Film

Showdown im Wädlitempel

Die offene Rennbahn und das alte Hallenstadion in Zürich Oerlikon dienten dem bekannten Schweizer Regisseur Kurt Früh in seinen Spielfilmen «Bäckerei Zürrer» und «Der Fall» als lebensnahe Kulissen. Beim Wiedersehen der Filme stellt sich wohlige Nostalgie ein. Bruno Angeli
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Gina, der reizende Grund für Heini, das Velofahren aufzugeben
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 In «Bäckerei Zürrer» träumt der jüngste Spross von einer Karriere als Radrennfahrer.
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 Der eindrückliche Walo Lüönd als Privatdetektiv Adolf Grendelmann in «Der Fall»
Der 1915 in St. Gallen geborene Kurt Früh war Leiter, Autor und Regisseur der Volksbühne Zürich. Er arbeitete als Chanson-Redaktor für die Zürcher Cabarets Cornichon und Pfeffermühle und die Berner Bärentatze, bevor er über den Umweg des Werbe- und Kurzfilms zu seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Spielfilm, stiess. Kurt Früh – er starb 1979 im Künstlerheim Boswil – schaffte mit «Polizischt Wäckerli» (1955) und «Oberstadtgasse» (1956) den Durchbruch als Spielfilmregisseur – beide mit Schaggi Streuli in der Hauptrolle.
Nach diesen beiden Kassenschlagern konnte Früh 1957 seinen eigenen Filmvorstellungen nachgehen. In der Autobiografie «Rückblenden» (1975 im Pendo-Verlag, Zürich, erschienen) schreibt er: «Ich musste zuerst ‹Oberstadtgasse› machen, bevor ich meinen geliebten Langstrassenfilm, die ‹Bäckerei Zürrer›, drehen durfte. Es war eine reichlich harte Zeit – aber ich sammelte Erfahrungen und eignete mir sogar so etwas wie ein bisschen Routine im Filmemachen an.»

Träumereien und Kulturcrash

Im Dialektfilm «Bäckerei Zürrer» steht der alte Bäcker/Konditor Zürrer im Zentrum der Geschichte. Zürrer, grossartig verkörpert von Emil Hegetschweiler, verliert seine Frau im Kindbett und ist Vater dreier erwachsener Kinder. Besonders stolz ist er auf seinen Ältesten, Richard (Walter Morath), ein Businessmann. Trudi (Margrit Winter) sieht sich in der Rolle der Ersatzmutter, sehnt sich aber nach einer eigenen Familie. Dann gibt es noch den Heini (Peter Brogle), der davon träumt, Velorennfahrer zu werden. Dazu benötigt er allerdings ein besseres Rennvelo. Heinis Wunsch geht in Erfüllung. Das Velo ist aber nicht die einzige Bescherung, die ihn ereilt. Gina (Ursula Kopp), seine heimliche Freundin, ist von ihm schwanger. Vater Zürrer ist darüber gar nicht erfreut, handelt es sich doch bei Ginas Familie um Südländer und «Marronibrater», wie er meint.
Vater Zürrers Probleme sind damit nicht zu Ende. Zu allem Überdruss bestielt ihn der vermeintliche Karrierist Richard, und Tochter Trudi will sich mit einem «Welschen» absetzen. Zürrer droht abzustürzen. Eine Odyssee durch die Stadt führt ihn schliesslich zum Gemüsehändler Pizzani, Ginas Vater. Ein Happyend bahnt sich an. Zum Schluss wird alles gut; die grosse Versöhnung inklusive Weihnachtsbeleuchtung weckt beinahe nostalgische Gefühle.
In «Bäckerei Zürrer» wird Heini als ambitionierter Velorennfahrer gezeigt, und die offene Rennbahn dient für einige Szenen als Kulisse. Dies ist aber nicht als Hommage des Regisseurs Früh an den Radsport zu verstehen. Der «Velofimmel» Heinis stellt eine Bedrohung für die Familie Zürrer dar, ein narratives Negativelement, ein Hindernis, das überwunden werden muss. Der jüngste Familienspross soll schliesslich einmal den Familienbetrieb weiterführen, weiter Brötchen in den Ofen schieben und nicht als Rennfahrer enden! Tatsächlich: Heini lässt das Velorennfahren und widmet sich seiner jungen Familie und Vaters Betrieb. Heinis Papa ist versöhnt, und selbst an die italienische Braut seines Sohnes wird er sich mit der Zeit gewöhnen.
Aus Sicht eines Veloenthusiasten könnte man sich freilich eine andere Version vorstellen: Wie wäre es, wenn ein selbstbewusster, risikofreudiger junger Mann alles auf eine Karte setzte, sich aus den gesellschaftlichen Zwängen befreit, seinem Traum nachlebt, Radprofi wird und so in die Fussstapfen von Hugo Koblet und Ferdi Kübler tritt? Frühs Intention war eine andere. «Bäckerei Zürrer» thematisiert als einer der ersten Filme in der Schweiz das brisante Thema «Gastarbeiter» und liefert dazu eine Milieustudie der Zürcher Langstrasse. Früh setzt sich dabei für ein unverkrampftes Miteinander und für gegenseitiges Verständnis ein.

Sittenbild und Gesellschaftsdrama

Wie «Bäckerei Zürrer» wurde auch «Der Fall» in der realen Stadtkulisse Zürichs gedreht. Bei beiden Filmen wurde beinahe dokumentarisch und zum Teil mit versteckter Kamera gedreht. Von Romantik oder Idylle ist im Gegensatz zu «Bäckerei Zürrer» in «Der Fall» nichts mehr zu finden. 
Früh arbeitete von 1964 bis 1967 beim Schweizer Fernsehen und leitete dort das Ressort Theater. Danach war er für zwei Jahre als Lehrer an der Filmklasse des Kunstgewerbemuseums Zürich engagiert. Dies hatte auch Auswirkungen auf sein filmisches Spätwerk. Früh in seiner Biografie: «Es war eine schöne und aufregende Zeit. Einer hat bestimmt viel gelernt an dieser Schule: Das war ich selbst.»
«Der Fall» wurde Frühs letzter Spielfilm. Er fungierte dabei als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. «Im Grunde ist es widersinnig, Produzent und Regisseur in einer Person zu sein: Der Regisseur ist immer gewillt, für die Qualität des Films Geld auszugeben, während der Produzent immer aufs Sparen schauen muss.»
Die ursprüngliche Idee zu «Der Fall» hatte der Komponist Werner Kruse. Dieser schlug Früh vor, eine Art «Carmen von Oerlikon» zu realisieren. Die Geschichte des Don José sollte ins schweizerische Milieu übertragen werden. Dabei würde das Zürcher Sechstagerennen die Stierkampfarena ersetzen. Im Verlauf der Drehbucharbeiten entfernte sich Früh immer weiter vom Ursprungs-Plot. Vielmehr orientierte er sich an der Realität.
Im Jahr 1971 beginnen die Dreharbeiten zu «Der Fall». Walo Lüönd, der zuvor bereits mit Früh den Film «Dällebach Kari» gedreht hatte, mimte nun den desillusionierten ehemaligen Polizisten Adolf Grendelmann. Dieser versucht, sich als Privatdetektiv im trostlosen Industrievorort Oerlikon mit «Schnüffler»-Aufträgen über Wasser zu halten. Im Verlauf der Handlung wird er in einen Erpressungsfall verwickelt und dabei selbst zum Erpresser. Auslöser ist eine junge Schönheit, die es versteht, Männern den Kopf zu verdrehen und ihnen das Geld abzuknöpfen. Im Hallenstadion kommt es zum Showdown. Grendelmann zieht sich dabei nicht nur eine blutige Nase zu.
An die Dreharbeiten im Hallenstadion erinnert sich der frühere Mitarbeiter von Früh, Georg Janett: «Wir hatten Bedenken gehabt, in dieser angeheizten, brodelnden Atmosphäre zu drehen, aber es ging dann erstaunlich gut. Im Vordergrund jeweils unsere Darsteller, im Hintergrund das quasi dokumentarisch eingefangene Rennge-schehen und als Gratisstatisterie die Zuschauer, die kurz vor den Aufnahmen informiert und gebeten wurden, ihre Plätze zu wechseln, wenn sie nicht im Bild erscheinen wollten. Nach den zum Teil durchwachten Nächten, umgeben von Bier- und Bratwurstdunst, Rauch und Lautsprecherlärm, tosendem Applaus und permanenter Musik, waren wir alle rechtschaffen müde.»
Das Atmosphärische macht denn auch die Qualität dieses Films aus. Früh führt uns durch eine Vorstadtwelt, zeigt eine trostlose Welt, bevölkert von orientierungslosen, vereinsamten, verbitterten und anderen «angeschlagenen» Menschen. Dass wir diesen Schicksalen ausgerechnet im Hallenstadion anlässlich des Sechstagerennens begegnen, sollte uns nicht beunruhigen. An jedem Ort, wo sich Menschen begegnen, öffnen sich Abgründe. Diese zu erkennen, ist nicht schwer, sie ernstzunehmen, ist schon anspruchsvoller.

DIE DVDs

Image«Bäckerei Zürrer»
Schweiz, 1957, Regie und Drehbuch: Kurt Früh
Kamera: Georges C. Stilly.
Schauspieler: Emil Hegetschweiler, Margrit Winter, Fred Tanner, Ettore Cella, Jürg Grau, Ursula Kopp, Peter
Brogle, François Simon, Ellen Widmann.
Special Features: Historische Hintergründe über die
Entstehung des Films, Credits und technische Angaben, Ausführliches Filmporträt über Kurt Früh, Interview mit Ettore Cella, Produktionsfotos, Kinotrailer.
Vertrieb: Praesens Film AG.

Image «Der Fall»
Schweiz, 1972, Regie: Kurt Früh
Kamera: Eduard Winiger
Drehbuch: Kurt Früh, Georg Janett.
Schauspieler: Walo Lüönd, Ellen Widmann, Sigfrit
Steiner, Walter Morath, Jörg Schneider.
Special Features: Historische Hintergründe über dieEntstehung des Films, Auftragsfilme von Kurt Früh (1944 – 1955, insgesamt 72 Minuten), Standfotos, Film zur Kinopremiere.
Vertrieb: Praesens Film AG.


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