Szene
Pedalieren von Meer zu Meer
Anfang Oktober wurde die westliche Strecke der «EuroVelo 6»-Route zwischen Ulm und Nantes symbolisch eingeweiht. Im Endausbau wird sie den Atlantik mit dem Schwarzen Meer verbinden und ist Teil des Eurovelo-Netzes mit insgesamt zwölf Routen.
Ein farbiger Pulk von über 60 Velofahrenden bewegt sich an diesem
sonnigen Oktobertag durchs Donautal in Baden-Württemberg. Viele tragen
blau-gelbe T-Shirts und Pullover, die sich passend in die
golden-herbstliche Umgebung einfügen. Die Velos tragen Nummern, man
wähnt sich an einem Strassenrennen. Im Stadtpark von Tuttlingen spielt
eine Dorfkapelle zum Empfang Traditionelles – die Harmonikas verleihen
dem Anlass einen Hauch von Musette, die Atmosphäre schafft den Bezug zu
Frankreich und dem Osten. PassantInnen am Strassenrand beiben stehen
und fragen nach dem Zweck des Anlasses. Dieser begründet sich so: 1994
rief der Europäische Radfahrer-Verband (ECF) zwölf internationale
Velorouten ins Leben. Gesagt und getan sind dabei aber zwei Paar
Schuhe. Denn es dauerte zehn Jahre, bis sich die 18 französischen,
deutschen und schweizer Partner konkret mit der Umsetzung des
westlichen Teils der Eurovelo-Route 6 von Ulm bis an den Atlantik
befassten. Der Radweg folgt auf 4000 Kilometern den drei grössten
europäischen Flüssen, die zugleich Wiege der europäischen Zivilisation
sind: der Loire, dem Rhein und der Donau. Er führt also durch
Frankreich, die Schweiz, Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn,
Serbien, Kroatien, Bulgarien und Rumänien. Ziel des «EuroVelo
6»-Projekts ist es, Radfahrenden aussergewöhnliche Landschaften entlang
den Flüssen zu zeigen.
Eurovelo 6
Kombinierter Verkehr:
Unterschiedlichen Erwartungen von Veloreisenden entsprechend, sind
viele Start- und Zielorte mit dem öffentlichen Verkehr gut zu
erreichen. In den Ländern, die an der «EuroVelo 6»-Route liegen,
bemühen sich die Projektpartner um die Verbesserung der
Reisemöglichkeiten mit Velos auf Langstrecken in Zügen und Bussen. Die
französische Eisenbahngesellschaft SNCF etwa hat als Programmpartner
bereits bedeutende Fortschritte auf diesem Gebiet erzielt. Den
beteiligten Partnern wird ein Handbuch des kombinierten Verkehrs zur
Verfügung gestellt, das auf der Grundlage internationaler Erfahrungen
basiert.
Unterkunft: Analog zu den bewährten Vorgaben von Veloland Schweiz
bieten Hotels und Pensionen, die dem Programm angeschschlossen sind,
zum Beispiel Fahrradgaragen und Räume an, wo Kleidung trocknen kann,
sowie ein abgestimmtes Speiseangebot. Wie in Deutschland und in der
Schweiz soll künftig auch in Frankreich ein einheitliches
Unterkunfts-Label geschaffen werden.
Begleitendes Angebot: Entlang der gesamten Reiseroute finden sich Rad-
und Servicestationen. Einbezogen wird das ganze Netz von Veloverleihern
in der Schweiz, Deutschland, Österreich und entlang der Loire.
Komplexes Euro-Projekt
Was hier so einfach und überzeugend klingt, war in der Praxis eine
äusserst komplexe Aufgabe. Trotz oder gerade weil es sich um ein
EU-Projekt handelt: Mit den zur Verfügung stehenden 15 Millionen Euro
mussten neben geografischen auch sprachliche und kulturelle Grenzen und
Hürden überwunden werden. Die Schweiz steuerte 150 000 Franken zum
Projekt bei. Der zuständige Projektleiter Lukas Stadtherr schildert
seine Erfahrungen mit den internationalen Partnern: «Während Deutsche
und Schweizer nach dem Start eines Projekts umgehend und sehr
pragmatisch die Umsetzung anpeilen, wird in Frankreich symbolischen und
repräsentativen Handlungen mehr Bedeutung beigemessen; Abläufe sind
komplizierter und langwieriger.»
So war die Eröffnung auch für die Projektleitung nicht nur eine
multi-eurokulturelle Erlebnisfahrt, sondern auch eine
Überraschungsfahrt, immer mit der Unsicherheit, ob dieser oder jener
Streckenabschnitt auch wirklich fertiggestellt bzw. richtig
ausgeschildert sei. Die Beschilderung ist in Deutschland und in der
Schweiz durchgehend und gut, in Frankreich noch nicht einheitlich. Weil
zwischen Basel und dem Atlantik bis im nächsten Frühling 60 Prozent der
Radwege und Wegweiser realisiert sein werden, bleiben noch viele
Strecken unbeschildert. Wie Stadtherr aber vor Ort feststellen konnte,
«verhindern die hohen Sicherheitsanforderungen oft rasche Lösungen». So
sind die Franzosen zurückhaltend mit provisorischen Teilstrecken,
während Deutsche und Schweizer auch hier pragmatischer vorgehen.
Immerhin ist im Elsass und im Gebiet um Belfort der Euroradweg entlang
dem Rhone-Rhein-Kanal sowie von Tours bis Angers entlang der Loire
fertiggestellt. Von Nevers bis Chalon-sur-Saône und von Dôle bis
Montbéliard wird dank des europäischen Programms ein grosser Teil der
schwierigsten Abschnitte bis Frühling 2007 realisiert sein.
Verbleibende Abschnitte auf dem Teilstück zwischen Orléans und dem
Atlantik werden voraussichtlich 2008 fertiggestellt. Bis dahin müssen
sich Velofahrende auf regionalen, gut ausgeschilderten Routen
zurechtfinden.
Die Schweiz, Deutschland und Österreich dienen in diesem Grossprojekt
als Vorbilder, denn dort ist schon alles fertig. Diese Strecke ist
weitgehend ausgeschildert, abgesichert und mit allen für Radfahrer
notwendigen touristischen Infrastrukturen ausgestattet. Während
EuroVelo 6 bereits in die wichtigsten Kommunikationsmittel von Veloland
Schweiz integriert ist, werden diese in Deutschland und Österreich im
Verlauf des Jahres 2007 umgesetzt.
Stückwerk Ostroute
Weniger weit sind die Partner im Osten. So werden RadtouristInnen bis
Budapest vorerst auf der bekannten Donauroute geführt. Im restlichen
Ungarn, in der Slowakei, in Serbien, Kroatien, Rumänien und Bulgarien
ist der Realisierungsstand noch bruchstückhaft. Deshalb wird die Route
in den nächsten Jahren im Rahmen eines weiteren europäischen Projekts
entlang der Donau ausgebaut. Fertig wird die gesamte Ostroute aber erst
2010 sein. Allerdings darf auch dann nicht der gleiche Standard wie im
Westen erwartet werden. Bereits heute gibt es Routenkarten mit
definitiven und provisorischen Abschnitten zwischen Wien und dem
Schwarzen Meer.
Endlich europäisch
Der farbige Velopulk hat nach fünf Tagen in Saumes den westlichsten
Teil der «EuroVelo 6»-Route erreicht. Überall fanden sich viele
Medienschaffende ein, die sich über den Stand dieses bisher grössten
europäischen Velo-Tourismusprojektes informieren liessen. Zuweilen ging
es in den Gastorten zu und her wie auf einem Volksfest oder einer
Velodemo. So fuhren in Belfort gegen 200 Personen mit.
Für Lukas Stadtherr ist das Projekt auch aus Schweizer Sicht gelungen
und noch immer «extrem spannend», kamen doch erstmals an einem
Eurovelo-Eröffnungsevent Medienschaffende, Reiseveranstalterinnen,
Projektpartner und Endkundinnen zusammen. Befriedigt stellte er fest,
dass das bewährte Veloland-Konzept auch hier funktioniert: «Einfache
Signalisationselemente vor Ort, die auch den Ansprüchen für die
Verbreitung in den Printmedien und im Internet entprechen.» So kommen
Schweizer VelotouristInnen im europäischen «Veloland» dank der
gleichnamigen Stiftung als Juniorpartner in diesem Projekt zu einem
grenzüberschreitenden Erlebnis, auch ohne EU-Mitgliedschaft. Typisch
schweizerisch auch dies.
www.eurovelo.org
www.eurovelo6.org
12 europäische Radwanderstrecken
Nord-Süd-Routen: Nr. 1 – Strecke an der Atlantikküste: Nordkap–Sagres
(8200 km). Nr. 3 – Pilgerstrecke: Trondheim–Santiago de Compostela
(5100 km). Nr. 5 – Romea Francigena: London–Rom und Brindisi (3900 km).
Nr. 7 – Strecke Mitteleuropa: Nordkap–Malta (7300 km). Nr. 9 – Von der
Ostsee an die Adria (Bernsteinstrecke): Danzig–Pula (1900 km). Nr. 11 –
Osteuroparoute: Nordkap–Athen (6000 km)
Westrouten: Nr. 2 – Von Hauptstadt zu Hauptstadt: Galway–Moskau (5500
km). Nr. 4 – Roscoff–Kiew (4000 km). Nr. 6 – Vom Atlantik bis ans
Schwarze Meer (Flussroute): Nantes–Constanta (4000 km). Nr. 8 –
Mittelmeerroute: Cádiz–Athen und Zypern (5900km)
Rundradwanderwege: Nr. 10 – Radrundfahrt Ostsee/ Hanse-Rundfahrt (8000 km). Nr. 12 – Radrundfahrt Nordsee (6000 km)