Spezial

Die Lust am Minimum

Wie rüsten sich Profis für ihre Veloreisen aus? Was packen sie alles ein? Wir befragten Markus Greter und Dres Balmer und stiessen auf zwei sehr unterschiedliche Strategien: Der eine nimmt jeweils seine ausgeklügelte Liste hervor, der andere lässt sich von seinen kleinen Taschen leiten. Dres Balmer (Text), Gian Vaitl (Foto)

Seit dreissig Jahren gehe ich in den wärmeren Monaten des Jahres in zivilisierten Gegenden der westlichen Welt auf Velotouren. Seit dreissig Jahren nehme ich mir vor, eine Packliste zu erstellen, die ich vor jeder Reise konsultiere. Das habe ich nie geschafft, und so fange ich jedes Mal wieder bei Adam und Eva an.
Also, lieber Adam, liebe Eva: Wenn ich zelte, kommen mit: Zelt, Liegematte, Schlafsack und Stirnlampe. Der «Transbag» dient als zusätzliche Unterlage oder als Kopfkissen. Koch-Utensilien nehme ich nicht mehr mit, seit ich entdeckt habe, dass man die ersten hundert Kilometer vor dem Frühstück radeln kann. Lieber sind mir heute Reisen ohne Gulaschkanone und ohne die Zelterei, die jeden Tag zwei Stunden wegfrisst, die ich lieber in der Kneipe oder im Bett verbringe. Die Variante ohne Zelt ist teurer, aber eleganter; in einem Bett schläft man besser als im Zelt, der Kontakt mit den Einheimischen ist besser.

Alles muss mit
An den Leib kommen mir: synthetisches Schwitzleibchen, klassische Radlerhose, Handschuhe, Radlerkäppi, Helm und Radlertrikot mit drei Rückentaschen. In denen sind in der Mitte ein kleines Portemonnaie, links die Karte, beides im Plastiksack, rechts etwas zum Knabbern. An die Füsse kommen Radlersocken und Mountainbike-Klickschuhe, mit denen man auch herumlaufen kann; die sind heute so bequem, dass ich keine Adiletten mehr mitnehme. Auf die Nase die Brille oder die Sonnenbrille. Die nicht benötigten Augengläser sind in einem schlagfesten Etui.
In den Velokleidersack stecke ich eine weitere Radlerhose, ein leicht gefüttertes Langarmtrikot, Beinlinge, Armlinge, ein Paar Ersatzsocken, eine leichte Regenjacke und das Handy-Ladegerät.
Es müssen auch noch Zivilkleider mit: Eine leichte, lange Baumwollhose, ein Polohemd, eine Unterhose, ein Nastuch. In diesen Plastiksack kommt auch das Necessaire.
Im Necessaire sind, alles im Miniformat: Dose für Hotelseifen, Klapp-Zahnbürste, Zahnpasta, Plastikrasierer, Nagelschneider, Hautcrème, Deo-Stift, Nähset und ein kleines Radio, weil es schön ist, beim Rasieren Musik zu hören.
Velosachen: Zwei Schläuche, Reifenheber, Flickzeug, ein verstellbarer englischer und die gebräuchlichsten Inbusschlüssel, ein Fläschchen Kettenöl. Rotes Anstecklicht, leichtes Schloss.
Im Kulturbeutel sind Karten, Reiseführer, Wörterbuch. Weitere Lektüre findet sich unterwegs von Tag zu Tag.
Die Hüfttasche enthält Agenda, Notizbuch, Schreibzeug, Handy, Reisedokumente, Geld, Kreditkarte, Sackmesser.
Fotoausrüstung: Analoge Spiegelreflexkamera Nikon FM 2, ein 24-mm-Objektiv, ein Zoom-Objektiv 35–200 mm, ein leichtes Stativ, Filme.
Meinen Basar verstaue ich in vier kleinen Low-Rider-Taschen, von denen jede etwa 15 Liter fasst. Alles, was nicht nass werden darf, kommt in Plastiksäcke, denn meine Taschen sind dünn und nicht wasserdicht, dafür leicht zugänglich. Jede von ihnen hat eine praktische Aussentasche. Die Sachen verteile ich so, immer von unten nach oben:

• Hinten rechts
Haupttasche: Schlafsack, Zivilkleider, Zeltstangen. Aussentasche: Ersatzschläuche, Werkzeug, Flickzeug.

• Hinten links
Haupttasche: Heringe, Liegematte, Velokleider. Aussentasche: Anstecklicht, Stirnlampe, Schloss mit Schlüssel an einem Sicherungsschnürlein.

• Vorne rechts
Haupttasche: Innenzelt, Transbag, Kulturbeutel, Zoom-Objektiv. Aussentasche: Kleiner faltbarer Rucksack.

• Vorne links
Haupttasche: Aussenzelt, Filme, Hüftbeutel, Fotoapparat mit kleinem Objektiv. Aussentasche: Sonnenbrille, Sonnencreme, Lippenpomade.

Das Fotostativ kommt mit einem Gummiriemen auf den Gepäckträger.

Diese Aufteilung bewährt sich. Da an einem beladenen Tourenvelo ein Ständer nutzlos ist, lehnt man das Rad mit den rechten Taschen an eine Wand. So hat man ohne grosses Hantieren Zugriff auf Schloss, Fotoapparat und Hüfttasche links, hat mit einem Griff alle Wertsachen dabei und kann locker ins Restaurant entschreiten.

Ein paar grundsätzliche Überlegungen
Eine ganze Industrie ist daran, uns mit Erfolg Packtaschen aufzuschwatzen, die wasserdicht, aber viel zu gross sind und während der Fahrt klappern. Der Zugang zum Inhalt ist umständlich, nicht routinierte Toureras und Toureros sind immer am Suchen und Fluchen. Die Crux ist ausserdem, dass man jede Tasche füllt, also zu viel mitnimmt. Der erste Schritt zum Erfolg ist, vier kleine Fronttaschen zu benützen.
Der wahre Luxus beim Radeln ist wenig Material. Beim Packen gelten für jedes Ding, das man in Händen hält, zwei Regeln: 1. Im Zweifelsfall bleibt das Ding zu Hause. 2. Lieber ein Ding zu wenig als eines zu viel. Ich habe mich auf Touren häufiger über überflüssige denn über fehlende Dinge an Bord geärgert.
Lieber Adam, liebe Eva: Dies ist eine kleine Geschichte über die notwendigen Sachen. Den Artikel über all den überflüssigen Karsumpel und all die Fehlkonstruktionen, die uns einschlägige Kataloge anbieten, schreibe ich ein anderes Mal. Er wird viermal länger sein.

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