Spezial

Die Dabbawalas von Mumbai

Das Fahrrad ist aus dem Leben eines indischen Dabbawala nicht wegzudenken. Er gehört nämlich zu einer Institution, die sich der Aufgabe widmet, in den Firmen Lunchboxen auszutragen. In Mumbai sind es inzwischen 200000 Mahlzeiten, die Tag für Tag pünktlich abgeliefert werden. Claude Marthaler

«Jemandem zu Essen geben, heisst Gott dienen», sagt Manish Triparthi, Informatikdirektor des Dabbawala Charitable Trust. Barfuss, mit einem Shalwar Kameez bekleidet, empfängt er uns bei sich zu Hause. Seine kleine Wohnung liegt in einem Vorort von Mumbai und wurde gerade frisch gestrichen. Er offeriert uns ein Glas Wasser und zeigt uns eine «Tiffin Box», ein zylinderförmiges Aluminiumgefäss, in dem die Dabbawalas das Essen austragen. Am Computer erklärt er voller Enthusiasmus das Wort «Dabbawala». Auf Hindi heisst Mittagessen «Dabba», und «Wala» bedeutet Träger. «Tiffin» ist die koloniale Bezeichnung für ein leichtes Mittagessen.
In Mumbai, der Wirtschaftshauptstadt Indiens, arbeiten 6,1 Millionen Pendler. Die Metropole generiert 49 Prozent des indischen Bruttoinlandprodukts. Die Zü­ge sind berstend voll, es gibt viele Leute, die täglich drei Stunden pendeln. Um überhaupt in einen Wagen hineinzukommen, muss man beide Hände frei haben. Eine «Tiffin Box» mitzunehmen, sei ein Ding der Unmöglichkeit, erklärt Manish Triparthi.
Viele, die beim Staat oder bei einer Firma arbeiten, nehmen deshalb die Dienste der Dabbawalas in Anspruch, die das Essen allmorgendlich im Haus der Pendler abholen und es in der Mittagspause ins Büro bringen. In Mumbai ist das keine leichte Aufgabe, wie wir auf unserer chaotischen Fahrt zum Ort des Interviews am eigenen Leib erfahren.
Manish Triparthi erklärt, wie der Transport der Mittagsverpflegung funktioniert: Die meisten Transporte in Mumbai werden von Privatunternehmen getätigt, die Dabbawalas hingegen benutzen den «suburban railway service», das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel der Stadt mit einem Streckennetz von mehr als 300 Kilometern und 2000 Fahrten pro Tag. Die Eisenbahn sei sicherer und billiger und gewähre den Dabbawalas zusätzlich einen Rabatt. Am Bestimmungsort wird das Essen zu Fuss oder per Fahrrad ausgetragen. Das ist ökologisch die bestmögliche Lösung.

Image Im Wettlauf gegen die Uhr
Täglich verteilen die 5000 Dabbawalas von Mumbai mit höchster Pünktlichkeit zwischen 175000 und 200000 Mahlzeiten. Damit dies möglich ist, veranstalten sie täglich einen bis ins Detail ausgetüftelten Wettlauf gegen die Uhr: «Die Frauen zittern vor den Dabbawalas mehr als vor ihren Männern», sagt Manish Triparthi. «Wehe, wenn sie am Morgen an die Türe klopfen, und das Dabba, das Mittagessen, ist nicht fertig.» Er lacht und erklärt uns dann ganz ernst, wie die Sache funktioniert: Die Frauen bereiten in aller Frühe die Mittagsmahlzeit vor. Ab 9 Uhr werden die vollen «Tiffin Boxes» abgeholt und zu Fuss oder per Fahrrad zum nächsten Bahnhof gebracht. Von 10.40 Uhr bis 11.20 Uhr werden die Behälter verladen: Auf Holzbrettern werden sie im Güterwagen aufeinandergestapelt, jedes Brett trägt 75 bis 80 Kilo. An den Endstationen – hauptsächlich in Churchgate oder Victoria –  wird ausgeladen. Die Dabbawalas tragen einen Teil zu Fuss aus, ein Grossteil wird wieder auf Velos oder Handwagen in die Bürohochhäuser von Mumbai gebracht: «Tiffin Boxes» werden überall am Velo befestigt.
Sind alle Mittagessen verteilt, machen sich die Dabbawalas hinter ihre eigene «Tiffin Box» und lassen es sich schmecken. Direkt in den Bahnhöfen haben sie ihre Tempel. Hier beten sie um Ruhe und Gelassenheit, die sie in dieser hektischen, überfüllten Stadt und bei ihrem täglichen Stress brauchen.
Fertig ist die Arbeit aber erst, wenn jede «Tiffin Box» wieder da ist, wo sie am Mor­gen abgeholt wurde. Zwischen 13.15 Uhr und 14 Uhr sammeln die Dabbawalas die leeren Behälter in den Firmen wieder ein. Zwischen 14 Uhr und 14.30 Uhr stehen sie alle wieder am Bahnhof. Um 14.48  Uhr fahren die Züge an den Ausgangspunkt zurück, wo die «Tiffin Bo­xes» ausgeladen, verteilt und an die richtige Haustüre zurückgebracht werden.

www.mydabbawala.com

Seit 1989 hat Claude Marthaler Indien fünfmal mit dem Fahrrad bereist und mehr als zwei Jahre dort verbracht. Gegenwärtig ist er gemeinsam mit Nathalie Pellegrinelli per Velo in Nepal unterwegs: www.yaksite.org

Claude Marthaler ist Verfasser von «Le chant des roues», Editions Olizane, 2002 (deutsche Übersetzung im Verlag Reise Know-How, Bielefeld, 2002: «Sieben Jahre im Sattel»), und von «Dans la roue du monde», Editions Glenat, 2004.

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