
Den Kopf hat Fausto Coppi zwischen die Schultern vergraben. Seine
langen, schlanken Beine strampeln. «Il campionissimo», der Meister der
Meister, quält sich über die Berge. Im Wolltrikot. Auf einem Stahlesel.
Selbst wenn Coppi leidet, fährt er mit Eleganz. Am Ende der Tour de
France 1952, bei der es zum ersten Mal Bergankünfte gibt, gewinnt er
mit einem Vorsprung von fast 29 Minuten. Noch immer gilt Fausto Coppi
als einer der grössten Radrennfahrer aller Zeiten. Wie seine Kollegen
schaffte er unglaublich lange Distanzen mit unglaublich schweren Rädern
auf unglaublich schlechten Strassen. Coppi und Co. – noch immer die
grossen Helden der Landstrasse.
Fausto fürs Auge
Das waren noch Zeiten, als die Radprofis Wolltrikots trugen, manchmal
sogar zwei übereinander. Doch auch wer heutzutage Fahrrad-Kataloge
durchblättert, entdeckt selbst in Zeiten von Lycra und Co. das eine
oder andere Wollshirt. Und wenns nicht Wolle ist, dann sieht es
zumindest nach einem Trikot aus alten Zeiten aus: Retro ist angesagt.
Ein bisschen von Coppis Glanz für Meier und Müller. Oder wie es Frank
Patitz, einer der Erfinder des Retrovelos ausdrückt: «Auch heute,
wollen die Menschen Erinnerungen und Wünsche erfüllt sehen. Das
Publikum hat Sehnsucht. Dank retro findet es eine Orientierung in der
Oberflächlichkeit der Masse.»
Was früher schick war, ist heute stylish. Das weiss auch Kai Stuht,
Fotograf, Gründer und Chefdesigner von Starshot. Retro bedeutet für ihn
«eine Interpretation aus alt und neu, Hightech-Materialien und alte,
neu interpretierte Logos, die beide Welten verbinden». Er legte
beispielsweise die Fahrradkappe neu auf. Oder kreierte ein Trikot aus
Baumwolle mit dem Namen Hero. Auf der Brust prangt eine grosszügige
Tasche, denn schliesslich führten die Helden von damals ihren Proviant
oft selber mit.
Optik statt Funktion
Kai Stuht glaubt, dass den Leuten von heute nicht primär die reine
Funktion wichtig sei. Die Kleidung müsse vor allem auch optisch etwas
hermachen. Seine Trikots stechen ins Auge, saugen aber bei Regen mehr
Feuchtigkeit auf und sind etwas schwerer als funktionelle Shirts. «Aber
ist das den Hobbysportlern wichtig?», fragt er. Die Leute mögen
offensichtlich die retromässig gestylten, tollen alten
Farbkombinationen und die besondere individuelle Gestaltung mit ihrem
abenteuerlichen Flair. Auf den Shirts prangte oft inmitten eines
andersfarbigen Streifens in grossen Lettern der Teamname. Bei Fausto
Coppi beispielsweise wars «Bianchi».
Retro wird für Kai Stuht dann langweilig, wenn Altes lediglich neu
aufgelegt wird. Er liebt es, mit vielen Elementen zu arbeiten, mit
Stickers, Beflockungen, aber auch mit den besten neuen Materialien.
«Jede Form der Mode gab es schon einmal, auch jede Art von Farben und
Schriften. Aber durch die Kombination entsteht etwas Neues. Das ist
dann ein neues Produkt und nicht nur retro. Den Menschen kommt es nur
so vor, weil sich bestimmte markante Elemente wiederholen – und weil
sie diese schon mal so ähnlich gesehen haben», sagt Stuht.
Weiterentwicklung statt Kopie
Der Grafikdesigner Frank Patitz entwickelte gemeinsam mit Matthias
Mehlert das Retrovelo. Das Gefährt mit den beigen Ballonreifen ähnelt
einem Beachcruiser. Woher kommt seiner Ansicht nach der Retrotrend?
Frank Patitz vermutet, «aus einem Mangel an wahrhaft kreativem und
nachhaltigem Design». Für ihn bedeutet retro «Rückbesinnlichkeit», aber
nicht nur im formal-ästhetischen Sinn. Retro sei auch eine Möglichkeit,
«anspruchsvolles klassisches Handwerk und das Bewusstsein dafür zu
pflegen». Oft ist ihm die Retrowelle etwas zu aufgesetzt. Wer sich mit
Ledersattel, Ledergriffen oder Holzschutzblechen als Dekor auf
schwarzem Rahmen begnügt, betreibt laut Frank Patitz «die Kurzversion
von retro». Speziell bei Industriedesignern vermisst er «das kritische
Gespür für mehr als nur die gewöhnlichen modernen und
branchenkompatiblen Formen». Und oft fehlten dabei auch die gründlichen
Basis-Recherchen.
Er selber setzt sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte der
Fahrräder auseinander. Nur historische Formen nachzuahmen, wäre ihm zu
einfach. Mit der Marke Retrovelo pflegt Patitz erprobte Elemente, etwa
den gemufften Stahlrahmen – Elemente, die sonst womöglich in
Vergessenheit geraten würden. Die Retrovelo-Interpretation beinhalte
auch Authentizität und die entsprechende Lebenseinstellung. Retro steht
bei Patitz «für mehr Sein als nur Schein».
Geliebte Vergangenheit
Fausto Coppi schien seiner Zeit voraus. Er wagte es, für die Liebe
seines Lebens – eine verheiratete Frau – seine Gattin zu verlassen. Ein
Skandal. Auch im Sport ging Coppi eigene Wege. An manchen Tagen fuhr er
zum Training bis zu 300 Kilometer. Oft drehte er seine Runden um den
Genfer See. Die vielen Kilometer brachten ihm eine
enorme konditionelle Grundlage für die schweren Rennen. Deshalb gilt
der Italiener unter Experten als erster moderner Radprofi. «Il
campionissimo» – vor vielen Jahren ein fortschrittlicher Mann. Heute
geliebte Vergangenheit, sogar wenn es um seine Bekleidung geht.
www.kaistuhtvonneupauer.de
www.retrovelo.de
www.faustocoppi.net
www.salsacycles.com