Szene

Freiburger erwarten Verbesserungen

2006 wurde die IG Velo Freiburg gegründet. Zur jener Zeit wurde auch das Ergebnis des grossen Veloklimatests veröffentlicht – mit dem vernichtenden zweitletzten Rang für Freiburg. Der Freiburger IG-Velo-Präsident Marcel Gütschner blickt auf die turbulente Gründungsphase zurück. Jonas Wydler

velojournal: Ist man als Alltagsvelofahrer in Freiburg ein Exot?
Marcel Gütschner: Exot nicht, denn man begegnet auch in Freiburg vielen Velofahrenden. Im Seebezirk pendelt eine/r von elf mit dem Velo, im Glanebezirk noch eine/r von 110. Der Autoanteil im Kanton liegt bei siebzig Prozent – nur im Tessin ist er noch höher. Trotzdem spürt man die Faszination des Fahrrades, wenn auch eher als Sportgerät denn als Pendlerfahrzeug. Exotisch fühle ich mich erst, wenn ich mit dem Kinderveloanhänger rumfahre.

vj: Wie ist die Stimmung unter Freiburgs VelofahrerInnen?
Gütschner: Es gibt ein Buch über die paradoxe Psychologie der Velofahrenden: einerseits Spass und Freiheitsgefühl, andererseits Bedrohung durch andere Verkehrsteilnehmende. Der Einsatz, den das Velo nötig macht, wird durch die grössere Mobilität und das bessere Lebensgefühl begründet. Dieses Verhalten beobachte ich in Freiburg. Viele finden das Velofahren gefährlich. Auch hier gibts viel Verkehr, viele gefährliche Stellen und fehlende Veloinfrastruktur. Die Probleme sind längst bekannt. Doch Sicherheit hängt immer auch vom eigenen Verhalten ab.

vj: War der zweitletzte Rang beim Veloklimatest der Grund für das schnelle Wachstum der IG Velo Freiburg?
Gütschner: Die beleidigte Reaktion der Stadt Freiburg hat dazu beigetragen, dass die IG Velo erst recht auf Unterstützung stiess. Doch wir wollen nicht ein Verein von Unzufriedenen sein. Das Velo geniesst hier grosse Sympathie, viele sagen, endlich ist wieder jemand da fürs Velo. Das hat mich überrascht.

vj: Musste man also gar nicht viel unternehmen, um Aufmerksamkeit zu erlangen?
Gütschner: Doch, wir haben hart gearbeitet. Dutzende von Pressedossiers und Stellungnahmen zu Raumplanungsgesetz, Veloförderprogramm, Agenda 21, Agglomerationsprogramm usw. abgegeben.Wir kamen in eine sehr intensive Phase, die viel Kommunikation mit Behörden erforderte. Es ist kein Zufall, dass wir gewachsen sind.

vj: Hat bei der Stadt ein Umdenken eingesetzt?
Gütschner: Die Velogeschichte ist mehr Evolution als Revolution. Ein Wandel braucht Zeit, und schliesslich stellen nicht nur wir Forderungen. Doch wir haben eine neue Kommunikation mit den Behörden aufgebaut – auf Seiten der Stadt ist eine neue Bereitschaft entstanden.

vj: War das vor der Bekanntgabe der Veloklima-Ergebnisse noch anders?
Gütschner: Die Stadt hat einiges, aber zu wenig realisiert. Dann kam das Verdikt. Wenn gewisse Probleme über Jahrzehnte ungelöst bleiben, leidet darunter nun mal das Image. Die Verantwortlichen waren beleidigt und haben das Ergebnis als unprofessionell abgetan. Ich kann dies verstehen, finde die Reaktion aber unglücklich. Vermutlich haben noch nie so viele VelofahrerInnen aus der Bevölkerung so detailliert Stellung genommen. In der Agglomerationsplanung war das Velo praktisch inexistent, nichts wurde umgesetzt. Der Verantwortliche hat zugegeben, dass Freiburg die schlechte Note verdiene, das fand ich grossartig. Auf der Agglomerationsebene entstand eine konstruktive Basis.

vj: Es gibt konkrete Projekte wie die Velostation. Wird nun Geld in die Hand genommen?
Gütschner: Freiburg ist arm. 120000 Franken müssen für Velo, Fussgänger, sichere Schulwege und Verkehrberuhigung reichen. Deshalb sucht die Stadt nach günstigen Lösungen, was ich unterstütze. Verglichen mit anderen Regionen in der Westschweiz liegen die Freiburger Aufwände im Durchschnitt, verglichen mit der Deutschschweiz sind wir im Rückstand. Noch existiert die Velostation erst auf dem Papier. Ich hoffe auf eine ausgereifte Lösung. Eine uralte Forderung ist auch der Velotransport im Bus, was in der Stadt nicht möglich ist. Agglo und Kanton sollten endlich handeln.

vj: Stichwort Agglomerationsplanung. Stellt sie eine Vision dar?
Gütschner: Sie ist ein Paradebeispiel für die Frage: Wie viel Velo darf es sein? Die Idee eines Veloweges entlang den Schienen im topografischen Optimum besteht seit 1992. Es gibt zwar gute Strässchen, jedoch nicht ohne Hindernisse für Anhänger. Die Velowege durchgehend bis und vom Bahnhof zu führen, wäre für die ganze Region mit ihrem rasanten Wachstum ein grosser Gewinn. Ausflüge in die Stadt würden viel attraktiver – man könnte die Leute zum Umsteigen aufs Velo bewegen. Für mich eine mutige und notwendige Massnahme, vielleicht noch etwas utopisch. Ich hoffe, dass die Regierung sieht, wie sie mit einer einfachen, jedoch teuren Massnahme das Optimum rausholen kann.

vj: Kann Freiburg in seiner Schlüsselposition der übrigen Westschweiz in Velofragen die Augen öffnen?
Gütschner: Freiburg kann eine positive Brückenfunktion übernehmen, muss aber auch noch einiges lernen, denn Genf und Lausanne machen mehr. Freiburg wird immer gelobt für die Lebensqualität, was stimmt – der Veloklimatest passt leider nicht in dieses Bild.

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