
Die Herausforderung kommt erst ganz am Schluss: Wenn Marc Heidl von der
Arbeit heimwärts radelt, hat er kurz vor der Haustür im deutschen
Grenzach bei Basel den einzigen ernst zunehmenden Hang seines
Arbeitswegs zu überwinden. Die körperliche Anstrengung am späten
Nachmittag tue ihm aber gut, denn sie helfe ihm, den Kopf zu leeren,
sagt der Labor- und Projektleiter bei Pentapharm in Aesch/BL, einem
Zulieferer der Pharma- und Kosmetikindustrie. «Zu Hause trage ich dann
nicht mehr irgendwelche Probleme aus dem Labor mit mir herum.» Auch am
frühen Morgen lohne sich die Velofahrt zur Firma. «Ich bin nachher sehr
wach und brauche keinen Kaffee mehr, um in Gang zu kommen.» Nur logisch
deshalb, legt Heidl den Arbeitsweg möglichst oft mit dem Velo zurück,
was ihm pro Tag immerhin 29 Kilometer zu strampeln gibt. Ende 2006 wies
sein Tacho für das ganze Jahr stolze 4100 Kilometer auf. Bei Kälte und
Nässe steigt der 37-Jährige allerdings ins Auto – schnelle Bus- und
Zugverbindungen über die Grenze fehlen nämlich. «Mit dem Auto brauche
ich 20, mit dem Fahrrad 40 Minuten. In öffentlichen Verkehrsmitteln
aber wäre ich über eine Stunde unterwegs.»
Heidls Begeisterung fürs Velo scheint ansteckend zu sein: 40
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Pentapharm, das am Hauptsitz in
Basel und in der Produktionsstätte in Aesch insgesamt 190 Personen
beschäftigt, nahmen an der Aktion «bike to work» diesen Juni teil. Auch
vor einem Jahr war die Firma schon dabei und investierte gleichzeitig
in Veloabstellplätze. Heidl ist nicht der Einzige, der täglich eine
happige Strecke bewältigt. Eine Kollegin überwindet auf dem Heimweg
sogar einen Aufstieg von 400 Höhenmetern. Aus Solidarität hätten die
Pentapharm-BikerInnen diesen Hügel in der Freizeit einmal zusammen
gemeistert, erzählt Heidl. «Es ist schön, etwas gemeinsam zu
unternehmen.» Teilnehmer von «bike to work» müssen sich zwar in
Viererteams anmelden, damit sie sich gegenseitig motivieren können,
sind aber im Alltag eher allein unterwegs.
Eine Französin lernt Velofahren
Auch Marie-Sophie Meyer von Pentapharm nahm an der Aktion teil. Ihr
ging es zuerst einmal darum, das Velofahren überhaupt zu erlernen. In
ihrer Heimatstadt Le Havre habe sie nie die Möglichkeit gehabt zu
radeln, erzählt die Französin, die es vor zehn Jahre in die Schweiz
verschlug. Die 7,5 Kilometer lange Strecke zwischen ihrem Wohnsitz in
Therwil und dem Firmenstandort in Aesch erwies sich als idealer
Übungsparcours – die Strecke ist fast vollständig mit Radwegen
ausgestattet. Vorbei sind nun die Zeiten, als Marie-Sophie Meyers
Occasionsvelo unbenutzt im Keller herumstand. Die Chemikerin, die bei
Pentapharm in der Kosmetiksparte arbeitet, hat inzwischen das
Gleichgewicht auf den zwei Rädern gefunden und wird an Kreuzungen nicht
mehr sofort von Panik befallen. Einziger Nachteil: Sie muss jeweils
frische Kleider einpacken. Denn in T-Shirt, Jeans und Sportschuhen
könne sie bei der Arbeit nicht herumlaufen, zumal sie sich regelmässig
mit Kunden treffe, so Meyer. «Aber ich nehme das in Kauf, weil ich
spüre, dass Velofahren gut tut.»
Mit dem Velo in der Kantine
Gut zu Rad ist man auch bei Ikea. Roland Barth, Verantwortlicher für
Sicherheit, Umwelt und Verkehr am Standort des Möbelkonzerns in
Dietlikon/ZH, liess sich bei der Werbung für «bike to work» einiges
einfallen. Er brachte sein eigenes Velo zum monatlichen Info-Meeting
für die Mitarbeitenden mit und drehte in der Kantine vor den Augen der
staunenden Kollegen eine Runde, komplett im Sporttenue. Der Coup blieb
nicht ohne Folgen: Bei Ikea Dietlikon meldeten sich sechs Viererteams
für die Aktion an. Auch vier weitere Teams des Möbelriesen am
Westschweizer Standort Aubonne machten mit. Das organisierte Velofahren
habe gut zu einer hauseigenen Kampagne gepasst, erzählt Barth. Denn im
Juni seien die Angestellten bei Ikea weltweit dazu aufgerufen worden,
an mindestens zehn Tagen ohne Auto zur Arbeit zu kommen.
Ein Grund mehr für die Schweizer Mitarbeiter, eine ausführliche
Berichterstattung über ihre Teilnahme an «bike to work» ins Intranet,
die Plattform für betriebsinterne Kommunikation, zu stellen. Barth
selbst, ein erfahrener Leichtathlet, hat dank der Aktion auch zum
Radsport gefunden. Der 52-Jährige, der bei Ikea arbeitet, seit sich das
schwedische Unternehmen in den Siebzigerjahren in der Schweiz
niedergelassen hatte, wohnt in Fislisbach bei Baden, nicht weniger als
35 Kilometer entfernt von Dietlikon. An jenem Sonntag vor der «Bike to
work»-Kampagne habe er noch eine Probefahrt gemacht, damit er sich am
Tag danach nicht verfahre, erzählt Barth schmunzelnd. Inzwischen ist
ihm die Route längst vertraut, und er hat sich vorgenommen, bis zum
Herbst weiterhin zweimal pro Woche um fünf Uhr morgens aufs Velo zu
steigen – um halb sieben ist er dann am Arbeitsplatz. Voraussetzung
sind allerdings günstige Wetterprognosen. Barth: «Ich möchte nicht 35
Kilometer lang unter der Dusche stehen.» Apropos Duschen: Diese stehen
sowohl bei Ikea als auch bei Pentapharm den Mitarbeitenden nach ihrer
morgendlichen Velotour zur Verfügung. n
www.biketowork.ch