Film
Der Entschleuniger
Jacques Tati gilt als einer der grössten Komiker des 20. Jahrhunderts.
In «Tatis Schützenfest» verkörpert er einen Briefträger mit Dienstfahrrad, und bei «Trafic» hat er es mit den Auswüchsen des Strassenverkehrs zu tun. Bruno Angeli
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Das haben selbst die Amerikaner noch nicht gesehen: François und sein «Velophone».
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Nach einer Massenkarambolage herrscht Verwirrung.
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Zu Beginn der Dreissigerjahre trat Jacques Tati in Paris als Pantomime
auf und hatte vor allem mit seinen Sportnummern und komischen
Alltagssituationen Erfolg. Mit Sport kannte sich der fast zwei Meter
grosse Jacques Tatischeff – so sein bürgerlicher Name – aus. Er war als
junger Mann ein begeisterter Rugbyspieler, bevor er die Bühne
entdeckte. 1936 trat Tati zusammen mit Maurice Chevalier im Pariser
Ritz auf. Im «Le Journal» wird von Tati geschwärmt: «Seine Kunst
umfasst Tanz, Sport, Satire und eine tolle Aufmachung. In seinen
Auftritten ist er der Fesselballon und sein Steuermann zugleich, der
Boxer und sein Gegner, das Fahrrad und sein Fahrer. Er hat das Zeug zu
einem grossen Künstler.»
Es folgen einige Kurzfilme, bevor der Zweite Weltkrieg seine Karriere
unterbricht. Als Soldat war er in der Nähe von Ste.-Sévère-sur-Indre
stationiert. Später, in seinem ersten Langspielfilm, verewigte er
diese Ortschaft auf Zelluloid. An die Kriegszeit erinnerte sich Tati in
einem Interview, das er der «Revue Cinématographe» gab. Man erfährt
hier auch einiges über sein Credo als Filmschaffender: «Ich versuche,
so weit wie möglich in eine gewisse Wahrheit einzutauchen, denn ich
glaube, dass das Kino – übrigens auch die ernsten Filme – so etwas
heute braucht: die Beschäftigung mit dem, was wahr ist. Weiss Gott, ob
der Durchbruch der deutschen Armee in Frankreich nicht auch etwas
Lustiges an sich hatte! Irgendwann schreit unser Hauptmann ‹Rette sich,
wer kann›, trotz seiner vorher gegebenen Befehle. ‹Keine Sorge, ich war
1914 bis 1918 dabei, ich weiss, was ich tue›. Natürlich knallt es von
allen Seiten, und alle verkrümeln sich im Gelände. Einer sieht ein
Fahrrad – das ist wirklich passiert – und sagt sich: ‹Damit komme ich
schneller weg›; er springt auf das Fahrrad – und tritt auf der Stelle.
Das Fahrrad war auf dem Pfad zurückgelassen worden, weil es keine Kette
hatte.»
Tati knüpfte mit seinem Humor und seiner Dramaturgie an Stummfilmikonen
wie Buster Keaton und Charlie Chaplin an. Er führte deren Ideen weiter
und schuf so einen neuartigen Stil. Seine Filme sind meisterhaft
verdichtete Geschichten über die Unsicherheiten des Menschen im
Übergang zur Postmoderne und die Widersprüche der kleinbürgerlichen
Welt. «Dank einer ausgeprägten Beobachtungsgabe möchte ich das
Überleben des Individuums in einer Umwelt hervorheben, die mehr und
mehr entmenschlicht wird», so Tati über sich und sein Werk. «Ich bin
ein wenig wie Don Quichotte, der mit Humor gegen die Windmühlen
anrennt.»
Tempo, Tempo
In «Jour de Fête» (Deutscher Titel: «Tatis Schützenfest») von 1949
verkörpert er den arglosen Dorfbriefträger François. Eine Schautruppe
ist im Dorf, die Kapelle spielt auf und in einem Zeltkino wird ein
amerikanischer Dokumentarfilm gezeigt. François bekommt zwar nicht den
ganzen Film mit, da er gleichzeitig einen platten Reifen reparieren
muss, doch das, was er mitbekommt, lässt ihn nicht mehr los. Der Film
zeigt, wie seine amerikanischen Kollegen arbeiten. Im Land der
unbegrenzten Möglichkeiten werden doch Briefträger tatsächlich von
Flugzeugen durch die Lüfte gezogen! «Die sind mit Motorrädern unterwegs
und du mit dem Fahrrad», stichelt nach der Aufführung ein Zuschauer.
François wird von Schaustellern ausgelacht, und man erteilt ihm auf
einem Karussell einen Kurs in Effizienz und Tempo.
Danach ist der Mann von der Post nicht mehr zu halten. Selbst eine
geschlossene Eisenbahnschranke kann seinen Übereifer nicht stoppen. Er
ist sogar schneller als eine Gruppe Rennradfahrer. Schnelligkeit lautet
nun sein Motto! Das Gläschen Wein und das kleine Schwätzchen im Bistro
sind passé. Fortan radelt der Briefträger wie ein wild gewordener Stier
die Post zu den Empfängern. Dabei bleibt wegen des hohen Tempos einiges
auf der Strecke, und manche Zustellung kommt zu Schaden. Bevor noch
grössere Katastrophen eintreten, wird François Opfer der Beschleunigung
und stürzt mit seinem Rad in einen Fluss. Tropfnass wird er
aufgegabelt, und mit einem Zweispanner geht es zurück in die
beschauliche Welt seiner kleinen Ortschaft. François ist wieder zur
Vernunft gekommen.
In «Tatis Schützenfest» gibt es viele einmalige Fahrradszenen zu
bewundern. Dabei wird das Velo nicht gerade liebevoll behandelt. Das
Dienstrad muss einiges einstecken. Selbst der Kneipenwirt scheint kein
Fahrradfreund zu sein: In hohem Bogen fliegt das Velo aus seinem Lokal,
als François wieder einmal zu spät absteigt und erst im zweiten
Stockwerk zu stehen kommt. Wer ein Herz für Fahrräder hat, den werden
die Kapriolen, die François mit seinem Fahrzeug vollführt, schmerzen.
Diese sind der ultimative Belastungstest und nichts für empfindliche
Gemüter. Lustig ist der Film trotzdem. Und wie François alias Tati die
Kuriertasche um seinen Körper rotieren lässt, ist Kult geworden.
Moderne trifft Mensch
Mit der Figur des Briefträgers François schuf Jacques Tati eine Vorlage
für den in seinen späteren Filmen berühmt gewordenen Monsieur Hulot.
1971 dreht er mit «Trafic» einen Film, der damals nicht viele Anhänger
hatte. Es geht dabei um die Krone des technischen Fortschritts, ums
Auto. Tati spielt hier Monsieur Hulot, der für den Automobilhersteller
Altra als Werbefachmann und Designer arbeitet. Er soll einen Prototypen
in einem Konvoi zu einer Automobilausstellung in Amsterdam begleiten.
Beim Prototypen handelt es sich um einen neuartigen und mit vielen
technischen Raffinessen ausgestatteten Campingwagen. Begleitet wird
Hulot von der PR-Dame Maria und von Marcel. Der Weg nach Amsterdam wird
zu einem Abenteuer voller Irrungen und Wirrungen. Sie kommen kaum
vorwärts. Staus, Pannen und Unfälle bringen die aggressiv fahrende
Maria schier zur Verzweiflung. Der gutmütige Hulot nimmt derweil alles
hin, wie es kommt, und versucht Haltung zu bewahren.
In der Welt von «Trafic» haben die Menschen fast keinen Platz mehr:
Blechlawinen im ganzen Land, die Städte sind mit Autos zugepflastert.
In einer ruhigen Phase, als die Protagonisten die Autobahn verlassen
und «Zuflucht» auf dem Land finden, entschleunigt sich alles. Der Kreis
vom ersten zum letzten Film Tatis schliesst sich.
Brent Maddock, der Autor von «Die Filme von Jacques Tati» (erschienen
1984), hielt Tatis Entscheidung, Hulot als Angestellten einer Firma zu
präsentieren, die ausgerechnet ein Campingmobil herstellt, für präzise
durchdacht. «In einer Gesellschaft, deren Werte sich verkehrt haben,
scheint es symptomatisch zu sein, dass ausgerechnet ein
naturverbundener Mensch wie Hulot ein Produkt vertritt, das geradezu
die Antithese zur Natur darstellt. Denn beim ‹Altra› handelt es sich um
ein kleines, grünes Fahrzeug, das jeden nur erdenklichen Komfort der
modernen technisierten Welt in die Abgeschiedenheit der Natur bringt:
Zahllose eingebaute praktische Geräte. Ein Wochenende darin
unterscheidet sich kaum von einem Wochenende zu Hause.»
«Tatis Schützenfest» und «Trafic» sind zwei von insgesamt fünf
Langspielfilmen, die Tati als Regisseur realisierte und in denen er als
Schauspieler auftrat. Tati war ein genauer Beobachter menschlicher
Verhaltensweisen, und immer deckt er dabei verborgene Komik auf. Seine
Filme sind subtil, intelligent und human. Empfehlenswert.
DIE DVDs
«Tatis Schützenfest»
Originaltitel: «Jour de Fête», Frankreich, 1949.
Regie: Jacques Tati.
Drehbuch: Jacques Tati, Henri Marquet, René Wheeler.
Kamera: Jacques Mercanton, Jacques Sauvageot.
Schauspieler: Paul Frankeur, Jacques Tati, Guy Decomble, Jacques
Beauvais, Maine Vallée, Santa Relli, Delcassan, Alexandre Wirtz, Roger
Rafal.
Produzent: Fred Orain.
Special Features: Kurzfilm, «Tati – L’école des facteurs».
«Trafic – Tati im Stossverkehr»
Originaltitel: «Trafic», Frankreich, 1971.
Regie: Jacques Tati.
Drehbuch: Jacques Tati, Jacques Lagrange, Bert Haanstra.
Kamera: Eduard van der Enden, Marcel Weiss.
Schauspieler: Franco Ressel, Jacques Tati, Marcel Fraval, Maria Kimberly, Mario Zanuelli, Tony Kneppers.
Produzent: Robert Dorfmann.
Special Features: Trailer.