Szene

Velos beim Grossverteiler: Kommt der Dammbruch?

Die Branche hat im letzten Jahr etwa gleich viele Velos verkauft wie im Vorjahr. Es wurden aber deutlich mehr teurere und billigere Velos verkauft. Ein Rätsel gibt die Verbandsstatistik auf: Dort fehlen rund 70000 Einheiten. Unterschätzt die Branche die Grossverteiler? Peter Hummel

Die Statistik des Schweizer Branchenverbandes Velosuisse zeigt es: Mit 277000 verkauften neuen Velos (ohne Kinderräder) blieb der Schweizer Markt im Jahr 2005 ziemlich stabil. Die Verkaufszahlen liegen nur 2000 Stück unter denen des Vorjahrs. Bei den Preisen gab es grössere Ausschläge: Der Fachhandel verzeichnete bei teuren Bikes über 2000 Franken ein Plus von 23 Prozent, die Grossverteiler legten im Segment unter 1000 Franken um 30 Prozent zu.
Mit 135000 verkauften Mountainbikes machten diese Modelle auch 2005 den grössten Anteil am Kuchen aus. Citybikes, ausgerüstet mit Lichtanlage, Kettenschutz und Gepäckträger, liegen deutlich zurück. Der Grund: Viele Mountainbikes, die zwar oft auch nur in der Stadt gefahren und deshalb nachträglich mindestens mit Schutzblechen bestückt werden, werden in der Statistik aufgrund ihres optisch-technischen Profils noch immer zu den Mounties gezählt.
Dass das Mountainbike zunehmend als echtes Fitnessgerät eingesetzt wird, beweist die Tatsache, dass das Segment der hochwertigen MTBs über 2000 Franken um fast ein Viertel zulegen konnte, nach dem Motto: Gute Qualität sorgt für mehr Fahrspass, und gesteigerter Fahrspass bringt wiederum mehr Fitness!

Grossverteiler holen auf
Ein weiterer Indikator für die zunehmende Fitnesslust sind die steigenden Verkaufszahlen von Rennvelos. Vor allem die Tatsache, dass viele ambitionierte MountainbikerInnen als Alternative das Rennvelo entdecken, sorgte für einen Zuwachs von fast 20 Prozent: 14 000 Flitzer wurden letztes Jahr verkauft. Vom guten Absatz hochwertiger Renner und Mountainbikes profitiert natürlich der Fachhandel. Dieser Kanal konnte seine starke Stellung halten: Mit 72 Prozent Anteil am Gesamtmarkt hält der Schweizer Fachhandel neben jenem in Holland international immer noch eine einsam hohe Position. Eine dichte regionale Abdeckung mit noch rund tausend Geschäften und eine treue Kundschaft, die bereit ist, für gute Produkte und Dienstleistungen etwas tiefer in die Tasche zu greifen, ermöglichten dieses Ergebnis. Dafür stellen Schweizer KonsumentInnen punkto Beratung, Design und Service höhere Ansprüche als der durchschnittliche Kunde in den umliegenden Staaten.
Im Preisbereich unter 1000 Franken zieht die Kundschaft die bekannten Grossverteiler den qualitativ minderwertigen Billigstangeboten von reinen Discountern oder Rampenverkäufern vor; Migros, Coop und Ochsner konnten ihren Marktanteil in diesem Preisbereich um ganze 30 Prozent ausbauen, gemäss Interpretation von Velosuisse auf Kosten der Billigstanbieter. Migros hatte letztes Jahr mit dem M-Budget-Bike einen überaus erfolgreichen Versuchsballon gestartet. Nachdem sich die ursprünglich auf 777 Stück limitierte Startauflage mitten im Winter wie frische Weggli verkauft hatte, wurde das knallgrüne Kultbike für 299 Franken inzwischen fest ins Sortiment aufgenommen (ergänzt um ein Kindermodell für 199 Franken). Allerdings gilt es den Erfolg der Grossverteiler zu relativieren: Dem Zuwachs bei den Mountainbikes standen Minderverkäufe in andern Kategorien wie Cross oder Jugend gegenüber, so dass ihre Verkaufsposition mit 77000 Velos gesamthaft unverändert blieb. Dieses Resultat erzielten die Grossverteiler praktisch ausschliesslich mit Eigenmarken. Die sind zwar sehr gut eingeführt, doch der Lieferboykott der Markenhersteller geht nicht spurlos an den Grossverteilern vorbei. Inzwischen verdichten sich die Anzeichen, dass dieser «Anachronismus» im Sportfachhandel in absehbarer Zeit auch in der Schweiz verschwinden dürfte. Im Zubehörbereich bieten die Grossverteiler ja bereits erfolgreich bekannte Fremdmarken an. Wenn es einmal so weit kommt, dürften die lange Zeit kaum veränderten Absatzzahlen der wichtigsten Anbieter endlich wieder in Bewegung geraten.

«Unscharfe» Verbandszahlen
So schön und aufgeschlüsselt die Zahlen von Velosuisse auch präsentiert werden, so irritierend ist doch ein Schönheitsfehler, der sie begleitet: Die Zahlen weichen nämlich erheblich von der offiziellen Zollstatistik ab. Diese weist eine Inlandanlieferung von 374000 Velos aus. Davon sind rund 50000 Kindervelos. Rund 15000 Velos werden «privat» eingeführt (zum Beispiel von Internet-Käufern). In der Schweiz selbst werden 40000 Velos montiert – und zum grössten Teil auch hier verkauft. Diese Rechnung ergibt ein Total von 349000 Velos – rund 70000 Einheiten, die in der Aufstellung des Verbandes Velosuisse nicht auftauchen.
Einen Unsicherheitsfaktor stellen die mehreren Dutzend kleinsten bis mittleren Fahrradlieferanten dar, die nicht Mitglieder des Verbands sind und deshalb keine Zahlen abliefern, sondern eingeschätzt werden. Branchenkenner mutmassen freilich, dass die grösste Unterschätzung bei den Billigkanälen wie Conforama, Jumbo, Otto’s und Auktion Z geschieht, die im Gegensatz zu den Grossverteilern Migros, Coop und Ochsner keine Zahlen melden.

Velohandel: Vom Ausruhen auf vermeintlichen Lorbeeren

ur. Seit einigen Jahren ist der Schweizer Velohandel stabil. Glaubt man den Marktzahlen des Branchenverbands Velosuisse, so besitzt der Fachhandel eine komfortable Dreiviertelsmehrheit der Verkäufe und einen der weltweit höchsten Durchschnittsverkaufspreise für Velos. Ganz so rosig ist die Lage für die Schweizer Velohändler allerdings nicht. So sind die Absatzzahlen zwar konstant, aber eben tief. Zum Vergleich: Als das Mountainbike vor rund fünfzehn Jahren boomte, rollten jährlich über eine halbe Million Velos aus den Geschäften. Zudem hat die Konkurrenz des klassischen Velohandels ihre Hausaufgaben gemacht und ist nun bereit, sich ein grösseres Stück vom Kuchen abzuschneiden. Blickt man auf die Zollstatistik, dürfte ihr Anteil am Markt bereits heute grösser sein als angenommen.
Einige Direktvertreiber wie Simpel und Thömus und Detailhändler wie Migros oder der Sporthändler Ochsner haben sich bereits jetzt besser auf das veränderte Konsumverhalten der Bevölkerung eingestellt als der klassische Velohandel. Aber auch innerhalb der Branche zeigt sich, dass ein Teil von ihr den Anschluss an ihre potenziellen KundInnen zu verlieren droht. Mehrere ehemals grosse Velomarken sind in den letzten Jahren geschrumpft oder vom Markt verschwunden, während sich auf ihre Kosten eine Vielzahl kleiner Importeure und Hersteller immer erfolgreicher auf dem Markt behauptet. Auch Händler, die den Ansprüchen der Velofahrerenden entgegenkommen, blicken zufrieden auf das vergangene Jahr zurück. Denn nach wie vor sind viele SchweizerInnen gerne mit dem Velo unterwegs. Wenn der Fachhandel und seine Lieferanten diese Leute weiterhin zu ihren Kunden zählen wollen, dürfen sie sich nicht auf den Lorbeeren ihrer scheinbaren Erfolgszahlen ausruhen.
Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum