Szene

Cumulus auf Rädern

Die Aktion «I like my bike» will Alltagsvelofahrende und Bewegungsmuffel auf zwanglose Weise zum sommerlichen Kilometersammeln auf dem Velo motivieren. Eine Idee mit Erfolgschancen, wie sich bei der Lancierung in Winterthur zeigte. Ivo Mijnssen

Samstagnachmittag in der Winterthurer Altstadt. Wie immer kaufen Familien ein, singen Strassenmusiker und schlängeln sich Velos durch die Menge. Etwas abseits des Rummels liegt die Steinberggasse, in der heute unter dem Slogan «Fun, Gesundheit, Sicherheit im Verkehr» die Aktion «I like my bike» beginnt. Zwischen zwei Bannern stehen die Stände der Stadtpolizei und der Winterthurer Hausärzte-Vereinigung Hawadoc. Ein schmaler, aber steter Strom von VelofahrerInnen – über 300 Männer, Frauen und Kinder im Alter zwischen 3 und 73 Jahren – schreibt sich ein, lässt sich von den verschiedenen Fachhändlern vor Ort das Velo reparieren oder testet die eigene Fitness.

Fahrspass als Motivation
Die Organisatoren haben den Tag lange vorbereitet. Vor zwei Jahren unterbreitete Gabriela Tobler ihrem Mann und Geschäftspartner Yves – die beiden organisieren Gesundheitsmessen – eine Idee: «Alle sammeln Cumulus- oder Superpunkte. Warum sollen Velofahrer ihre gefahrenen Kilometer nicht sammeln können und dafür belohnt werden?» Zusammen mit dem Kommunikationsberater Heinz Stiefel machten sie sich daran, die Idee umzusetzen. Eine niedrige Einstiegsschwelle soll sowohl Bewegungsmuffel als auch Alltagsvelofahrer dazu anregen, vielleicht einige Kilometer mehr zu fahren. Die Organisatoren investierten viel Zeit und ihr eigenes Geld und machten sich auf die nicht immer einfache Suche nach Sponsoren und Partnern. «I like my bike» kam zustande.
Teilnehmende erhalten für 25 Franken einen Velocomputer, mit dem sie drei Monate lang Kilometer sammeln. Den ganzen Sommer über werden Vorträge, Grillfeste und Geschicklichkeitswettbewerbe organisiert, um die Leute bei der Stange respektive am Lenker zu halten. Am 15. September steigt dann in der Reithalle Winterthur das grosse Schlussfest mit Preisverleihung.
«Der Wettbewerb und die Preise motivierten die Leute», sagt Heinz Stiefel. Er selbst hält den Spass am Radfahren für das Wichtigste. «Wir wollen das Ideologische auf der Seite lassen und die Leute ein bisschen verführen.» «I like my bike» sei keine Mission zur Rettung der Umwelt, man wolle sich von niemandem vereinnahmen lassen. Gabriela Tobler sieht diese Eigenständigkeit als Erfolgsrezept: «Dass der Event nicht politisch ist, gefällt den Leuten.» Logos bekannter Organisationen würden viele potenzielle Teilnehmer abschrecken.
Stiefel betont, die Aktion sei keine Konkurrenz zu etablierten Organisationen und Veranstaltungen, sondern eine Ergänzung. «Bike to Work» spreche Werktätige an, «I like my bike» richte sich stark, aber nicht ausschliesslich, an Familien. Kurt Egli von der ProVelo Winterthur kann diese Argumentation nachvollziehen. Er begrüsst den Event, der zusammen mit anderen Veranstaltungen dazu führe, dass «das Velo immer mal wieder ein Thema ist». Allerdings fragt er sich, ob «I like my bike» – gerade wegen seines Wettbewerbcharakters – wirklich Leute anspricht, die sonst nicht Velo fahren.

Wie erreicht man Bewegungsmuffel?
Die Initianten haben den Eindruck, dass sich primär Alltagsvelofahrer angemeldet haben. Der Allgemeinmediziner Rudolf Hohendahl von der Hawadoc sieht dies ähnlich: «Die Mehrheit der Leute hier nutzt das Velo bereits.» Wer sich bewege, sei auch gesund, im Gegensatz zu den Bewegungsmuffeln. Letztere seien nur schwer zu motivieren.
Bei künftigen Ausgaben von «I like my bike» – es liegen konkrete Anfragen von verschiedenen Schweizer Städten vor – müsse die Zielgruppe der Bewegungsscheuen verstärkt mobilisiert werden, sagt Stiefel. Wie das am besten gelingt, soll das Pilotprojekt zeigen. Er hofft, dass möglichst viele Leute den ganzen Sommer lang dabei bleiben und am Ende zur Auswertung kommen.
Das Publikum an diesem Samstag in der Winterthurer Steinberggasse scheint bereit dazu. Beat Meier, der mit Sohn David einen Velocomputer holt, glaubt zwar nicht, dass sich sein Verhalten grundlegend verändern wird. Aber vielleicht entdecke er noch das eine oder andere. Er werde das Winterthurer Velowegnetz diesen Sommer sicher bewusster befahren. Sohn David hat zuerst seinen Schulweg vermessen: 1,6 Kilometer. Diesen Weg will er nun den ganzen Sommer per Velo zurücklegen. Bescheidene und pragmatische Ziele eben. Die beiden aktivieren den Computer, schwingen sich in den Sattel und verschwinden in den Gassen der Velostadt Winterthur.

www.ilikemybike.ch

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