Schwerpunkt

Auf Wachstumskurs

Wirtschaft und Umwelt profitieren, wenn das Velo für den Arbeitsweg benutzt wird. Im Juni führte die IG Velo Schweiz zum zweiten Mal die landesweite Aktion «bike to work» durch. Kristin Kranenberg (Text), Martin Bichsel (Fotos)

Die Herausforderung kommt erst ganz am Schluss: Wenn Marc Heidl von der Arbeit heimwärts radelt, hat er kurz vor der Haustür im deutschen Grenzach bei Basel den einzigen ernst ­zunehmenden Hang seines Arbeitswegs zu über­winden. Die körperliche Anstrengung am späten Nachmittag tue ihm aber gut, denn sie helfe ihm, den Kopf zu leeren, sagt der Labor- und Projektleiter bei Pentapharm in Aesch/BL, einem Zulieferer der Pharma- und Kosmetikindustrie. «Zu Hause trage ich dann nicht mehr irgendwelche Probleme aus dem Labor mit mir herum.» Auch am frühen Morgen lohne sich die Velofahrt zur Firma. «Ich bin nachher sehr wach und brauche keinen Kaffee mehr, um in Gang zu kommen.» Nur logisch deshalb, legt Heidl den Arbeitsweg möglichst oft mit dem Velo zurück, was ihm pro Tag immerhin 29 Kilometer zu strampeln gibt. Ende 2006 wies sein Tacho für das ganze Jahr stolze 4100 Kilometer auf. Bei Kälte und Nässe steigt der 37-Jährige allerdings ins Auto – schnelle Bus- und Zugverbindungen über die Grenze fehlen nämlich. «Mit dem Auto brauche ich 20, mit dem Fahrrad 40 Minuten. In öffentlichen Verkehrsmitteln aber wäre ich über eine Stunde unterwegs.»
Heidls Begeisterung fürs Velo scheint ansteckend zu sein: 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Pentapharm, das am Hauptsitz in Basel und in der Produktionsstätte in Aesch insgesamt 190 Personen beschäftigt, nahmen an der Aktion «bike to work» diesen Juni teil. Auch vor einem Jahr war die Firma schon dabei und investierte gleichzeitig in Veloabstellplätze. Heidl ist nicht der Einzige, der täglich eine happige Strecke bewältigt. Eine Kollegin überwindet auf dem Heimweg sogar einen Aufstieg von 400 Höhenmetern. Aus Solidarität hätten die Pentapharm-BikerInnen diesen Hügel in der Freizeit einmal zusammen gemeistert, erzählt Heidl. «Es ist schön, etwas gemeinsam zu unternehmen.» Teilnehmer von «bike to work» müssen sich zwar in Viererteams anmelden, damit sie sich gegenseitig motivieren können, sind aber im Alltag eher allein unterwegs.

Eine Französin lernt Velofahren
Auch Marie-Sophie Meyer von Pentapharm nahm an der Aktion teil. Ihr ging es zuerst einmal darum, das Velofahren überhaupt zu erlernen. In ihrer Heimatstadt Le Havre habe sie nie die Möglichkeit gehabt zu radeln, erzählt die Französin, die es vor zehn Jahre in die Schweiz verschlug. Die 7,5 Kilometer lange Strecke zwischen ihrem Wohnsitz in Therwil und dem Firmenstandort in Aesch erwies sich als idealer Übungsparcours – die Strecke ist fast vollständig mit Radwegen ausgestattet. Vorbei sind nun die Zeiten, als Marie-Sophie Meyers Occasionsvelo unbenutzt im Keller herumstand. Die Chemikerin, die bei Pentapharm in der Kosmetiksparte arbeitet, hat inzwischen das Gleichgewicht auf den zwei Rädern gefunden und wird an Kreuzungen nicht mehr sofort von Panik befallen. Einziger Nachteil: Sie muss jeweils frische Kleider einpacken. Denn in T-Shirt, Jeans und Sportschuhen könne sie bei der Arbeit nicht herumlaufen, zumal sie sich regelmässig mit Kunden treffe, so Meyer. «Aber ich nehme das in Kauf, weil ich spüre, dass Velofahren gut tut.»

Mit dem Velo in der Kantine
Gut zu Rad ist man auch bei Ikea. Roland Barth, Verantwortlicher für Sicherheit, Umwelt und Verkehr am Standort des Möbelkonzerns in Dietlikon/ZH, liess sich bei der Werbung für «bike to work» einiges einfallen. Er brachte sein eigenes Velo zum monatlichen Info-Meeting für die Mitarbeitenden mit und drehte in der Kantine vor den Augen der staunenden Kollegen eine Runde, komplett im Sporttenue. Der Coup blieb nicht ohne Folgen: Bei Ikea Dietlikon meldeten sich sechs Viererteams für die Aktion an. Auch vier weitere Teams des Möbelriesen am Westschweizer Standort Aubonne machten mit. Das organisierte Velofahren habe gut zu einer hauseigenen Kampagne gepasst, erzählt Barth. Denn im Juni seien die Angestellten bei Ikea weltweit dazu aufgerufen worden, an mindestens zehn Tagen ohne Auto zur Arbeit zu kommen.
Ein Grund mehr für die Schweizer Mitarbeiter, eine ausführliche Berichterstattung über ihre Teilnahme an «bike to work» ins Intranet, die Plattform für betriebsinterne Kommunikation, zu stellen. Barth selbst, ein erfahrener Leichtathlet, hat dank der Aktion auch zum Radsport gefunden. Der 52-Jährige, der bei Ikea arbeitet, seit sich das schwedische Unternehmen in den Siebzigerjahren in der Schweiz niedergelassen hatte, wohnt in Fislisbach bei Baden, nicht weniger als 35 Kilometer entfernt von Dietlikon. An jenem Sonntag vor der «Bike to work»-Kampagne habe er noch eine Probefahrt gemacht, damit er sich am Tag danach nicht verfahre, erzählt Barth schmunzelnd. Inzwischen ist ihm die Route längst vertraut, und er hat sich vorgenommen, bis zum Herbst weiterhin zweimal pro Woche um fünf Uhr morgens aufs Velo zu steigen – um halb sieben ist er dann am Arbeitsplatz. Voraussetzung sind allerdings günstige Wetterprognosen. Barth: «Ich möchte nicht 35 Kilometer lang unter der Dusche stehen.» Apropos Duschen: Diese stehen sowohl bei Ikea als auch bei Pentapharm den Mitarbeitenden nach ihrer morgendlichen Velotour zur Verfügung. n

www.biketowork.ch

Immer mehr Umsattler

ksk. Die Aktion «bike to work» der IG Velo Schweiz, die vor zwei Jahren als Pilotversuch startete, lässt immer mehr BerufspendlerInnen strampeln: 33500 in diesem Jahr gegenüber 21500 im Juni 2006. Die Zahl der beteiligten Betriebe stieg von 400 auf über 600. Das Ziel für 2008 sei eine weitere Steigerung der Teilnehmerzahl und der teilnehmenden Firmen, erklärt Projektleiter Gregor Zimmermann. In der Romandie und im Tessin ist die Teilnahme allerdings noch bescheiden.
Zuspruch findet die Aktion bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern: von den Pilatus Flugzeugwerken bis zur Bielersee Schifffahrt. Die Schweizerische Post führte in diesem Jahr die Liste mit fast 500 Teams an, die in der Regel aus vier Personen bestehen. Wer während des Aktionsmonats an mindestens der Hälfte der Arbeitstage das Velo benutzt, nimmt an der Preisverlosung teil – sowohl individuell als auch im Teamverband. Die Hürde sei bewusst niedrig gehalten, erläutert Zimmermann, damit möglichst viele Nicht-Velofahrende für die Aktion gewonnen werden könnten. Auswertungen der vergangenen zwei Jahre zeigen, dass tatsächlich mehr als ein Drittel der Teilnehmer zur Kategorie der sogenannten «Umsattler» gehört, die vorher andere Transportmittel benutzten. An die Länge der Strecke sind keine Bedingungen gestellt. Etwa 40 Prozent der Teilnehmer aus der Deutschschweiz hatten 2006 bis zu drei Kilometer zu radeln, ein weiteres Drittel wohnte drei bis acht Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Jeder fünfte Teilnehmer benutzte das Fahrrad in Kombination mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Hier sieht Projektleiter Zimmermann noch grosses Potenzial. Der Bau von weiteren Abstellplätzen an Bahnhöfen könne dazu beitragen, dass Zugpendler die Strecke zum oder vom Bahnhof mit dem Fahrrad machen würden. In den kommenden Jahren wird die IG Velo untersuchen, ob «bike to work» unter den Teilnehmenden auch zu einer dauerhaften Umstellung aufs Velofahren führt. Laut den jüngsten Daten des Mikrozensus zum Verkehrsverhalten radeln in der Schweiz etwa fünf Prozent der Berufstätigen zur Arbeit – in den Niederlanden beträgt dieser Anteil 25 Prozent.
Zuspruch findet die Aktion bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern: von den Pilatus Flugzeugwerken bis zur Bielersee Schifffahrt. Die Schweizerische Post führte in diesem Jahr die Liste mit fast 500 Teams an, die in der Regel aus vier Personen bestehen. Wer während des Aktionsmonats an mindestens der Hälfte der Arbeitstage das Velo benutzt, nimmt an der Preisverlosung teil – sowohl individuell als auch im Teamverband. Die Hürde sei bewusst niedrig gehalten, erläutert Zimmermann, damit möglichst viele Nicht-Velofahrende für die Aktion gewonnen werden könnten. Auswertungen der vergangenen zwei Jahre zeigen, dass tatsächlich mehr als ein Drittel der Teilnehmer zur Kategorie der sogenannten «Umsattler» gehört, die vorher andere Transportmittel benutzten. An die Länge der Strecke sind keine Bedingungen gestellt. Etwa 40 Prozent der Teilnehmer aus der Deutschschweiz hatten 2006 bis zu drei Kilometer zu radeln, ein weiteres Drittel wohnte drei bis acht Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Jeder fünfte Teilnehmer benutzte das Fahrrad in Kombination mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Hier sieht Projektleiter Zimmermann noch grosses Potenzial. Der Bau von weiteren Abstellplätzen an Bahnhöfen könne dazu beitragen, dass Zugpendler die Strecke zum oder vom Bahnhof mit dem Fahrrad machen würden. In den kommenden Jahren wird die IG Velo untersuchen, ob «bike to work» unter den Teilnehmenden auch zu einer dauerhaften Umstellung aufs Velofahren führt. Laut den jüngsten Daten des Mikrozensus zum Verkehrsverhalten radeln in der Schweiz etwa fünf Prozent der Berufstätigen zur Arbeit – in den Niederlanden beträgt dieser Anteil 25 Prozent.
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