beigestanden. Die seelischen Wunden sind tief. Um die Familie wieder zu
kitten, überredet Marcus seinen jüngeren Bruders, mit ihm zusammen die
Radrundfahrt Hell of the West zu bestreiten.
Coors international Classic als Vorbild
Als Filmkulisse diente die grandiose Landschaft Colorados. Einige
Szenen wurden anlässlich des damals real existierenden Coors
international Bicycle Classic gedreht. Dieses Etappenrennen, das von
1979 bis 1988 ausgetragen wurde, diente vielen US-Radsportlern als
Sprungbrett zu einer erfolgreichen Karriere. John Wilcockson von der
US-Radsportzeitschrift «VeloNews» schreibt: «… kein anderes Radrennen
in den Vereinigten Staaten hatte so grossen Einfluss. Nicht nur, was
die Talentförderung betrifft, sondern auch was die Publizität angeht.»
Unter den Siegern finden sich Namen wie Greg LeMond (1981 und 1985),
Doug Shapiro (1984) oder Bernard Hinault (1986).
Ein echter Radrennfahrer wurde im Streifen «Die Sieger» verewigt. Der
«beste Radrennfahrer aller Zeiten», der Belgier Eddy Merckx, hat hier
eine kurze Szene erhalten. Weniger gelungen sind einige Jokes, welche
die Brüder im Vorfeld des grossen Rennens machen. Diese und beinahe
alle anderen Szenen sind von den Kameraleuten zum Glück wunderbar ins
Bild gesetzt worden. Man sollte sich deshalb diesen Film nicht entgehen
lassen. Auch nicht die Szene, in der das Brüderpaar von einem rabiaten
Hund verfolgt wird. Denn «Die Sieger» gehört trotz einiger Schwächen in
die Velofilm-Sammlung. Zumal es noch keinen durchwegs gelungenen
Rennfahrerfilm gibt, der als glaubwürdig und szenenkonform gilt.
«Die Sieger»
Regie: John Badham
Drehbuch: Steve Tesich
Kamera: Don Peterman
Schauspieler:
Kevin Costner, Rae Dawn Chong, John Amos, Jennifer Grey, Janice Rule,
David Marshall Grant, Alexandra Paul, Robert Townsend, Luca Bercovici,
John Garber, James Terry, Doi Johnson
Produzent: Gareth Wigan, Paula Weinstein