
In Europa ist es noch winterlich ruhig, als wir Kairo erreichen. Die 18-Millionen-Stadt erstickt uns in einem Meer von Fahrzeugen und Sand, den der Khamsin, der Wind aus der Sahara, heranweht. Wir haben nur einen Wunsch: weg aus diesem Höllenlärm. Doch da entdecken wir den faszinierenden Anblick der Bahia Alaheich – so nennt man hier die Brotlieferanten –, die ihre Ware mit dem Fahrrad austragen. An den zahllosen Polizisten flitzen sie in weitem Bogen vorbei, halten sich noch weniger an die Vorschriften als die ägyptischen Autofahrer und stürzen sich furchtlos neben den grössten Bussen ins Verkehrsgetümmel. Wenn sich starke Motoren den Weg bahnen, indem sie statt der Bremse die Hupe bedienen, so schaffen die fliegenden Brotverkäufer das Gleiche mit List.
Wie Pfeile schiessen sie durch
die Strassen, fahren verbotenerweise in Gegenrichtung an endlosen
Fahrzeugschlangen vorbei und schlängeln sich durch zwei Stuhlreihen
eines Strassencafés, um in einem Bazar zu verschwinden. Auf dem Kopf
eine Art geflochtener Rahmen, auf dem gut hundert Baladis
(Fladenbrote) aufgestapelt sind, ein Gewicht von fünfzig Kilogramm. In
einer Hand ihr noch warmes Brot, in der anderen die Lenkstange. Für
diese virtuosen Radler gibt es Regeln nur, um gebrochen zu werden.
Auf ihren uralten Atlas-Goldline-Velos* mit nur einem Gang wirken diese
Helden der Arbeiterklasse wie die Verkörperung des griechischen Gottes
gleichen Namens, der die Erdkugel auf den Schultern trägt. Allerdings
besteht ihre harte Existenz lediglich darin, Kairo tagein, tagaus mit
Brot zu versorgen. Im Land der Pharaonen verzehrt man schon seit
Urzeiten mit Vorliebe Brot, viel Brot. Die Ägypter haben die
Fermentierung entdeckt und den ersten Brotofen gebaut. Heute, wo der
durchschnittliche Weltbewohner neunzig Kilogramm Brot pro Jahr
konsumiert, isst der Ägypter doppelt so viel. Das Fladenbrot, in der
Mitte durchgeschnitten, ist der traditionelle Begleiter zu Falafel und
Foul.
Brot ist den Mohammedanern heilig. Es ist Grundnahrungsmittel in ganz
Afrika. Das Wort Aysh bedeutet in Ägypten zweierlei: Brot und Leben.
Die Pyramiden wurden vor 4500 Jahren errichtet, das Fladenbrot geht auf
die Jungsteinzeit zurück (10000 Jahre vor Christus). Nur das Fahrrad
ist in Nordafrika erst Anfang des letzten Jahrhunderts aufgetaucht.
Flach wie die Stadt Kairo und rund wie das Rad eines Velos, hat das
Fladenbrot durch die Bahia Alaheich eine optimale Mobilität und genau
die richtige Geschwindigkeit gefunden (auf einem Leichtmotorrad würde
es davonfliegen), um frisch und duftend die Gaumen zu erfreuen.
Wer Brotlieferant werden
will, braucht gute Lungen, das zähe Durchhaltevermögen eines Kamels und
den starken Nacken eines Mongolen. Diese Männer auf zwei Rädern
besitzen einen unglaublichen Orientierungssinn und sind durch nichts
aus dem Gleichgewicht zu bringen. Im Kairoer Stadtviertel Bulaq lernen
wir Mohamed Gul kennen. Er ist über dreissig; von ein Uhr früh bis
nachmittags um vier fährt er Brot aus. Er verkörpert die dritte
Generation der Bahia Alaheich in seiner Familie. Sein Vater erzählt,
wie er selbst 1965 ins Geschäft eingestiegen war. Sohn Mohamed verkauft
seine Fladenbrote für 7 bis 10 Piaster das Stück, will aber auf keinen
Fall verraten, wie hoch sein mageres Einkommen ist.
Im permanenten Chaos der Riesenstadt mit einem Stapel Brot auf dem Kopf
auf einem Agala** herumzusausen, ist weder folkloristisch noch
poetisch. Doch wer in der Lage ist, auf dem Asphalt geschickt seine
Kreise zu drehen, kann überleben – vorausgesetzt, er besitzt ein Paar
starke Beine, selbst wenn er vom Lesen und Schreiben keine Ahnung hat.
Die Radfahrer der Länder des Wohlstands bringen Nachrichten oder
Informationen, also geistige Nahrung, die Bahia Alaheich dagegen
Nahrung für den Körper. Im Smog und Lärm der Megalopolis Kairo, auch
«Mutter der Welt» genannt, lässt mich ihre bescheidene Gegenwart etwas
vernehmen, was ich sehr schätze: eine wohltuende Stille.
* Ein neues Velo der Marke Atlas, Modell Goldline, kostet 200 ägyptische Pfund.
** «agala» bedeutet Rad und Fahrrad, gleich wie in Deutsch.