
velojournal: Ist man als Alltagsvelofahrer in Freiburg ein Exot?
Marcel Gütschner: Exot nicht, denn man begegnet auch
in Freiburg vielen Velofahrenden. Im Seebezirk pendelt eine/r von elf
mit dem Velo, im Glanebezirk noch eine/r von 110. Der Autoanteil im
Kanton liegt bei siebzig Prozent – nur im Tessin ist er noch höher.
Trotzdem spürt man die Faszination des Fahrrades, wenn auch eher als
Sportgerät denn als Pendlerfahrzeug. Exotisch fühle ich mich erst, wenn
ich mit dem Kinderveloanhänger rumfahre.
vj: Wie ist die Stimmung unter Freiburgs VelofahrerInnen?
Gütschner: Es gibt ein Buch über die paradoxe
Psychologie der Velofahrenden: einerseits Spass und Freiheitsgefühl,
andererseits Bedrohung durch andere Verkehrsteilnehmende. Der Einsatz,
den das Velo nötig macht, wird durch die grössere Mobilität und das
bessere Lebensgefühl begründet. Dieses Verhalten beobachte ich in
Freiburg. Viele finden das Velofahren gefährlich. Auch hier gibts viel
Verkehr, viele gefährliche Stellen und fehlende Veloinfrastruktur. Die
Probleme sind längst bekannt. Doch Sicherheit hängt immer auch vom
eigenen Verhalten ab.
vj: War der zweitletzte Rang beim Veloklimatest der Grund für das schnelle Wachstum der IG Velo Freiburg?
Gütschner: Die beleidigte Reaktion der Stadt Freiburg
hat dazu beigetragen, dass die IG Velo erst recht auf Unterstützung
stiess. Doch wir wollen nicht ein Verein von Unzufriedenen sein. Das
Velo geniesst hier grosse Sympathie, viele sagen, endlich ist wieder
jemand da fürs Velo. Das hat mich überrascht.
vj: Musste man also gar nicht viel unternehmen, um Aufmerksamkeit zu erlangen?
Gütschner: Doch, wir haben hart gearbeitet. Dutzende
von Pressedossiers und Stellungnahmen zu Raumplanungsgesetz,
Veloförderprogramm, Agenda 21, Agglomerationsprogramm usw.
abgegeben.Wir kamen in eine sehr intensive Phase, die viel
Kommunikation mit Behörden erforderte. Es ist kein Zufall, dass wir
gewachsen sind.
vj: Hat bei der Stadt ein Umdenken eingesetzt?
Gütschner: Die Velogeschichte ist mehr Evolution als
Revolution. Ein Wandel braucht Zeit, und schliesslich stellen nicht nur
wir Forderungen. Doch wir haben eine neue Kommunikation mit den
Behörden aufgebaut – auf Seiten der Stadt ist eine neue Bereitschaft
entstanden.
vj: War das vor der Bekanntgabe der Veloklima-Ergebnisse noch anders?
Gütschner: Die Stadt hat einiges, aber zu wenig
realisiert. Dann kam das Verdikt. Wenn gewisse Probleme über Jahrzehnte
ungelöst bleiben, leidet darunter nun mal das Image. Die
Verantwortlichen waren beleidigt und haben das Ergebnis als
unprofessionell abgetan. Ich kann dies verstehen, finde die Reaktion
aber unglücklich. Vermutlich haben noch nie so viele VelofahrerInnen
aus der Bevölkerung so detailliert Stellung genommen. In der
Agglomerationsplanung war das Velo praktisch inexistent, nichts wurde
umgesetzt. Der Verantwortliche hat zugegeben, dass Freiburg die
schlechte Note verdiene, das fand ich grossartig. Auf der
Agglomerationsebene entstand eine konstruktive Basis.
vj: Es gibt konkrete Projekte wie die Velostation. Wird nun Geld in die Hand genommen?
Gütschner: Freiburg ist arm. 120000 Franken müssen für
Velo, Fussgänger, sichere Schulwege und Verkehrberuhigung reichen.
Deshalb sucht die Stadt nach günstigen Lösungen, was ich unterstütze.
Verglichen mit anderen Regionen in der Westschweiz liegen die
Freiburger Aufwände im Durchschnitt, verglichen mit der Deutschschweiz
sind wir im Rückstand. Noch existiert die Velostation erst auf dem
Papier. Ich hoffe auf eine ausgereifte Lösung. Eine uralte Forderung
ist auch der Velotransport im Bus, was in der Stadt nicht möglich ist.
Agglo und Kanton sollten endlich handeln.
vj: Stichwort Agglomerationsplanung. Stellt sie eine Vision dar?
Gütschner: Sie ist ein Paradebeispiel für die Frage:
Wie viel Velo darf es sein? Die Idee eines Veloweges entlang den
Schienen im topografischen Optimum besteht seit 1992. Es gibt zwar gute
Strässchen, jedoch nicht ohne Hindernisse für Anhänger. Die Velowege
durchgehend bis und vom Bahnhof zu führen, wäre für die ganze Region
mit ihrem rasanten Wachstum ein grosser Gewinn. Ausflüge in die Stadt
würden viel attraktiver – man könnte die Leute zum Umsteigen aufs Velo
bewegen. Für mich eine mutige und notwendige Massnahme, vielleicht noch
etwas utopisch. Ich hoffe, dass die Regierung sieht, wie sie mit einer
einfachen, jedoch teuren Massnahme das Optimum rausholen kann.
vj: Kann Freiburg in seiner Schlüsselposition der übrigen Westschweiz in Velofragen die Augen öffnen?
Gütschner: Freiburg kann eine positive Brückenfunktion
übernehmen, muss aber auch noch einiges lernen, denn Genf und Lausanne
machen mehr. Freiburg wird immer gelobt für die Lebensqualität, was
stimmt – der Veloklimatest passt leider nicht in dieses Bild.