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Der Umstieg heiligt die Mittel

Um uns zum Umsteigen zu verleiten, subventioniert der Staat Bahnen, Tramlinien, Elektrobikes und gasbetriebene Autos. Als nicht subventionierte Velofahrende wollen wir darüber nicht klagen, solange uns der Staat nicht den Energiehahn zudreht. Doch doch, selbst diese Gefahr besteht. Hanspeter Guggenbühl

Wer Velo fährt, braucht kein Benzin und weniger körpereigene Energie als jene, die den gleichen Weg zu Fuss zurücklegen. Velofahrende bewegen sich auf schmalem Raum, kosten wenig, stinken selten, lärmen nicht und bleiben in der Regel bis ins hohe Alter kerngesund (über die Ausnahmen von dieser Regel informiert jeweils die Unfallstatistik). Eigentlich müssten Regierungen, Parlamente und Verwaltungen ihre helle Freude an uns haben. Das haben sie aber offensichtlich nicht. Denn kaum ein Tag vergeht, ohne dass irgendwo der Ruf erschallt, wir sollten umsteigen. Nicht Aufsteigen, «Umsteigen» heisst das Zauberwort der Schweizer Verkehrspolitik. Beim blossen Appell lassen es die staatlichen Organe freilich nicht bewenden. Zusätzlich machen sie uns den Umstieg mit vielerlei Anreizen und Subventionen schmackhaft.

Ungedeckte Bahntarife
Das gilt speziell für Leute, die auf die Bahn umsteigen: Von den total 14,1 Milliarden Franken, welche die Schweizer Bahnen jährlich kosten (Stand 2004), bezahlt der Staat laut neuster Eisenbahnrechnung 8,2 Milliarden in Form von Abgeltungen, Infrastrukturbeiträgen und Saldozinsen. Weitere 2,5 Milliarden Ertrag steuern Firmen und Personen bei, die Bahn-Liegenschaften mieten, in Bahnhöfen speisen oder Geld wechseln. Die Transporttarife, die Personen und Verlader von Gütern für die Nutzung der Bahnen zahlen, decken also nur 3,4 Milliarden oder einen Viertel der Bahnkosten. Gewiss, von diesen massiv subventionierten Bahntarifen können auch Velofahrende profitieren – sofern sie ihr Velo nicht im Selbstverlad mitnehmen und damit nach Italien südlich von Livorno reisen wollen.

Atom- ersetzt Muskelkraft
Ebenfalls belohnt werden Leute, die Muskel- durch Atomkraft ersetzen. So subventioniert der Bund den Kauf von Elektrobikes. Jene hingegen, die ein echtes Velo kaufen, bezahlen weiterhin den vollen Preis. Selbst die bescheidenen Spesen für Dienstfahrten auf dem Fahrrad, welche die Berner Kantonsverwaltung ihren Angestellten bislang vergütete, hat der Grosse Rat kürzlich gestrichen.
Als fördernswert beurteilen Regierung und Parlament auch die Gaskraft: Nach dem Bundes- und Nationalrat hat letzten Dezember der Ständerat beschlossen, die Treibstoffsteuern für gasbetriebene Autos auf weniger als die Hälfte zu senken. Den Behörden von Uster reicht diese nationale Förderung noch nicht. Wer in dieser Zürcher Gemeinde auf ein neues, bis 3,5 Tonnen schweres Erdgasauto umsteigt (ob vom Velo, Zug oder vom Benzinauto) und damit auf den verstopften Strassen herumlärmt, erhält von der Stadt Uster Treibstoffgutscheine im Wert von tausend Franken. Und wer zusätzlich mit Werbekleber für Erdgas wirbt, das bei der Verbrennung CO2 und Methan in die Luft pufft, kassiert zusätzlich 500 Franken.
All diesen Verlockungen zum Trotz gibt es immer noch Unentwegte, die sich weigern, vom Velo auf Erdgasautos oder Elektro-Bikes umzusteigen. Statt in vollen Zügen geniessen sie ihr Leben weiterhin auf zwei Rädern. Ihr leichtes Transportmittel treiben sie mit der Energie an, die sie aus Birchermüesli, Brot oder Spaghetti beziehen.
 
Pack Spaghetti in den Tank
Doch dieser genügsamen Fortbewegungsart droht jetzt eine weitere Subvention die Energiezufuhr abzuwürgen. Konkret: Bundesrat und Parlament haben beschlossen, sogenannte Bio-Treibstoffe, namentlich Ethanol und «Bio-Diesel», von den Treibstoffsteuern vollständig zu befreien. Ethanol wird aus Zuckerrohr, Weizen oder Mais gewonnen, «Bio»-Diesel aus Raps oder Palmöl. Die steuerliche Begünstigung bietet den Autos also einen Anreiz, vom Erdöl auf Nahrungsmittel umsteigen.
Für uns Velofahrende hört damit der Spass definitiv auf. Denn die Autos, die uns bisher nur an den Strassenrand oder auf schikanenreiche Velowege verdrängten, bedrängen uns und andere Pflanzenfresser künftig auch am Futternapf: Statt auf unsere Teller werden Brot, Polenta und Spaghetti künftig steuerfrei in den Autotank gefüllt. Kalorienreicher Zucker gelangt in den Vergaser statt in den Bidon. Was Subventionen und Schikanen allein nicht erreichten, vollendet jetzt die Umverteilung der Nahrung: Den Umstieg aufs Auto. Denn im Auto bremst uns der Hungerast weniger als auf dem Velo.

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