
Wer Velo fährt, braucht kein Benzin und weniger körpereigene Energie
als jene, die den gleichen Weg zu Fuss zurücklegen. Velofahrende
bewegen sich auf schmalem Raum, kosten wenig, stinken selten, lärmen
nicht und bleiben in der Regel bis ins hohe Alter kerngesund (über die
Ausnahmen von dieser Regel informiert jeweils die Unfallstatistik).
Eigentlich müssten Regierungen, Parlamente und Verwaltungen ihre helle
Freude an uns haben. Das haben sie aber offensichtlich nicht. Denn kaum
ein Tag vergeht, ohne dass irgendwo der Ruf erschallt, wir sollten
umsteigen. Nicht Aufsteigen, «Umsteigen» heisst das Zauberwort der
Schweizer Verkehrspolitik. Beim blossen Appell lassen es die
staatlichen Organe freilich nicht bewenden. Zusätzlich machen sie uns
den Umstieg mit vielerlei Anreizen und Subventionen schmackhaft.
Ungedeckte Bahntarife
Das gilt speziell für Leute, die auf die
Bahn umsteigen: Von den total 14,1 Milliarden Franken, welche die
Schweizer Bahnen jährlich kosten (Stand 2004), bezahlt der Staat laut
neuster Eisenbahnrechnung 8,2 Milliarden in Form von Abgeltungen,
Infrastrukturbeiträgen und Saldozinsen. Weitere 2,5 Milliarden Ertrag
steuern Firmen und Personen bei, die Bahn-Liegenschaften mieten, in
Bahnhöfen speisen oder Geld wechseln. Die Transporttarife, die Personen
und Verlader von Gütern für die Nutzung der Bahnen zahlen, decken also
nur 3,4 Milliarden oder einen Viertel der Bahnkosten. Gewiss, von
diesen massiv subventionierten Bahntarifen können auch Velofahrende
profitieren – sofern sie ihr Velo nicht im Selbstverlad mitnehmen und
damit nach Italien südlich von Livorno reisen wollen.
Atom- ersetzt Muskelkraft
Ebenfalls belohnt werden Leute, die
Muskel- durch Atomkraft ersetzen. So subventioniert der Bund den Kauf
von Elektrobikes. Jene hingegen, die ein echtes Velo kaufen, bezahlen
weiterhin den vollen Preis. Selbst die bescheidenen Spesen für
Dienstfahrten auf dem Fahrrad, welche die Berner Kantonsverwaltung
ihren Angestellten bislang vergütete, hat der Grosse Rat kürzlich
gestrichen.
Als fördernswert beurteilen Regierung und Parlament auch die Gaskraft:
Nach dem Bundes- und Nationalrat hat letzten Dezember der Ständerat
beschlossen, die Treibstoffsteuern für gasbetriebene Autos auf weniger
als die Hälfte zu senken. Den Behörden von Uster reicht diese nationale
Förderung noch nicht. Wer in dieser Zürcher Gemeinde auf ein neues, bis
3,5 Tonnen schweres Erdgasauto umsteigt (ob vom Velo, Zug oder vom
Benzinauto) und damit auf den verstopften Strassen herumlärmt, erhält
von der Stadt Uster Treibstoffgutscheine im Wert von tausend Franken.
Und wer zusätzlich mit Werbekleber für Erdgas wirbt, das bei der
Verbrennung CO2 und Methan in die Luft pufft, kassiert zusätzlich 500
Franken.
All diesen Verlockungen zum Trotz gibt es immer noch Unentwegte, die
sich weigern, vom Velo auf Erdgasautos oder Elektro-Bikes umzusteigen.
Statt in vollen Zügen geniessen sie ihr Leben weiterhin auf zwei
Rädern. Ihr leichtes Transportmittel treiben sie mit der Energie an,
die sie aus Birchermüesli, Brot oder Spaghetti beziehen.
Pack Spaghetti in den Tank
Doch dieser genügsamen
Fortbewegungsart droht jetzt eine weitere Subvention die Energiezufuhr
abzuwürgen. Konkret: Bundesrat und Parlament haben beschlossen,
sogenannte Bio-Treibstoffe, namentlich Ethanol und «Bio-Diesel», von
den Treibstoffsteuern vollständig zu befreien. Ethanol wird aus
Zuckerrohr, Weizen oder Mais gewonnen, «Bio»-Diesel aus Raps oder
Palmöl. Die steuerliche Begünstigung bietet den Autos also einen
Anreiz, vom Erdöl auf Nahrungsmittel umsteigen.
Für uns Velofahrende hört damit der Spass definitiv auf. Denn die
Autos, die uns bisher nur an den Strassenrand oder auf schikanenreiche
Velowege verdrängten, bedrängen uns und andere Pflanzenfresser künftig
auch am Futternapf: Statt auf unsere Teller werden Brot, Polenta und
Spaghetti künftig steuerfrei in den Autotank gefüllt. Kalorienreicher
Zucker gelangt in den Vergaser statt in den Bidon. Was Subventionen und
Schikanen allein nicht erreichten, vollendet jetzt die Umverteilung der
Nahrung: Den Umstieg aufs Auto. Denn im Auto bremst uns der Hungerast
weniger als auf dem Velo.