Sport
Nicht nur reden, sondern handeln
Nach dem Dopingskandal im Phonak-Team und dessen Auflösung befürchtet der nationale Radsportverband Swiss Cycling, dass im Sog der Dopingfälle auch der Nachwuchs und die Veranstalter von Radrennen zu den Leidtragenden gehören könnten. Pascal Meisser
Der Rückzug der Schweizer ProTour-Mannschaft Phonak kam nach dem
Dopingfall von Floyd Landis nicht unerwartet. Der 13. Zwischenfall
innerhalb von sieben Jahren war für Phonak-Verwaltungsratspräsident und
Radsportmäzen Andy Rihs einer zu viel. Er gab im August die Auflösung
des Teams per Ende Saison bekannt, nachdem die Suche nach einem neuen
Sponsor erfolglos verlaufen war. Der bisherige Geldgeber Phonak gab
schon im vergangenen Jahr seinen Rückzug aus dem Team auf Ende 2006
bekannt, der designierte Nachfolger iShares, ein Fondsverwalter aus den
Vereinigten Staaten, zeigt nach der zu erwartenden Sperre gegen
Teamcaptain Landis kein Interesse mehr und löste den Vertrag auf.
Der nationale Radsport leidet
Die
Medien berichteten von einem harten Schlag für den Schweizer Radsport.
Diese Einschätzung wird allerdings längst nicht von allen Beteiligten
geteilt. Rihs wird vielmehr vorgeworfen, zu viele Millionen in den
Profisport und zu wenig Geld in den Nachwuchssport investiert zu haben.
Nichtsdestotrotz kann das Ende der Phonak-Mannschaft Auswirkungen
auf die nationale Radsportszene haben. Der ehemalige
U23-Nationaltrainer und Manager des Post Swiss Teams, Kurt Bürgi, weiss
von zwei Sponsoren, die sich nach den Phonak-Dopingfällen aus seiner
U23-Mannschaft Bürgis Cycling Team auf Ende Jahr zurückziehen werden.
Derzeit ist noch nicht bekannt, ob auch Radsportveranstaltungen mehr
Mühe haben werden, Geldgeber zu finden.
Mit Besorgnis verfolgt
Swiss-Cycling-Präsident Melchior Ehrler die Entwicklung. Er sorgt sich
nicht nur um die Schweizer Fahrer bei Phonak, die nun einen neuen
Arbeitgeber suchen müssen. Er bedauert auch, dass der Schweizer
Radsport mit dem Rückzug des Teams ein Stück Identifikation verloren
hat. Für ihn steht nun an erster Stelle, die Glaubwürdigkeit des
Radsports zurückzugewinnen, wie er im folgenden Interview darlegt.
Interview mit Melchior Ehrler
velojournal: Wie kann Swiss Cycling dazu beitragen, dass der Radsport wieder glaubwürdig wird?
Ehrler: Es
braucht den Willen und das Handeln aller Beteiligten. Mit einem auf
allen Ebenen verbesserten System wird Doping entscheidend erschwert.
velojournal: Welche Instrumente und Massnahmen nebst den bisherigen Dopingkontrollen sind denkbar?
Ehrler: Wir
erarbeiten im Moment eine ganze Reihe von Ethik-Massnahmen, die bei
Ausbildung und Trainerlehrgängen zur Anwendung kommen. Bei den
Kontrollen werden neue Verfahren wie Blutvolumenmessungen eingesetzt.
Weitere Bereiche bilden die Vergabe von Lizenzen oder die Selektion für
Rennen.
velojournal:
Wie lässt sich das Dopingproblem global lösen, wenn die Schweiz führend
sein will? Sind internationale Symposien zum Gedankenaustausch eine
Möglichkeit des Wissenstransfers?
Ehrler:
International ist jetzt einiges ins Rollen gekommen. Beim
Weltradsportverband UCI weiss man, dass es für die langfristige
Existenz des Radsports Glaubwürdigkeit braucht. Es ist wichtig, dass
wir uns gemeinsam mit anderen Ländern innerhalb der internationalen
Verbände für bessere Regelungen engagieren.
velojournal: In
der Schweiz bietet der politische Rahmen nach wie vor wenig
Unterstützung – im Gegensatz zu anderen Staaten. Wird sich Swiss
Cycling in Zukunft auch politisch engagieren?
Ehrler:
Zuerst möchte ich festhalten, dass die Schweiz im internationalen
Vergleich – nicht zuletzt dank Unterstützung des Staates – sehr viel in
Sachen Dopingbekämpfung macht. Ich erwähne als Beispiel nur die «Cool
and clean»-Kampagne, das Programm für fairen und sauberen
Nachwuchsleistungssport. Erst muss geprüft werden, was aufgrund der
bestehenden Gesetze möglich ist. Dann wird sich zeigen, ob allenfalls
Handlungsbedarf besteht.
velojournal: Derzeit
beschränkt sich in den Medien das Thema Doping aufgrund aktueller Fälle
hauptsächlich auf die Sportarten Radsport und Leichtathletik. Sucht
Swiss Cycling auch mit Verbänden anderer Sportarten das Gespräch, um
über Dopingbekämpfung und -prävention zu diskutieren?
Ehrler:
Es ist eigenartig: Die berühmte spanische Liste enthielt ja Namen von
Radfahrern, aber auch solche von Personen anderer Sportarten. Die Sache
der Radfahrer wurde weithin publik gemacht, bei den anderen Sportarten
herrscht Stillschweigen. Ich gehe mal davon aus, dass es schon Kreise
gibt, die ganz gerne hinter dem Radsport in Deckung bleiben. Für mich
ist klar: Zuerst müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Aber dann
wünsche ich mir eine Linie, die für alle Sportarten gilt.
Das Interview wurde per E-Mail geführt.